Willkommen!

Lotti_und_JosiSeit vielen Jahren bin ich gezwungen, mich mit dem Thema Demenz auseinander zu setzen. Nicht aus beruflichen, sondern aus privaten Gründen, denn mein Mann leidet an dieser Erkrankung und er und ich mussten lernen, damit umzugehen und zu leben. Ich habe mich entschlossen, meine Erkenntnisse, die ich in den letzten Jahren gewonnen habe, öffentlich zu machen, um anderen Betroffenen die Chance zu geben, aus meinen Fehlern zu lernen. In der Vergangenheit habe ich viel falsch gemacht, aber auch vieles intuitiv richtig. Ich bin keine Ärztin und auch keine ausgebildete Pflegekraft, sondern einfach nur die Ehefrau eines an Demenz erkrankten Mannes, weshalb meine Sicht der Dinge laienhaft und nicht wissenschaftlich korrekt ist. Die vielen Fragen, die es zu diesem Thema gibt, werde ich also nicht fundiert beantworten können, vielmehr möchte ich einfach nur erzählen, wie die Geschichte anfing und wie es uns heute geht. Vielleicht könnt ihr aber daraus schon etwas mitnehmen, was euch weiterhilft, das würde mich glücklich machen. Da ich einen sehr eigenwilligen, fast schon skurrilen  Humor habe – übrigens meine Rettung in all den Jahren – wird hier zwangsläufig mehr gelacht, als geweint. Mein Mann Josi war in seinem früheren Leben Mediziner und ist Anfang achtzig und ich, die liebe Lotti, bin Mitte sechzig und war einmal Möbeldesignerin. Aber genug geredet, jetzt schmeiße ich euch ganz brutal in meine Welt und starte mit dem Anfang unserer Demenz-Geschichte.

 

1. Ein neues Lebenskapitel

Ein neues Kapitel in meinem Leben
(In unregelmäßigen Abständen werde ich an dieser Stelle erzählen, wie das Leben ohne Josi an meiner Seite weiterläuft und wie sehr mich das Thema Demenz immer noch beeinflusst. Wenn es neuen Text gibt, werde ich Euch auf Fb darüber informieren.)
Lottis Blog hatte ich immer zeitversetzt geschrieben, ich hinkte der realen Zeit also immer ein wenig hinterher. Daher war es natürlich besonders schmerzlich für mich, die letzten Tage von Josi noch einmal zu durchleben und es kostete mich enorm viel Kraft, die Geschehnisse aufzuschreiben. Mir war eher danach, den Computer in die Mülltonne zu pfeffern, mich ins Bett zu legen und die Decke über den Kopf zu ziehen. Aber dann dachte ich an euch alle, die ihr noch mitten drin steckt, im täglichen Wahnsinn mit Demenz & Co und an diejenigen, die auch ihre Liebsten verloren hatten und ich dachte an die vielen Freunde hier und wie schade es wäre, den Kontakt mit ihnen zu verlieren.
Wenn mich heute einer fragt, wie es mir geht, gebe ich meist eine positive Antwort und gehe schnell zur Tagesordnung über und ich merke sofort, wie erleichtert die Menschen sind, weil ich weder in Tränen ausbreche noch ein großes Gejammer anfange, womit natürlich weder meinem Gegenüber noch mir geholfen wäre. Sehr schlecht konnte ich mit den Reaktionen mancher Bekannter umgehen, die mir ganz nah auf die Pelle rückten, mich bemitleidend tätschelten und sich mit tränenerstickter Stimme nach meinem Befinden erkundigten. Meist sprang ich dann einen Schritt zurück und versuchte meinerseits die Leute zu trösten. Eine kuriose Situation. Allerdings habe ich mittlerweile gelernt und akzeptiert, dass eben nur wenige Menschen instinktiv richtig reagieren, wenn sie einem trauernden Hinterbliebenen gegenüberstehen und die Mehrheit eben nicht sehr gut mit dem Thema Tod umgehen kann, das ist einfach so.
Zum Glück habe ich nur selten Albträume, in denen ich Josi meinen Name schreien höre und das ist dann so real, dass ich wie eine Tarantel aus dem Bett springe, um nach ihm zu schauen, aber erst wenn ich richtig wach bin, wird mir klar, dass es nur ein Traum war. In meine Trauer mischt sich auch die Erleichterung, dass Josi nicht mehr leiden muss und ihm eventuell viel erspart geblieben ist. Wenn ich stimmungsmäßig mal ganz unten bin, stelle ich mir vor, wie entspannt und glücklich er jetzt ist und endlich wieder machen kann, was er möchte. Diese positiven Gedanken sind sehr hilfreich und holen mich rasch aus dem dunklen Loch heraus.
In den letzten Monaten musste ich vor allen Dingen lernen herauszufinden, was mir gut tut und was nicht und ich probierte alle möglichen Sachen aus. Meine wichtigste Erkenntnis aus dieser Phase: Zeit lassen! Ich habe beispielsweise immer noch die Schränke voll mit Josis Klamotten und dort bleiben sie auch so lange, bis ich vielleicht eines Tages nicht mehr in Tränen ausbreche, wenn ich ein Jackett oder einen Pullover von ihm in die Hand nehme. Ein anderes Thema ist Essen kochen geworden. Über die Jahre hatte ich ein Standardrepertoire an Lieblingsgerichten von Josi und mir zusammengestellt, die ich immer wieder abwechselnd für uns zubereitete. Auch nach Josis Tod legte ich natürlich weiterhin viel Wert auf eine gesunde Ernährung und kaufte alle notwendigen Zutaten für meine erste Witwenmahlzeit ein und machte mich ans Werk. Als alle Köstlichkeiten auf dem Teller lagen, brach ich beim ersten Bissen in Tränen aus und mir wurde übel bis zum Erbrechen. Weil ich dachte, dass ich vielleicht nur einen schlechten Tag hatte, probierte ich es natürlich noch mehrmals, reagierte aber leider immer auf die gleiche Weise. Ich bin allerdings auch hier der Meinung, dass sich mein Verhalten eines Tages wieder normalisieren wird und setze mich deshalb nicht unter Druck und habe vor allem kein schlechtes Gewissen. In der Zwischenzeit teste ich kleine Gerichte aus, die ich nie zuvor gekocht und auch noch nicht in dieser Zusammensetzung gegessen habe. Die Tage saß ich zufällig mit einigen anderen Witwen zusammen und da kam auch das Thema Ess- und Kochgewohnheiten zur Sprache und siehe da, den anderen Mädels geht es genau wie mir und ich bin jetzt ganz erleichtert, dass ich kein Einzelfall bin. Wenn man dreißig und mehr Jahre fast täglich eine warme Mahlzeit auf den Tisch gebracht hat, ist es ja vielleicht auch irgendwann einmal gut. Neue Zeiten bringen auch neue Herausforderungen mit sich und man sollte sich nicht vor ihnen verstecken, sondern sie annehmen.
Meine Familie und Freunde drängeln mich ständig, jetzt endlich einmal in Urlaub zu fahren und mich zu erholen und sie haben wenig Verständnis, dass ich keine Lust dazu habe. Aber ich erhole mich prächtig in den eigenen vier Wänden und genieße den Zustand, mich nicht mehr sorgen zu müssen, wie es Josi geht, aus dem Haus zu laufen, wann immer ich möchte, meinen Tag einteilen zu können, wie immer ich mag und mich nicht mehr abzuhetzen. Da ich durch die Erkrankung von Josi schon viele Jahre lang ziemlich isoliert gelebt habe, zwinge ich mich jetzt ab und zu, unter Leute zu gehen, damit ich nicht zum Eremiten werde. Plötzlich als Witwe durchs Leben zu laufen ist allerdings ein Thema für sich. Bei einer Einladung neulich hatten die Gastgeber alle alleinstehenden Frauen an einen Tisch gesetzt, das fand ich ziemlich daneben und ich weiß bis heute nicht, was sie sich dabei gedacht haben. Geteiltes Leid bedeutet nicht zwangsläufig halbes Leid und ich hätte mich viel lieber mit irgendwelchen Pärchen über Gott und die Welt ausgetauscht. Wenn ein Satz schon mit: „Ach Du Arme, für Dich ist ja alles neu“, anfängt, habe ich eigentlich schon gegessen und keine Lust mehr auf weitere Gespräche. Meine Freundinnen sind alle noch verheiratet bzw. leben in einer Partnerschaft und wenn sie dann bei einem Treffen von fröhlichen Kino- und Theaterbesuchen erzählen oder ihren Reisen, die sie noch vor oder schon hinter sich haben, muss ich schon ein wenig schlucken, aber zum Glück bin ich kein neidischer Mensch und ja schon seit Jahren daran gewöhnt, dass dieses Kapitel des Lebens für mich neu geschrieben werden muss. In so einer fröhlichen Runde kann ich ja auch schlecht dazwischen rufen, dass ich Artikel und ein Buch über Demenz schreibe. So etwas will niemand hören und interessiert auch niemanden. Da bleibe ich lieber der aufmerksame Zuhörer und erkundige mich nach dem Inhalt der Filme oder den Reisezielen und das wird dann meist zum abendfüllenden Thema und die Zeit geht schneller rum, bis ich endlich wieder in mein kuscheliges Nest springen darf.
Glücklicherweise war ich nie der komplett durchstrukturierte und ständig planende Mensch, das kommt mir jetzt sehr zu Gute. Außer Enttäuschungen hätten mir hochfliegende Pläne in der Vergangenheit nichts gebracht und deshalb lasse ich auch künftig lieber alles auf mich zukommen und vertraue darauf, dass sich positive Dinge von alleine entwickeln.

80a. Pflegestärkungsgesetz II

Gerade beim ersten Besuch vom MDK ist es für Sie und noch viel mehr für den an Demenz Erkrankten sehr anstrengend und nervenaufreibend darüber zu sprechen oder gar zuzugeben, was alles ohne Unterstützung nicht mehr klappt und man fühlt sich zwangsläufig sehr unwohl dabei. Das führt leider manchmal dazu, dass man Situationen oder Handhabungen aus Scham oder Verlegenheit beschönigen möchte. Das ist allerdings eine komplett verkehrte Reaktion, weil der Gutachter dann nicht den richtigen Eindruck bekommen kann. Versuchen Sie, bei dem ganzen notwendigen Prozedere sachlich und glaubhaft zu sein und nichts persönlich zu nehmen. Bleiben Sie offen und ehrlich, verschweigen Sie nichts und fügen Sie aber auch nichts hinzu, was Ihnen später widerlegt werden könnte. Natürlich wollen auch die Betroffenem einem Fremden gegenüber in einem guten Licht dastehen, keine Fehler zugeben und sich möglichst nicht blamieren. Wer erzählt schon gerne freiwillig, dass er nicht mehr alleine zur Toilette gehen kann oder nicht mehr in der Lage ist, alleine zu duschen oder sich zu waschen. Selbst wenn Erkrankte vom Gutachter direkt darauf angesprochen werden, antworten sie in der Regel, dass sie selbstverständlich noch alles können und alles alleine bewerkstelligen, auch wenn das nicht der Wahrheit entspricht. Dann müssen Sie natürlich sehr diplomatisch eingreifen und notfalls in einem Vieraugen-Gespräch den MDK über die tatsächlichen Defizite aufklären. Gerne machen Angehörige auch den Fehler, ihre Liebsten herauszuputzen, als käme die Königin von England zu Besuch. Wenn auch gut gemeint, vermittelt es wiederum einen falschen Eindruck, weil Sie ja in Wirklichkeit gar nicht in der Lage wären täglich so einen Aufwand zu betreiben. Solange der Demenzkranke gepflegt ist und auch so ausschaut, haben Sie alles richtig gemacht und Sie bitten ja auch unter anderem genau deshalb um Unterstützung, dass dieser „gepflegte“ Zustand dauerhaft erhalten bleibt.
Durch das lange überfällige Pflegestärkungsgesetz II bekommt der Gutachter die Vorgabe, die Pflegebedürftigen ganzheitlich im Bezug auf ihre Selbständigkeit zu bewerten, was besonders den an Demenz erkrankten Menschen zu Gute kommt. Es werden körperliche, geistige und psychische Einschränkungen gleichermaßen erfasst und in die Einstufung einbezogen. Mit der Begutachtung wird der Grad der Selbständigkeit in sechs verschiedenen Bereichen gemessen und – mit unterschiedlicher Gewichtung und festen Punktwerten – zu einer Gesamtbewertung zusammengeführt. Beurteilt wird anhand von:

Mobilität (Aufrichten im Bett, Sitzposition und umsetzen, Fortbewegen in der Wohnung
und Treppensteigen)
Kognitive und kommunikative Fähigkeiten (Personen erkennen, zeitliche und örtliche
Orientierung, Erinnern an Ereignisse, Entscheidungen im Alltagsleben treffen)
Verhaltensweisen und psychische Problemlagen (Verhaltensauffälligkeiten, nächtliche
Unruhe, Wahn und Ängste, unangebrachte Handlungsweisen)
Selbstversorgung (Körperpflege, Toilettengang, Anziehen , Essen zubereiten)
Bewältigung von und selbständiger Umgang mit krankheits- oder
therapiebedingten Anforderungen und Belastungen (Hilfsaufwand bei Medikation,
Wundversorgung, häusliche Therapiemaßnahmen, Arzt- und Einrichtungsbesuche)
6. Gestaltung des Alltagslebens und sozialer Kontakt (z. B. Pläne schmieden, sich
beschäftigen, Kontaktpflege im und außerhalb des eignen Haushalts)

Mit Hilfe des Pflegetagebuchs, der ermittelten Punkte sowie Ihren persönlichen Auskünften wird der Gutachter des MDK den Zeitumfang auflisten, den Sie für die Pflege und Betreuung des Betroffenen benötigen und danach die Empfehlung geben, welchen Pflegegrad er für passend hält.
Sie können sich schon vorab an diesem Zeitfenster grob orientieren:
Bei Pflegegrad I werden für die Grundpflege mindestens 27-60 Minuten benötigt und die psychosoziale Unterstützung einmal täglich notwendig sein.
Für den Pflegegrad II werden 30-127 Minuten für die Grundpflege berechnet sowie einmal täglich psychosoziale Unterstützung.
Ist für den Betroffenen der Pflegegrad II mit eingeschränkter Alltagskompetenz vorgesehen, dann sollte die Grundpflege mindestens 8-58 Minuten beanspruchen und die psychosoziale Unterstützung 2-12 x täglich erforderlich sein.
Darüber hinaus ist er sehr wichtig, dass Sie mit dem Gutachter Ihre Wohnsituation besprechen und ob sie eine vernünftige Pflege zulässt. Haben Sie beispielsweise nur eine Badewanne und keine separate Dusche und wird es immer schwieriger, den Erkrankten aus der Badewanne herauszubekommen, kann eine Empfehlung für einen Wannenlift direkt in das Gutachten mit aufgenommen werden. Oder Ihre Dusche ist zur Stolperfalle geworden und müsste umgebaut werden, so würde auch dieser Umstand in das Gutachten mit einfließen und Sie ersparen sich eine nachträgliche Beantragung. Glücklicherweise haben Sie ja schon durch den Pflegeberater vor dem Besuch des MDK viel Wissenswertes erfahren und eine Menge Tipps bekommen, dass Sie beispielsweise Anspruch auf Ersatz- und Kurzzeitpflege haben, was Sie nun auch mit dem Gutachter abklären können. Teilen Sie ihm auch mit, welche Pflegehilfsmittel und Hilfsmittel Sie bereits jetzt schon benötigen. Zu guter Letzt bitten Sie den Gutachter, dass Ihnen nicht nur die Beurteilung des Pflegegrades zugeschickt wird, sondern auch das Pflegegutachten, was für Sie in Zukunft noch sehr wichtig sein wird. Zeitnah werden Sie von der Pflegekasse die gewünschten Unterlagen bekommen und wenn Sie dann wissen, in welcher Höhe Ihnen die finanziellen Mittel zur Verfügung gestellt werden, können Sie als pflegender Angehöriger zumindest schon einmal für die nahe Zukunft die Unterstützung planen und organisieren, die sie so dringend benötigt haben.
(Quelle: Bundesministerium für Gesundheit/ Deutsche Alzheimer Gesellschaft)

Ein neues Kapitel
(In unregelmäßigen Abständen werde ich an dieser Stelle erzählen, wie das Leben ohne Josi an meiner Seite weiterläuft und wie sehr mich das Thema Demenz immer noch beeinflusst. Wenn es neuen Text gibt, werde ich Euch auf Fb darüber informieren.)

80. Wie läuft das mit der Pflegeversicherung?

Pflegen Sie einen demenzkranken Angehörigen, werden Sie ab einem bestimmten Zeitpunkt Hilfe und Unterstützung benötigen. Am schnellsten erhalten Sie diese, in dem Sie bei der Pflegekasse – Sie erreichen sie über die Krankenkasse – des Pflegebedürftigen anrufen und um einen formlosen Antrag auf Leistungen aus der Pflegeversicherung bitten. Die Pflegekasse schickt Ihnen daraufhin ein Antragsformular zu, was Sie ausfüllen und zurückschicken. Zur Antragstellung ist kein ärztliches Attest notwenig, es kann jedoch hilfreich sein, wenn Sie die Kopie eines Arzt- oder Krankenhausberichts beilegen. Fühlen Sie sich mit dem Ausfüllen des Formulars überfordert oder wollen sie generell einmal wissen, wie sich die häusliche Pflege für Sie entlastender gestalten könnte, haben Sie ein Anrecht darauf, einen Pflegeberater um Hilfe zu bitten. Er kommt zu Ihnen nach Hause und berät Sie unentgeltlich und wird Ihnen einen individuellen Unterstützungsplan erstellen. Darüber hinaus wird er Sie über geeignete medizinische, pflegerische und soziale Hilfe vor Ort informieren. Nach dieser Beratung werden Sie sich erheblich besser fühlen, weil Sie eventuell zum ersten Mal spüren, dass Sie mit Ihren Problemen nicht alleine sind. Nachdem Sie nun den Antrag an die Pflegekasse zurückgeschickt haben, wird sich innerhalb weniger Wochen der Medizinische Dienst der Krankenversicherung bei Ihnen melden und einen Termin für einen Hausbesuch vereinbaren. Der Medizinische Dienst ist eine unabhängige Einrichtung, die weder durch die Pflegekasse noch durch andere Organisationen kontrolliert wird. Er ist jedoch gebunden an die bundesweit einheitlichen Begutachtungsrichtlinien und sie legen die Vorgehensweise bei der Begutachtung verbindlich fest. Darüber hinaus beschreiben sie eingehend, welcher Hilfsbedarf zu welcher Pflegestufe führt. Der Gutachter, der nun zu Ihnen nach Hause kommt, wird das Ausmaß der Pflegebedürftigkeit des Erkrankten einschätzen und dann der Pflegekasse die Einstufung in die entsprechende Pflegestufe bzw. Pflegegrade vorschlagen.
Bis zur Pflegereform 2016/2017 gab es speziell für Angehörige, die einen Demenz-Kranken pflegten, das große Zittern, wenn sich der MDK ankündigte, denn die Angst war da, dass der Gutachter den Aufwand der Pflege nicht gänzlich anerkennen und somit auch keine Empfehlung für eine Pflegestufe aussprechen würde. Ein Horror für die Betroffenen war dabei in erster Linie die minutengenaue Messung für den täglichen Mindestbedarf an Hilfe, bei der für die Pflegestufe I neunzig Minuten nicht unterschritten werden durften. Natürlich gibt es auch künftig bestimmte Voraussetzungen, die erfüllt werden müssen, um einen Pflegegrad zu erfüllen, weshalb es weiter wichtig bleibt, sich gut auf den Besuch eines Gutachters vorzubereiten.

Kopieren Sie alle wichtigen medizinischen Dokumente zu der Erkrankung und den Vorerkrankungen und geben Sie diese dem MDK mit, ebenso eine Liste der behandelnden Ärzte und Therapeuten.

Führen Sie über ca. 1 Woche eine Pflegetagebuch und schreiben Sie alles auf, was mit der Pflege und Betreuung des Betroffenen zu tun hat, lassen Sie nichts dabei aus, auch die Beaufsichtigung und Anleitung gehört dazu. Es ist auch für Sie wichtig einmal zu lesen,wie viel Zeit Sie tatsächlich täglich benötigen, ihre Liebsten zu betreuen. Vordrucke für Pflegetagebücher können Sie im Internet herunterladen, bei der Pflegekasse oder beispielsweise auch bei der Deutschen Alzheimer Gesellschaft anfordern.

Halten Sie alle Hilfsmittel bereit wie Rollstuhl, Rollator usw.

79.a Verständnis

Viele Angehörigen erleben fast täglich, dass es mit den Betroffenen sehr stressig werden kann, wenn die Körperpflege ansteht. Es scheint ein Rätsel zu sein, warum unsere Liebsten bereits beim Anblick der Dusche lauthals protestieren und manchmal auch richtig aggressiv werden.
Deshalb trauen sie sich mal das Experiment und lassen sich von einer Freundin oder einem Freund waschen, anziehen, zur Toilette bringen und füttern. Wenn sich ihnen bei der bloßen Vorstellung daran schon die Nackenhaare sträuben, dann denken sie darüber nach, wie sich erst ein hilfloser Demenz-Kranker fühlen muss. Das Verweigern der Körperpflege kann aber manchmal auch einen ganz banalen Hintergrund haben, dass es beispielsweise zu kalt im Bad ist. Der Betroffene klettert aus dem kuscheligen, warmen Bett und bekommt das Nachthemd oder den Schlafanzug ausgezogen und schon wird es sehr ungemütlich. Als pflegender Angehöriger bin ich ja vollständig angezogen und bemerke den Temperaturunterschied natürlich nicht, auch das lässt sich durch einen Selbstversuch schnell herausfinden. Wenn das Bad mollig warm ist und eventuell sogar die Dusche schon läuft, gibt es vielleicht etwas weniger Protest. Große Wasch- oder Duschorgien müssen ja nicht täglich sein und Katzenwäsche liebten wir schließlich schon in unserer Kindheit. Zu einem positiven Erlebnis kann die Körperpflege auch werden, wenn ich unterschiedlich strukturierte Waschlappen, Schwämme und Handtücher einsetze, eine gutriechende Creme für eine leichte Massage verwende und anschließend ein schönes Parfum versprühe. Grundsätzlich ist es richtig das tun, was uns selber auch gut tun und uns glücklich machen würde, allerdings sollte ich immer die Persönlichkeit, die Vorlieben und Abneigungen meines Gegenüber berücksichtigen. So unterschiedlich Demenzerkrankungen verlaufen, so unterschiedlich sind auch die Bedürfnisse und Verhaltensweisen der Betroffenen und sie verändern sich nicht nur im Laufe der Zeit, sondern sind häufig abhängig von der Tageszeit und der Tagesform.
Wichtig ist mir, für mehr Einfühlungsvermögen und Verständnis für Menschen zu werben, die an Demenz erkrankt sind. Denn wie in vielen Demenz-Foren im Internet leider zu lesen ist, reagieren aus Unwissenheit immer noch sehr viele Angehörige auf das Verhalten der Betroffenen mit großem Unverständnis, Frust, Entsetzen und manchmal auch mit Wut. Sie unterstellen den Erkrankten, dass diese sie mit Absicht tyrannisieren und ärgern wollen und extra nicht das machen, was man von ihnen verlangt. Dann wird geschimpft und ausgezankt, korrigiert und aufgebracht reagiert. Den ganzen Ärger und die unnötigen Aufregungen kann man sich sparen, denn sie bringen uns keinen Schritt weiter, im Gegenteil schaffen sie auf beiden Seiten noch mehr Unsicherheit, Angst und Traurigkeit. Wenn man dagegen verstanden hat, dass kein Demenz-Kranker irgendetwas extra macht, dass er einfach nicht anders handeln kann, weil er krank ist, dann hat man eine Basis gefunden, die das Zusammenleben erträglicher macht.
Immer wieder kann es vorkommen, dass sich Betroffene betrogen, belogen und verraten fühlen, weil sie sich zum einen nicht mehr daran erinnern, wo sie was abgelegt haben und zum anderen nehmen sie ihre Krankheit als solche nicht wahr. Also können ja nur die Anderen daran Schuld sein, wenn sie etwas nicht mehr wiederfinden oder etwas nicht funktioniert. Hier hilft kein Appell an die Vernunft oder die Einsicht, hier helfen wieder nur Verständnis, Anerkennung sowie beruhigende Worte und Gesten. Man sollte den Erkrankten auch nicht ständig korrigieren oder ihn gar über die Realität belehren, sondern ihm vielmehr das Gefühl vermitteln, ihn gut zu verstehen. Selbst im fortgeschrittenen Stadium einer Demenz sind die Erkrankten immer noch für Stimmungen und echte Gefühle empfänglich und sie nehmen bis zuletzt wahr, ob wir mit ihnen fürsorglich und liebevoll umgehen.
Meine persönlichen Tipps für den Umgang mit Demenz-Kranken:
Rechtzeitig Patientenverfügung und Vollmacht ausstellen lassen und immer griffbereit liegen haben.
Gehen Sie offen – besonders im näheren Umfeld – mit dem Thema Demenz um.
Nicht mit dem Schicksal hadern, das zieht einen zu sehr runter.
Nicht ständig nörgeln, keine Vorwürfe machen, sich lieber über Kleinigkeiten freuen.
Den an Demenz erkrankten Menschen immer mit Respekt und Würde behandeln.
Sich selbst nicht aus den Augen verlieren und öfters eine Auszeit organisieren.
Überredungskünstler und Diplomat werden und sich immer wieder in Geduld üben.
Einsichtig werden und aus Fehlern lernen.
Praktisch denken und handeln und keine Entscheidung überstürzen.
Kräfte bündeln und bewusst gute Zeiten genießen.
Sich beizeiten umfassend über das Thema Demenz informieren.
(Quelle: Deutsche Alzheimer Gesellschaft)

79. Verständnis

So schockierend die Diagnose Demenz zunächst für alle Beteiligten ist, so verschafft sie doch auch endlich Klarheit und die Möglichkeit, das weitere Leben gezielter zu planen und besser auf die Erkrankten auszurichten. War es mir bis zu diesem Zeitpunkt kaum möglich das geänderte und für mich völlig unverständliche Verhalten meines Liebsten nachzuvollziehen, so weiß ich spätestens jetzt, woran ich bin. Hilfreich ist es besonders zu Beginn, mich über die jeweilige Demenzerkrankung hinreichend zu informieren, weil es mir leichter fallen wird, Verständnis aufzubringen und die jeweilige Situation besser einzuschätzen. Rund zwei Drittel aller an Demenz erkrankten Menschen werden von ihren Angehörigen, Freunden oder Nachbarn versorgt und natürlich sind die wenigsten auf die Aufgabe der Pflege vorbereitet und sie sind ganz sicherlich nicht von jetzt auf gleich in der Lage mit Depressionen, Antriebslosigkeit, Aggressivität, Hemmungslosigkeit, Unruhe oder Wahnvorstellungen richtig umzugehen. Ehe ich als pflegender Angehöriger schnell an meine eigenen Grenzen stoße und mich überfordere, ist es besser sich beizeiten Wissen anzueignen sowie Hilfe und Unterstützung zu holen, damit es gar nicht erst soweit kommt. Glücklicherweise gibt es mittlerweile eine große Zahl von Broschüren und Sachbüchern zum Thema Demenz. Auch das Internet bietet eine Vielzahl seriöser Seiten und Foren, auf denen man sich informieren, Fragen stellen und sich mit Anderen austauschen kann. Einen persönlichen Austausch bieten Angehörigengruppen und Seminare bzw. Schulungen für Angehörige von Demenz-Kranken. Weitere Informationen und Beratung zu den Angeboten vor Ort bieten die örtlichen Alzheimer-Gesellschaften, Seniorenberatungsstellen, Pflegestützpunkte und die Pflegekassen. Die Pflegekassen finanzieren unter anderem Schulungskurse für pflegende Angehörige und es gibt auch die Möglichkeit, dass Schulungen in der häuslichen Umgebung des Pflegebedürftigen stattfinden.
Leider gibt es keine Patentrezepte für den richtigen Umgang mit an Demenz erkrankten Menschen, aber wenn ich ein paar grundsätzliche Verhaltensregeln beachte, werden einige angespannte Situationen gar nicht erst entstehen oder ich bin wenigsten in der Lage sie rasch zu entschärfen. Das funktioniert beispielsweise hervorragend mit der Validation, deren Grundsätze nicht so schwer zu erlernen sind. Hinter dem abstrakten Begriff Validation stecken relativ einfache und dennoch wirkungsvolle Kommunikations- und Fragetechniken, die den Demenz-Kranken Sicherheit und Geborgenheit vermitteln. Validieren (für gültig erklären) bedeutet nichts anderes als die Gefühle und Bedürfnisse der Betroffenen ernst zu nehmen, sich auf ihre Welt einzulassen und diese zu akzeptieren. Es gibt zwei „Schulen“ der Validation, sie sind sich sehr ähnlich und beruhen auf einer wertschätzenden und emphatischen Grundhaltung den Kranken gegenüber. Wenn ich diese Grundhaltung teile, habe ich schon den ersten Schritt in die richtige Richtung gemacht. Es gibt übrigens Kurse und Seminare für Validation, an denen jeder teilnehmen kann, nicht nur Fachkräfte.
Hilfreich kann es auch sein, wenn ich versuche, mich in die Demenz-Kranken hineinzuversetzen. Stellen sie sich beispielsweise vor, sie wären mit einer Reisegruppe unterwegs und finden sich nach einem anstrengenden Flug in einem fremden Land wieder. Sie haben ihre Gruppe verloren, sie wissen nicht, in welchem Land sie sind und sie sprechen weder die Sprache noch können sie die Schriftzeichen auf den Anzeigetafeln identifizieren. Wenn man sich diesen Albtraum vor Augen führt, kann man sicherlich schon eher nachvollziehen, wie sich ein Demenz-Kranker fühlt und es fällt uns leichter, seine für uns oft rätselhaften Handlungen besser zu verstehen und geduldiger damit umzugehen.

78. Einwenig trocken, aber wichtig zu wissen!

Die Lewy-Körperchen-Demenz ist wesentlich seltener als die Alzheimer-Demenz, gilt aber mit bis zu 20 % zur zweitgrößten Demenzform im Alter. Der deutsche Nervenarzt Friedrich Lewy beschrieb 1912 erstmalig die Krankheitssymptome. Die Nervenzellen vor allem in der Großhirnrinde und im Hirnstamm werden bei dieser Demenzerkrankung zerstört. Neben einer fortschreitenden Gedächtnisstörung zeigen die meisten Erkrankten auffällig starke Schwankungen ihrer geistigen Fähigkeiten, in ihrer Aufmerksamkeit und in ihrem Konzentrationsvermögen. Schon in der frühen Phase leiden die Betroffenen häufig unter optischen Halluzinationen, die sehr detailreich sind und immer wiederkehren. Meist sehen sie Menschen oder große Tiere. Manche berichten auch von akustischen Halluzinationen, so werden Stimmen, Musik und Geräusche gehört. Bei einem Teil der Patienten zeigen sich motorische Parkinson-Symptome. Dazu gehören eine Versteifung der Muskeln, Zittern der Hände auch im Ruhezustand, ein vornüber gebeugter und kleinschrittiger Gang, verlangsamte Bewegungsabläufe, unsichere Körperhaltung mit Neigung zu Stürzen sowie eine Erstarrung der Mimik. Charakteristisch sind ferner heftige Bewegungen während der Traumphasen des Schlafes, die zu Verletzungen führen können. Wie bei anderen Demenzen leiden viele Erkrankte unter Depressionen. Besonders häufig und relativ früh kommt es zu Kreislaufstörungen, insbesondere zu einem zu niedrigen Blutdruck, der sich beim Aufstehen und längerem Stehen negativ auswirkt. Die Patienten stürzen häufig und verlieren plötzlich für mehrere Minuten das Bewusstsein. Wie bei anderen Demenzerkrakungen auch, verlieren sie zunehmend die Fähigkeit, sich im Alltag zurecht zu finden. Die Sprache ist erst im späteren Verlauf beeinträchtigt. Durch die Sturzneigung werden die Patienten immobil und dann bettlägerig. Im Endstadium kommen Schluckstörungen hinzu.
Vielfach wird diese Art der Demenz-Erkrankung nicht richtig erkannt beziehungsweise falsch diagnostiziert und sie bedeutet speziell für pflegende Angehörige durch die psychotischen Symptome und der vielen körperlichen Probleme der Patienten eine enorme Belastung und große Herausforderung.

Vaskuläre Demenz
Diese Demenzform soll ungefähr einen Anteil von 10 bis 15 % aller Demenzerkrankungen ausmachen. Von einer vaskulären Demenz ( lateinisch vaskulum: kleines Gefäß) spricht man dann, wenn das Gehirn zu wenig durchblutet wurde und demzufolge die Nervenzellen kurzfristig oder über einen längeren Zeitraum hinweg mit zu wenig Sauerstoff versorgt waren. Durch den Sauerstoffmangel werden Nervenzellen geschädigt, beziehungsweise sterben sie ab. Verantwortlich für die Durchblutungsstörungen sind kleine Schlaganfälle, also krankhafte Veränderungen der Gefäße. Natürlich ist es vom Ausmaß der Durchblutungsstörungen abhängig, wie ausgeprägt die Demenz ist. Besonders tückisch sind kleine Hirnschläge, die sich mehrfach wiederholen, weil sie häufig unbemerkt bleiben.
Vaskuläre Demenz beginnt meist schleichend und ist schwer von einer Alzheimer-Krankheit zu unterscheiden. Allerdings sind die Symptome doch etwas anders, weil im Vordergrund nicht die Gedächtnisstörungen stehen, sondern Denkschwierigkeiten, eine Verlangsamung oder auch starke Stimmungsschwankungen. Eine vaskuläre Demenz ist ebenfalls nicht heilbar, allerdings können die Risikofaktoren behandelt werden. Dazu gehören: Bluthochdruck, Herzerkrankungen, Diabetes, erhöhte Blutfettwerte, Übergewicht, Bewegungsmangel und Rauchen.

Frontotemporale Demenz
„Frontotemporal“ ist ein medizinischer Fachbegriff und bezeichnet nur den Ort im Gehirn, wo die Rückbildung beginnt. Oftmals wird der Begriff auch einfach abgekürzt: FTD. Bei dieser Demenzform gehen Nervenzellen aus dem Stirn- und Schläfenbereich des Gehirns, die für Gefühle und erlerntes soziales Verhalten zuständig sind, allmählich zugrunde. Von FTD sind jüngere Menschen betroffen als bei der Alzheimer-Erkrankung. Zu Beginn der Erkrankung fallen erst einmal Veränderungen der Persönlichkeit sowie des zwischenmenschlichen Verhaltens auf. Typisch dafür sind etwa eine ungewohnte Aggressivität, Taktlosigkeit, maßloses Essen aber auch Teilnahmslosigkeit oder Verwahrlosung. Im Verlauf der Erkrankung entwickeln sich Störungen der Sprache, die am Ende zur völligen Verstummung führen können. Später kommt es auch zur Beeinträchtigung des Gedächtnisses, die aber für einen längeren Zeitraum nicht so stark ausgeprägt ist wie bei der Alzheimer-Krankheit. Die Fähigkeit, den Alltag alleine zu bewältigen nimmt dagegen rasch ab.
Für Angehörige, die mit einem an FTD leidenden Betroffenen zusammenleben, bedeutet es wahrlich eine enorme Belastung und eine sehr große Herausforderung, den Alltag gemeinsam zu stemmen. Vor allen Dingen sind es die Verhaltensauffälligkeiten wie Aggressionen, enthemmtes Verhalten und die Unberechenbarkeit der Patienten, die den Angehörigen zu schaffen machen und sie vor eine schier unlösbare Aufgabe stellen. Ihre Trauer, Überforderung und Verzweiflung, die sie bei der Persönlichkeitsveränderung ihrer Liebsten empfinden ist mehr als nachzuvollziehen.
(Quelle: Deutsche Alzheimer Gesellschaft)

77a. Mittelschwere Alzheimer-Demenz

Jetzt kommt die Phase, bei der eine selbständige Lebensführung kaum noch möglich ist, da die kognitiven Störungen schon sehr stark ausgeprägt sind. Die Betroffenen brauchen zunehmend Hilfe und Unterstützung bei einfachen Aufgaben im Alltag wie beispielsweise Einkaufen, Zubereiten von Mahlzeiten, Bedienen von Haushaltsgeräten oder der Körperpflege. Spätestens zu diesem Zeitpunkt sind sie auch nicht mehr in der Lage, selbst Auto zu fahren. Viele Erkrankte können jetzt keine vollständigen Sätze mehr bilden und eine Verständigung wird immer schwieriger. Die Erinnerungen an lange zurückliegenden Ereignisse und Erlebnisse verblassen ebenfalls. Dafür treten ausgeprägte Verhaltensänderungen auf, was für die Angehörigen besonders belastend ist. Am häufigsten ist eine hochgradige Unruhe, bei der die Erkrankten oft stundenlang rastlos auf und ab laufen oder ständig die Wohnung verlassen wollen. Auf der anderen Seite können sie auch völlig antriebslos sein und ein großes Schlafbedürfnis haben. Häufig reagieren sie gereizt und aggressiv, was den richtigen Umgang mit den Betroffenen zusätzlich erschwert. Nicht selten treten wahnhafte Befürchtungen auf, das heißt, dass sie sich von ihren Betreuern bestohlen, betrogen und abgeschoben fühlen. Hinzu können jetzt auch noch Schwierigkeiten mit der Kontrolle von Blase und Darm kommen.
Allerdings müssen nicht immer alle Fähigkeiten verloren gehen. Viele Erkrankte erinnern sich beispielsweise noch sehr gut an bestimmte Gedichte, Lieder oder besondere Musikstücke, weshalb in diesem Stadium eine Unterstützung durch Musik- und Erinnerungstherapie oder auch Krankengymnastik dazu beitragen, die Symptome abzumildern. Natürlich verbessert sich zusätzlich das allgemeine Wohlbefinden des Betroffenen, wenn wir einfühlsam und liebevoll mit ihm umgehen.

Schwere Alzheimer-Demenz
Im fortgeschrittenen Stadium besteht ein hochgradiger geistiger Abbau und eine sprachliche Verständigung gelingt nicht mehr. Die Sprache beschränkt sich nur noch auf wenige Wörter oder versiegt ganz. Die Betroffenen sind jetzt komplett pflegebedürftig. Sie verlieren die Kontrolle über Blase und Darm und oftmals auch über ihre Körperhaltung. Viele können nicht mehr ohne Hilfe gehen, sie brauchen einen Rollstuhl oder werden bettlägerig. Häufig kommt eine Versteifung der Gliedmaßen hinzu sowie Schluckstörungen und Krampfanfälle. Die Anfälligkeit für Infektionen steigt. Der genaue Krankheitsverlauf ist natürlich von Fall zu Fall sehr unterschiedlich und lässt sich nicht exakt vorhersagen.
(Quelle: Deutsche Alzheimer Gesellschaft)

77. Demenz & Co.

Wenn sich ein Angehöriger im Laufe der Zeit etwas merkwürdig benimmt, kommt man natürlich nicht sofort auf die Idee, dass das der Beginn einer Demenz sein könnte. Erst wenn weitere Auffälligkeiten im Verhalten des Betroffenen hinzukommen, werden wir stutzig und schleppen unsere Liebsten zum Arzt. Wenn man Glück hat, wird man gleich weiter an einen Neurologen oder Psychologen überwiesen, die allerlei Tests durchführen und dann hört man zum ersten Mal etwas von primärer, sekundärer oder vaskulärer Demenz, von Alzheimer oder dem Korsakov-Syndrom. Wir erfahren, dass die Erkrankung nicht heilbar ist, bekommen vielleicht noch ein paar Prospekte in die Hand gedrückt oder werden zu einem Internisten geschickt, der den Stoffwechsel untersuchen soll. Ansonsten dürfen wir mit der traurigen Diagnose nach Hause gehen und wenn wir uns gut mit dem Internet auskennen, werden wir uns natürlich sofort an unseren Computer setzen um erst einmal herauszufinden, was die ganzen Begriffe der unterschiedlichen Demenzformen eigentlich bedeuten. Ich bin sicherlich nicht die Einzige, die jahrelang glaubte, dass Demenz und Alzheimer ein und das selbe bedeuten, aber Demenz ist nicht gleich Demenz, auch wenn sich die Anzeichen oft ähneln. Allgemein wird eine Rückbildung des Gehirns als „Demenz“ bezeichnet. Auslöser können ganz unterschiedliche Erkrankungen der Nervenzellen sein, bestimmte Stoffwechselstörungen, eine genetische Veranlagung, ein Schlaganfall oder leider auch unerklärliche Ursachen. Darüber hinaus wird eine genaue Zuordnung erschwert, weil sich verschiedene Demenzformen auch mischen können. Natürlich könnte man nach der niederschmetternden Diagnose sagen, „es ist mir egal, an welcher Form der Demenz mein Mann oder mein Vater leidet, es ist so oder so einfach nur furchtbar“. Verständlich ist diese Einstellung, aber wenn ich mehr Details weiß, kann ich mehr Verständnis für das Verhalten des Betroffenen aufbringen und in Folge auch besser mit ihm umgehen. Ich rege mich nicht mehr unnötig auf, weil ich denke, dass der Angehörige sich extra unangebracht verhält, um mich zu nerven, sondern er macht bestimmte Dinge, weil er nicht anders kann. Wenn ich das verstanden und akzeptiert habe, ist wenigstens schon einmal ein Stressfaktor vom Tisch und oftmals gestaltet sich danach auch der Alltag etwas leichter, weil der Betroffene entspannter ist, wenn wir ihn nehmen, wie er ist und ihn nicht ständig auszanken und kritisieren, weil er sich merkwürdig benimmt.
Ehe ich ins Detail gehe, sei grundsätzlich noch vorab gesagt, dass es primäre Demenzen und sekundäre Demenzformen gibt. Primäre Demenzen sind solche, bei denen der Krankheitsprozess direkt im Gehirn beginnt und nach heutigem Wissensstand nicht mehr rückgängig gemacht werden kann. Hat die Demenz eine andere Grunderkrankung zur Folge, dann spricht man von einer sekundären Demenzform. Auslöser können beispielsweise Stoffwechelstörungen, Depressionen, Hirntumore, Vitaminmangel oder auch Vergiftungserscheinungen durch Medikamenten- oder Alkoholmissbrauch sein. Teilweise sind diese Grunderkrankungen zu behandeln.

Zu den häufigsten Demenz-Erkrankungen gehören:
Alzheimer Demenz
Lewy-Körperchen-Demenz
Vaskuläre Demenz
Frontotemporale Demenz

Alzheimer-Demenz:
Die Alzheimer-Krankheit ist eine hirnorganische Krankheit, die nach dem deutschen Neurologen Alois Alzheimer benannt ist, der sie erstmals im Jahr 1906 wissenschaftlich beschrieb.
Alzheimer macht circa 70 % aller Demenzerkrankungen aus. Der Nervenbotenstoff Acetylcholin im Gehirn ist stark vermindert, wodurch es zu einer Störung der Informationsweiterleitung zwischen den Nervenzellen kommt. Wenn ich einem Kind diese Störung im Gehirn erklären müsste, dann würde ich ihm ein Handy mit Akku in die Hand drücken und sagen: „Schau, wenn du den Akku nicht regelmäßig auflädst, ist er irgendwann leer und du hast zwar immer noch ein Handy, kannst aber nicht mehr telefonieren.“ Natürlich sind die Vorgänge im Kopf eines Alzheimer-Patienten um ein tausendfaches komplexer, aber immerhin haben jetzt auch die Enkel eine Idee, warum sich die Oma oder der Opa ganz anders benehmen, als früher. Denn zum Krankheitsbild gehören Probleme mit dem Gedächtnis und der Orientierung, dem Denk- und Urteilsvermögen sowie Veränderungen der Persönlichkeit. Natürlich sind die Störungen bei den Betroffenen sehr unterschiedlich ausgeprägt und nehmen im Verlauf der Erkrankung zu.

Der Anfang
Im frühen Krankheitsstadium von Alzheimer-Demenz steht die Beeinträchtigung des Kurzzeitgedächtnisses im Vordergrund. Die Erkrankten können sich den Inhalt von Gesprächen nicht mehr merken, finden abgelegte Gegenstände nicht wieder und haben Wortfindungsstörungen. Den Kranken ist zu diesem Zeitpunkt oft noch sehr bewusst, dass sie etwas vergessen haben und sie sind verwirrt, weil andere Menschen Dinge behaupten, an die sie sich nicht mehr erinnern können. Das wirkt bedrohlich für sie und es kommt häufig zu peinlichen Situationen, die wir alles sehr gut kennen. Je nach Persönlichkeit reagieren die Erkrankten depressiv, aggressiv, abwehrend oder mit Rückzug. Sehr oft versuchen sie die Fassade ihres früheren Lebens aufrecht zu erhalten, was natürlich sehr gut nachvollziehbar ist. In diesem Stadium sind die Betroffenen bei Alltagsaufgaben oft noch weitgehend selbständig. Lediglich komplizierte Tätigkeiten können sie nur mit Hilfe ausführen. Die Fähigkeiten, Urteile zu fällen und Probleme zu lösen, sind zwar eingeschränkt, aber noch nicht ganz aufgehoben. Gerade aus diesem Grund müssen Betroffene in diesem Krankheitsstadium unbedingt an den Entscheidungen, die ihre Behandlung und Betreuung angehen, beteiligt werden. Es ist wichtig, dass sie Wertschätzung und Respekt erfahren und dass sie spüren, dass wir sie so lieben, wie sie sind, dass wir sie nicht verbiegen wollen und dass wir sie und ihre Meinung ernst nehmen. Wenn wir das als Angehörige oder Pflegende schaffen, haben wir einen glücklicheren Mensch mehr auf dieser Welt.
(Quelle: Deutsche Alzheimer Gesellschaft)

76. Das Ende der Geschichte von Lotti und Josi

Unsere gemeinsame Lebensgeschichte ist zu Ende erzählt. Was mir jetzt noch bleibt ist der zaghafte Versuch, anderen Betroffenen einen sachlichen Überblick über die Krankheit und die verschiedenen Formen zu verschaffen und über Betreuungsmöglichkeiten sowie über die wichtigsten Daten der Pflegeversicherung zu sprechen. Natürlich findet man zu allen Bereichen umfangreiches Informationsmaterial im Internet und Broschüren, die man sich beispielsweise bei der Deutschen Alzheimer Gesellschaft bestellen kann. Mittlerweile gibt es auch in fast jeder Stadt in Deutschland Demenzinitiativen, an die man sich wenden kann und auch wenn der erste Schritt dorthin schwer fällt, sollte man ihn machen, denn erst wenn man gut informiert ist, lassen sich viele Fehler im Umgang mit an Demenz erkrankten Menschen vermeiden und man schont seine eigenen Nerven, die ihr noch reichlich brauchen werdet. Was mir auch wichtig ist Euch mitzugeben ist, dass ihr keine Versager seid und euch ganz sicherlich nicht schämen müsst, wenn als letzter Ausweg eine betreute Einrichtung zur Debatte steht. Noch Anfang letzten Jahres habe ich laut herum getönt, dass mein Mann niemals in ein Heim käme und nur durch den Druck der ganzen Familie habe ich mir, wenn auch sehr widerwillig, beizeiten verschiedene Einrichtungen angeschaut. Im Nachhinein gesehen, war das eine sehr gute Entscheidung. Also nicht erst losrennen, wenn es kurz vor Zwölf ist, sondern sich ganz in Ruhe umschauen und wenn euch ein Heim besonders zusagt, am besten gleich auf die Warteliste setzen lassen, auch wenn das Thema zu diesem Zeitpunkt noch nicht akut ist. Wie ihr bei mir lesen konntet, musste ich von jetzt auf gleich eine Entscheidung fällen und am Ende war ich meiner Familie dankbar, dass sie mich so frühzeitig zum Handeln gezwungen hatte. Euch muss allerdings klar sein, dass ihr die Fürsorge und Verantwortung für eure Angehörigen nicht an der Heimtür einfach abgeben könnt. Ihr bleibt weiter in der Pflicht und auch die Sorgen bleiben, aber ihr habt die Chance, euch wenigstens körperlich zu erholen und wieder Kraft zu tanken, weil ihr euch nicht mehr 24 Stunden am Tag um den Betroffenen kümmern müsst. Viele von euch haben ja auch noch Kinder, Ehepartner und/oder Berufe, was eine Betreuung noch schwieriger gestaltet. Seid also bitte nicht zu tapfer und denkt nicht zu lang „ich schaffe das schon“.Traut euch, alle Hilfe anzunehmen, die ihr kriegen könnt und seid mutig und offen für alle Betreuungsalternativen, die sich anbieten. Ein krankes Nervenbündel zu sein hilft weder euch und ganz sicherlich nicht dem an Demenz erkrankten Menschen.

75. Der Schock

Nachdem ich einen Parkplatz gefunden hatte, spurtete ich zur Praxis und staunte nicht schlecht, dass Josi bereits im Praxisstuhl saß und aufgeräumt und charmant mit der Zahnärztin plauderte. Da alle Zahnarztpraxen ähnlich aussehen, war ihm die Umgebung vertraut und von früher her noch bekannt. Wie es meine zwei Jungens die enge Treppe hochgeschafft hatten, wollte ich gar nicht wissen. Der Pfleger blieb im Wartezimmer und bekam einen Kaffee und ich setzte mich zu meinem Liebling. Auch die anwesende Zahnarzthelferin war sehr nett und bot mir ein Glas Wasser an, was ich für den Moment dankend ablehnte. Die örtliche Betäubung wurde gesetzt und Josi schrie, wie am Spieß und ich brach in Tränen aus. Durch die Glastür konnte ich sehen, wie sich unser Bodyguard mit überkreuzten Armen positionierte, denn er hatte natürlich auch das Geschrei gehört und wollte uns zur Hilfe eilen. Die Zahnärztin gab Entwarnung und verließ für einige Minuten den Behandlungsraum, bis die Betäubung wirken würde. Die Assistentin redete beruhigend auf mich ein, während ich Josis Hand streichelte. Sie erzählte mir, dass sie in unserem Heim ein Praktikum gemacht hätte und dass es eine tolle Zeit für sie gewesen sei. Ich kriegte mich wieder ein und die Behandlung wurde fortgesetzt.

Josi sagt: „Aua, aua!“

Glücklicherweise hatte sich Josi komplett entspannt und war einfach mit offenem Mund eingeschlafen und schnarchte leise. Wir konnten es alle nicht fassen, aber mir war schon klar, welch ein Stress das für ihn war und ich wollte nicht darüber nachdenken, was passieren würde, wenn mein Liebling acht Zähne gezogen bekäme. Es musste eine andere Lösung her. Die Zahnärztin hatte schnell die Wurzel entfernt und die Wunde mit wenigen Stichen genäht. Josi hatte von all dem nichts mitbekommen und schlief weiter den Schlaf der Gerechten. Dann war die Sitzung auch schon beendet und ich küsste meinen Schatz wach und sagte ihm, dass alles vorbei sei und wir es geschafft hätten. Ich flitzte voraus, um das Auto zu holen. Auf dem Weg zum Parkplatz kam ich an einem Mutter-Kind-Café vorbei und blieb für einige Sekunde stehen und sah mir verzückt die kleinen Babys an, die auf kuscheligen Decken auf der Erde lagen, fröhlich mit ihren Beinchen strampelten und ihre Mütter anlachten. Ich hätte dort Wurzeln schlagen können und vergaß mal für einen winzigen Augenblick mein eigenes Elend. Als ich mit dem Auto um die Ecke bog, kamen mir meine beiden Männer schon entgegen und wir lobten Josi, dass er so tapfer gewesen sei.
Zurück im Heim packte ich meinen Mann ins Bett, deckte ihn mit seiner Kuscheldecke zu und setzte mich noch einen Moment zu ihm auf die Bettkante, um ihn zu umarmen und zu küssen. Ich war so erleichtert und dankbar, dass die ganze Aktion doch noch relativ glimpflich über die Bühne gegangen war. Josi streichelte meine Hand und sagte: „Danke, dass Du bei mir warst, ich liebe Dich so sehr.“ Ich küsste ihn noch einmal zum Abschied und antwortete: „Ich Dich auch, mein Schatz.“
Am Nachmittag rief ich im Heim an, um zu fragen, wie es meinem Mann ginge. Schwester Sonja war am Apparat und sagte lachend: „Es geht ihm prächtig, er hat gerade etwas gegessen und ist nur genervt, weil wir uns ständig nach seinem Befinden erkundigen. Machen sie sich keine Sorgen, er hat den Zahnarztbesuch bereits komplett vergessen.“
Am nächsten Morgen weckte mich das Klingeln des Telefons vor 6.00 Uhr aus dem Tiefschlaf. Jemand vom Heim war dran und eine fremde Stimme sagte: „Ich bedauere es außerordentlich, aber ich muss ihnen leider mitteilen, dass ihr Mann heute Nacht verstorben ist.“