1. Ein neues Lebenskapitel

Ein neues Kapitel in meinem Leben
(In unregelmäßigen Abständen werde ich an dieser Stelle erzählen, wie das Leben ohne Josi an meiner Seite weiterläuft und wie sehr mich das Thema Demenz immer noch beeinflusst. Wenn es neuen Text gibt, werde ich Euch auf Fb darüber informieren.)
Lottis Blog hatte ich immer zeitversetzt geschrieben, ich hinkte der realen Zeit also immer ein wenig hinterher. Daher war es natürlich besonders schmerzlich für mich, die letzten Tage von Josi noch einmal zu durchleben und es kostete mich enorm viel Kraft, die Geschehnisse aufzuschreiben. Mir war eher danach, den Computer in die Mülltonne zu pfeffern, mich ins Bett zu legen und die Decke über den Kopf zu ziehen. Aber dann dachte ich an euch alle, die ihr noch mitten drin steckt, im täglichen Wahnsinn mit Demenz & Co und an diejenigen, die auch ihre Liebsten verloren hatten und ich dachte an die vielen Freunde hier und wie schade es wäre, den Kontakt mit ihnen zu verlieren.
Wenn mich heute einer fragt, wie es mir geht, gebe ich meist eine positive Antwort und gehe schnell zur Tagesordnung über und ich merke sofort, wie erleichtert die Menschen sind, weil ich weder in Tränen ausbreche noch ein großes Gejammer anfange, womit natürlich weder meinem Gegenüber noch mir geholfen wäre. Sehr schlecht konnte ich mit den Reaktionen mancher Bekannter umgehen, die mir ganz nah auf die Pelle rückten, mich bemitleidend tätschelten und sich mit tränenerstickter Stimme nach meinem Befinden erkundigten. Meist sprang ich dann einen Schritt zurück und versuchte meinerseits die Leute zu trösten. Eine kuriose Situation. Allerdings habe ich mittlerweile gelernt und akzeptiert, dass eben nur wenige Menschen instinktiv richtig reagieren, wenn sie einem trauernden Hinterbliebenen gegenüberstehen und die Mehrheit eben nicht sehr gut mit dem Thema Tod umgehen kann, das ist einfach so.
Zum Glück habe ich nur selten Albträume, in denen ich Josi meinen Name schreien höre und das ist dann so real, dass ich wie eine Tarantel aus dem Bett springe, um nach ihm zu schauen, aber erst wenn ich richtig wach bin, wird mir klar, dass es nur ein Traum war. In meine Trauer mischt sich auch die Erleichterung, dass Josi nicht mehr leiden muss und ihm eventuell viel erspart geblieben ist. Wenn ich stimmungsmäßig mal ganz unten bin, stelle ich mir vor, wie entspannt und glücklich er jetzt ist und endlich wieder machen kann, was er möchte. Diese positiven Gedanken sind sehr hilfreich und holen mich rasch aus dem dunklen Loch heraus.
In den letzten Monaten musste ich vor allen Dingen lernen herauszufinden, was mir gut tut und was nicht und ich probierte alle möglichen Sachen aus. Meine wichtigste Erkenntnis aus dieser Phase: Zeit lassen! Ich habe beispielsweise immer noch die Schränke voll mit Josis Klamotten und dort bleiben sie auch so lange, bis ich vielleicht eines Tages nicht mehr in Tränen ausbreche, wenn ich ein Jackett oder einen Pullover von ihm in die Hand nehme. Ein anderes Thema ist Essen kochen geworden. Über die Jahre hatte ich ein Standardrepertoire an Lieblingsgerichten von Josi und mir zusammengestellt, die ich immer wieder abwechselnd für uns zubereitete. Auch nach Josis Tod legte ich natürlich weiterhin viel Wert auf eine gesunde Ernährung und kaufte alle notwendigen Zutaten für meine erste Witwenmahlzeit ein und machte mich ans Werk. Als alle Köstlichkeiten auf dem Teller lagen, brach ich beim ersten Bissen in Tränen aus und mir wurde übel bis zum Erbrechen. Weil ich dachte, dass ich vielleicht nur einen schlechten Tag hatte, probierte ich es natürlich noch mehrmals, reagierte aber leider immer auf die gleiche Weise. Ich bin allerdings auch hier der Meinung, dass sich mein Verhalten eines Tages wieder normalisieren wird und setze mich deshalb nicht unter Druck und habe vor allem kein schlechtes Gewissen. In der Zwischenzeit teste ich kleine Gerichte aus, die ich nie zuvor gekocht und auch noch nicht in dieser Zusammensetzung gegessen habe. Die Tage saß ich zufällig mit einigen anderen Witwen zusammen und da kam auch das Thema Ess- und Kochgewohnheiten zur Sprache und siehe da, den anderen Mädels geht es genau wie mir und ich bin jetzt ganz erleichtert, dass ich kein Einzelfall bin. Wenn man dreißig und mehr Jahre fast täglich eine warme Mahlzeit auf den Tisch gebracht hat, ist es ja vielleicht auch irgendwann einmal gut. Neue Zeiten bringen auch neue Herausforderungen mit sich und man sollte sich nicht vor ihnen verstecken, sondern sie annehmen.
Meine Familie und Freunde drängeln mich ständig, jetzt endlich einmal in Urlaub zu fahren und mich zu erholen und sie haben wenig Verständnis, dass ich keine Lust dazu habe. Aber ich erhole mich prächtig in den eigenen vier Wänden und genieße den Zustand, mich nicht mehr sorgen zu müssen, wie es Josi geht, aus dem Haus zu laufen, wann immer ich möchte, meinen Tag einteilen zu können, wie immer ich mag und mich nicht mehr abzuhetzen. Da ich durch die Erkrankung von Josi schon viele Jahre lang ziemlich isoliert gelebt habe, zwinge ich mich jetzt ab und zu, unter Leute zu gehen, damit ich nicht zum Eremiten werde. Plötzlich als Witwe durchs Leben zu laufen ist allerdings ein Thema für sich. Bei einer Einladung neulich hatten die Gastgeber alle alleinstehenden Frauen an einen Tisch gesetzt, das fand ich ziemlich daneben und ich weiß bis heute nicht, was sie sich dabei gedacht haben. Geteiltes Leid bedeutet nicht zwangsläufig halbes Leid und ich hätte mich viel lieber mit irgendwelchen Pärchen über Gott und die Welt ausgetauscht. Wenn ein Satz schon mit: „Ach Du Arme, für Dich ist ja alles neu“, anfängt, habe ich eigentlich schon gegessen und keine Lust mehr auf weitere Gespräche. Meine Freundinnen sind alle noch verheiratet bzw. leben in einer Partnerschaft und wenn sie dann bei einem Treffen von fröhlichen Kino- und Theaterbesuchen erzählen oder ihren Reisen, die sie noch vor oder schon hinter sich haben, muss ich schon ein wenig schlucken, aber zum Glück bin ich kein neidischer Mensch und ja schon seit Jahren daran gewöhnt, dass dieses Kapitel des Lebens für mich neu geschrieben werden muss. In so einer fröhlichen Runde kann ich ja auch schlecht dazwischen rufen, dass ich Artikel und ein Buch über Demenz schreibe. So etwas will niemand hören und interessiert auch niemanden. Da bleibe ich lieber der aufmerksame Zuhörer und erkundige mich nach dem Inhalt der Filme oder den Reisezielen und das wird dann meist zum abendfüllenden Thema und die Zeit geht schneller rum, bis ich endlich wieder in mein kuscheliges Nest springen darf.
Glücklicherweise war ich nie der komplett durchstrukturierte und ständig planende Mensch, das kommt mir jetzt sehr zu Gute. Außer Enttäuschungen hätten mir hochfliegende Pläne in der Vergangenheit nichts gebracht und deshalb lasse ich auch künftig lieber alles auf mich zukommen und vertraue darauf, dass sich positive Dinge von alleine entwickeln.