25. Mach mich lebendig

Der März war wirklich ein harter Monat. Ich war gerade bei Freunden zu Besuch, als mich ein Anruf auf meinem Handy erreichte, dass meine Freundin tot sei. Die Woche zuvor hatten wir uns zuletzt gesehen und vor zwei Tagen noch am Telefon zusammen gescherzt und gelacht. Seitdem wir uns nicht mehr so häufig trafen, hatte sich unsere freundschaftliche Beziehung etwas normalisiert, oder sie hatte einfach begriffen, wie ich hoffte, dass es keine so gute Idee war, mir ständig die Ohren über die Grausamkeiten des Lebens im Alter voll zu jammern. Ehe ich es zulassen konnte, traurig zu sein, war ich erst einmal total wütend auf sie. Mehr als zwei Jahre hatte ich mich für sie zum Affen gemacht, mit ihr geredet, ihr endlos zugehört, war mit ihr in Museen und Konzerte gegangen und hatte mir viel Zeit für sie genommen, die ich eigentlich für meine Familie gebraucht hätte. Als der ganze Zirkus mit ihr losging, war Josi noch halbwegs fit und er hatte viel Verständnis gezeigt, obwohl er sie nicht besonders mochte. Ihm tat sie nach dem plötzlichen Verlust ihres Partners ebenso leid, wie mir und so haben wir uns immer wieder verbogen, obwohl wir nicht wirklich Lust dazu hatten. Es gab kaum etwas, was wir nicht für sie getan hatten und trotzdem war es wohl zu wenig und am Ende vergebens gewesen. „Ich werde Deinen Freundschaftsring tragen, liebe Freundin, und mich ausschließlich an die schönen Stunden erinnern, die wir zusammen erlebt haben.“

Josi sagt: „Ich bete für dich!“

Im gleichen Monat wurde man Mann achtzig Jahre alt. Es kamen viele Briefe und Anrufe, die Kinder schauten vorbei, ansonsten war es ein Tag wie jeder andere, weil ich nicht in der Lage war, die sonst üblichen Geburtstagsrituale abzuspulen. Natürlich hatte ich Blumen und eine kleine Torte besorgt und als ich Josi auf den Strauß aufmerksam machte, sagte er: „ Ach ja Blumen, schön.“ Wir waren froh, dass wir vor fünf Jahren noch einmal mit Freunden ein wenig gefeiert hatten, denn man sollte die Feste wirklich feiern, wie sie fallen und nicht auf später verschieben. Für einige Freunde die anriefen, war es schwer nachvollziehbar, dass Josi nicht ans Telefon wollte und es war rührend, wenn sie ihm am Ende des Gesprächs gute Besserung und baldige Genesung wünschten. Sie konnten ja nicht ahnen, dass mein Mann immer abwehrend mit den Händen herumfuchtelte und eine wütende Miene zog, sobald ich mit dem Hörer in seine Nähe kam. Ehe er zugeben müsste, dass er die Menschen nicht verstand, wollte er lieber gar nicht erst mit ihnen sprechen.
In den Wochen danach wechselten die Tage und Nächte zwischen großer Hektik und endlosen Schlafphasen, zwischen völliger Verwirrung, Orientierungslosigkeit und relativer Klarheit. Manchmal saß er schon morgens um 8.00 Uhr komplett angezogen in seinem Sessel und wartete auf mich und ein leckeres Frühstück, dann wieder weigerte er sich tagelang, seinen Schlafanzug gegen normale Bekleidung auszutauschen. Mal siezte er mich und wollte unbedingt den Pfarrer anrufen, mal schrie er ängstlich „Mama!“ Mal erledigte er völlig normale Handgriffe, wie bei Regen die Polster von der Terrasse holen, den Rasierer aufladen oder eine Glühbirne auswechseln, dann wieder stand er hilflos vor seinem Bett und wusste nicht, dass er sich hinlegen sollte.
Was sich jedoch ständig wiederholte, war sein Gejammer über seinen wirren Kopf. „Bin noch nicht da“, oder „mach mich lebendig, ich bin weg, bin kaputt, alles ist kaputt“, oder auch „ich bin daneben.“ Bei solchen Sätzen schlug er sich mit der Hand gegen die Stirn und es zerriss mir jedes Mal das Herz und dann küsste, streichelte und tröstete ich ihn mit den Worten, „das wird schon wieder!“
Josi reagierte nach wie vor sehr sensibel auf die Stimmung im Haus. Als ich mal ungeduldig wurde und ihn etwas unsanft in sein Schlafzimmer schob, sagte er: „Sind Sie mal nicht so unfreundlich zu mir und sprechen Sie bitte etwas leiser.“ Ein anderes Mal bekam er nicht innerhalb von Sekunden den gewünschten Kaffee, da sagte er: „Du bist so böse zu mir!“ Sein absoluter Lieblingssatz war jedoch: „Schrei nicht so“, und den bekam ich schon ab und an zu hören, wenn ich beispielsweise sechsmal hintereinander auf die Frage: „Soll ich mich hinlegen?“ „Ja, bitte!“ antwortete, konnte es schon vorkommen, dass ich am Ende sehr laut und sehr deutlich das Wort „hinlegen“ brüllte.
In der Regel bin ich ein extrem ausgeglichener, ruhiger und vor allen Dingen humorvoller Zeitgenosse, der außerdem noch mit einer Engelsgeduld gesegnet ist, so dass es zu 99 Prozent friedlich und gemütlich in unserem Haus zu ging. Kürzlich fand ich einen Satz des Schriftstellers Michel Houellebecq, der mich sehr berührte und mir nahe ging: „Man kann die Ereignisse jahrelang mit Humor hinnehmen, aber letztendlich bricht das Leben doch immer das Herz!“ Fast wäre es ja wortwörtlich dazu gekommen.
(Tipp Nr. 25: Grenzen erkennen)

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