26. Lotti wird autark

aufbrausen

Mit Ausnahme von Ostermontag verlief das Osterfest diesmal ziemlich deprimierend bei uns. Selbst die Ostereier sahen traurig aus, weil ich aus Versehen braune und keine weißen Eier ins Haus geliefert bekam. Die Farben kamen nicht richtig zum Leuchten und die gefärbten Eier sahen marode, fast antik aus, hatten aber dadurch einen gewissen eigenen Charme, wie ich mir gut zuredete.
Josi verlor immer häufiger die zeitliche Orientierung, was kein Wunder war, bei seinem gestörten Tag- und Nachtrhythmus und so war er einmal mehr erstaunt, als er am Gründonnerstag um 18.00 Uhr kein Frühstück, sondern grüne Sauce bekam. Am Ostermontag kam die Familie zum Abendessen und Josi ließ sich bereitwillig anziehen und setzte sich dann mit uns an den Tisch und aß mit großem Appetit. Wenn man ihn so erlebte, mochte man wieder einmal nicht glauben, dass etwas nicht stimmt, und man konnte sich erst recht nicht vorstellen, was sich ansonsten hier tagtäglich abspielte.
Zum Glück war ich mittlerweile komplett autark, was seine Körperpflege anging, denn ich fand nichts schlimmer, als wenn ein kranker, alter Mensch auch noch ungepflegt aussieht oder gar unangenehm riecht. Ein Jahr zuvor wäre ich nicht dazu in der Lage gewesen, aber mittlerweile konnte ich ratzfatz Fuß- und Fingernägel schneiden, zur Not auch die Haare – zwischendurch kam ein Friseur ins Haus -, rasieren, Zähneputzen, das ganze Programm eben. Am Anfang hatten wir es einmal mit einer professionellen Maniküre versucht, aber Josi hatte so ein Geschrei gemacht, als würde er umgebracht. Am Ende waren wir alle schweißgebadet und das Experiment musste auf halber Strecke abgebrochen werden.
Nachdem ich in einem Ratgeber gelesen hatte, dass an Demenz erkrankte Menschen ein Problem mit dem Duschen haben und dass es nicht notwendig sei, jeden Tag zu duschen, sah ich das auch wesentlich entspannter und stresste ihn nicht mehr täglich damit. Unsere Dusche lag leider eine Etage tiefer und alleine der Gang nach unten und wieder zurück war für Josi eine Tortour. Aber irgendwann hatte ich die Tricks raus, ihn alle zwei bis drei Tage nach unten zu lotsen. Ich fing meist schon morgens an, ihm zu sagen, dass heute Duschen angesagt sei und dann verzog er das Gesicht und jammerte: „Nein, nein, ich kann nicht!“ „Du riechst wie ein alter Landstreicher“, war dann mein Gegenargument und spätestens, wenn ich mit seinen Pantoffeln in der Hand angelaufen kam, gab er sich geschlagen und manchmal sagte er sogar: „Ja, wir sollten mal runter.“ Dann wankten wir zwei Alten die Treppe hinab und es war gut, dass uns bei dieser Aktion keiner beobachtete.

Josi sagt: „Ich muss nach Südafrika auswandern!“

Ich wusch ihm den Kopf, den Rücken, Beine und Füße, den Rest erledigte er mit genauer Ansage, alleine. Das Abtrocknen funktionierte ähnlich und nach fünf Minuten waren wir, begleitet von lautem Gestöhne und Gejammer, schon wieder auf dem Weg nach oben. Es gab zwei Treppenabsätze, auf denen wir eine kurze Rast einlegten und ich jeweils einen Kuss bekam. Oben angekommen herrschte für die nächste Stunde Pause, weil Josi nach dem Stress erst einmal tief und feste schlief und ich war glücklich, wieder einen sauberen Mann und etwas Ruhe zu haben.
Nach wie vor war kein Tag mit dem anderen zu vergleichen, aber ich strahlte, wie ein Honigkuchenpferd, wenn es mal gut lief, er sich, ohne dazu aufgefordert zu werden, die Zähne putzte, rasierte oder gar angezogen aus dem Schlafzimmer kam. Tief traurig war ich, wenn er verzweifelt durch die Gegend lief und mich suchte oder er nicht mehr wusste, wo er war, wem sein Bett und das Haus gehörte. Aber gelacht und geschmunzelt wurde natürlich auch, besonders über den extrem höflichen Umgangston, den er bei Frau P. anschlug. „Würden sie mir bitte ein Glas Wein oder ein Glas Wasser reichen?“ Und wenn er bekam, was er gewünscht hatte, dann hieß es: „Das ist aber sehr freundlich von ihnen, vielen Dank.“ „Könnten sie mich bitte ins Bett begleiten?“ oder „richten sie bitte meiner Frau aus, dass es mir ausgezeichnet geschmeckt hat!“ waren Sätze, die uns immer wieder amüsierten. Im späteren Verlauf seiner Erkrankung hörten diese Höflichkeitsfloskeln leider allerdings abrupt auf, dann hieß es nur noch „Kaffee, Wasser oder Brot!“
(Tipp 26: Gute Zeiten bewusst genießen!)

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