28. Herzschmerz

Die obligatorische Runde bei meinem abendlichen Geburtstagsessen ist um meine Freundin und Josi geschrumpft. Im letzten Jahr war er noch dabei, wollte aber schon nach einer halben Stunde wieder nach Hause. Das schönste Geschenk bekam ich von Frau P., sie schenkte mir ein paar Stunden Freizeit.
Schon am nächsten Morgen musste ich für zwei Tage in die Klinik. Zur Kontrolle sollte noch einmal ein Herzkatheter gelegt werden und Josis Tochter kam extra angereist und kümmerte sich um ihren Vater. Als ich ihm erzählte, was vor mir lag, guckte er mich nur verständnislos an und ich war traurig, dass er als Kardiologe nicht mehr wusste, was ein Herzkatheter war. Nun war es halt so und ich freute mich auf zwei Tage Erholung. Leider lag mein Zimmer zum Innenhof und zur Küche und da fing es schon um 5.00 Uhr in der Früh an, heftig zu lärmen. Ich war sauer, weil ich eigentlich meine Ruhe haben und gut schlafen wollte. Auch die gesamte Herzuntersuchung wurde zum Albtraum. Ich wurde im Rollstuhl sitzend in einem fensterlosen Kabuff für eine halbe Stunde zwischengeparkt und bekam dort Schweißausbrüche und Angstzustände und vor lauter Selbstmitleid flossen die ersten Tränen. Endlich im OP musste ich auf einen hohen Tisch klettern und bekam in den linken Arm etwas zur Beruhigung, der rechte Arm wurde fixiert und eine junge Frau in Grün legte einen Zugang. Ich fauchte sie an und wollte wissen, was sie da machte. Sie beruhigte mich und sagte, dass sie nur alles vorbereite und der Chef gleich käme. Es tat furchtbar weh und ich heulte vor Schmerzen. Irgendjemand wischte meine Tränen weg und tätschelte gleichzeitig meine Schulter. Endlich kam der Chef, blieb eine Minute und sagte, dass alles prima ausschaue und sich mein Herz gut erholt hätte. Dann war er auch schon wieder weg und das junge Ding in Grün zog den Schlauch aus meinem Herzen und meinem Arm und das tat noch mehr weh und ich musste mich furchtbar zusammennehmen, um nicht laut los zu schreien. Im Vorfeld hatte ich vor irgendwelchen Schmerzen überhaupt keine Angst gehabt, weil ich die nicht in Erinnerung hatte. Damals wurde die Kanüle durch die Leiste eingeführt, aber entweder war ich seinerzeit gedopt, stand unter Schock oder es hatte tatsächlich nicht wehgetan. Das hier ging jedenfalls gar nicht. Ich durfte vom Tisch klettern und mich wieder in den Rollstuhl setzen, dann wurde ich zurück ins Zimmer gefahren und war überglücklich, es geschafft zu haben.

Josi sagt: „geht nicht, alles scheiße!“

Nach einer weiteren unruhigen Nacht und der Visite, bei der ich noch einmal tüchtig wegen meines stressigen Lebens zusammengefaltet wurde, durfte ich am späten Vormittag nach Hause. Die Tochter bot mir an, dass ich noch ein paar Tage verreisen könnte, aber ich wusste nicht wohin und hatte außerdem immer noch Angst, sterben zu müssen. Josi hatte gar nicht richtig bemerkt, dass ich zwei Tage weg war, und er begrüßte mich, als wäre ich gerade vom Einkaufen gekommen. Dann berappelte ich mich endlich und unternahm die nächsten Tage lauter Dinge, die mir Spaß machten. Ich entspannte mich, erholte mich und war glücklich.
Eines Morgens kam ich um 6.00 Uhr runter. Josi war komplett angezogen, allerdings hatte er als Unterhemd eines meiner Nachthemden an. Ich musste fürchterlich kichern. Er beschwerte sich über die abgeschlossene Haustür und war gerade dabei, den Laden der Küchentür zu öffnen. Wohin er unbedingt wollte, konnte er mir allerdings nicht erklären, und er schien erleichtert, als ich ihn wieder ins Bett verfrachtete. Am Morgen danach fand ich ihn im Sessel neben dem Schreibtisch sitzend, er hatte in der Nacht sein Bett nicht mehr gefunden. Als ich abends schon in meiner Koje lag, rief Josi nach mir. Ich lief die Treppe runter und fragte ihn, was los sei. Darauf antwortete er: „Ich wollte nur sagen, dass ich dich liebe!“
(Tipp Nr. 28: Genießt jede Belohnung.)

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