29. Kurze Pause

Die nächsten Nächte waren leider wieder Stress pur. Josi rief pausenlos nach mir und wir kamen beide nicht zur Ruhe. Das waren Situationen, die mich schier zur Verzweiflung brachten und in tiefe Abgründe stürzten. Immer wieder fragte ich mich: „Was ist das nur für ein Leben, wie soll es bloß weitergehen?“ Ich war mir sicher, dass ich das so nicht ewig aushalten würde. Meine verstorbene Freundin hatte mich oft vorgewarnt und gesagt, dass ich eines Tages nicht mehr selber entscheiden könnte, ob es erträglich sei und ob ich so leben wollte, sondern dass mein Körper die Entscheidung fällen würde. Er hatte ja bereits einmal gestreikt, war ich jetzt wieder an dem Punkt?
Doch wie immer, wenn man ganz unten ist, geht es auch wieder aufwärts. Rettung nahte, ich durfte eine Woche in Urlaub fahren. Es war die ersten Ferien meines Lebens, die ich alleine verbringen würde, und weil ich ein wenig Bammel davor hatte, beschloss ich, zu einem alten Freund nach Südspanien zu fliegen. Er lebte mit seiner Frau in der Nähe von Gibraltar und ich hätte wenigstens für den Notfall einen Ansprechpartner. Zu Hause machten wir einen fliegenden Wechsel und bereits in der Sekunde, als ich aus dem Haus ging, fing ich schon an, mich zu erholen. In Malaga wurde ich von Herrn Banderas abgeholt, er betonte gleich lachend, dass er weder verwandt noch verschwägert mit dem Filmstar sei. Das Hotel lag direkt im Jachthafen und von meiner Terrasse aus konnte ich auf den Felsen von Gibraltar und nach Marokko schauen, was mich natürlich extrem begeisterte. Drumherum gab es Dutzende von Restaurants und kleinen Geschäften, die Häuser waren in fröhlichen Pastellfarben gestrichen und zum Strand waren es fünf Minuten Fußweg. Abends wurde ich zum Essen eingeladen und lernte die reizende Frau meines alten Freundes kennen. Einzig mit der Hitze, um die 35 bis 40 Grad, hatte ich zu kämpfen. Gleich am nächsten Tag kaufte ich mir auf dem Wochenmarkt zwei Chiffonfähnchen und einen Strohhut. Eigentlich hätte ich meinen Koffer samt Inhalt gleich wieder nach Hause schicken können, denn ich trug nichts anderes mehr als die neuen Kleider, Laufklamotten und Bikinis. Früh am Morgen machte ich Sport und den Rest des Tages verbrachte ich am Strand in einem kleinen Beachclub. Gleich am zweiten Tag bekam ich automatisch eine Flasche Wasser und einen Cappuccino unter mein Strohdach gestellt. Der Sand war so heiß, dass man nur mit Schuhen darüber laufen konnte, dafür war das Wasser eisig, ca 16 Grad, und es kostete eine große Überwindung, im Meer zu schwimmen. Abends war ich entweder mit den Freunden verabredet oder ich ging alleine essen und verbrachte anschließend noch ein paar Stunden auf meiner Terrasse und genoss den Blick in die Ferne. Ich erholte mich im Schnelltempo, zumal zu Hause alles gut zu laufen schien. Die Abreise verlief genauso unspektakulär wie die Anreise und ehe ich mich versah, war ich wieder daheim.

Josi sagt: „Schön, dass du wieder da bist.“

Die Tochter hatte sich rührend um ihren Vater gekümmert, freute sich aber darauf, in den nächsten Nächten endlich wieder anständig schlafen zu können. Da wir uns alle Josis Bedürfnissen und seinem Rhythmus anpassten, war es letztendlich wahrscheinlich egal, wer gerade bei ihm war. Für mich war der Gedanke sehr hilfreich, weil ich dadurch theoretisch kein schlechtes Gewissen zu haben brauchte, wenn ich außer Haus war. Trotzdem fiel ich auch nach dem erholsamen Urlaub immer wieder in mein altes Verhaltensmuster und hetzte durch die Gegend, aber jeden Tag bekam ich einen kleinen Trost, wenn Josi sagte: „Ich liebe dich!“
Die nächste Zeit verging mit der elendigen Rennerei und den nächtlichen Rufen und ich hatte das Gefühl, dass mein Mann wieder kleinere Schlaganfälle erlitten hatte. Er sah schlecht aus und war komplett desorientiert. Unser Hausarzt wusste auch nicht weiter und empfahl mir, Josi ein paar Tage lang in der Uniklinik durchchecken zu lassen, wo sie ihn gut kannten. Leider ließ ich mich auf den Vorschlag ein, aber die Uniklinik wollte ihn nicht aufnehmen und so landeten wir nach endlosen Telefonaten und emotionalen Diskussionen am Ende in der Notaufnahme unseres örtlichen Krankenhauses. Josi lag gemütlich im Bett und schlief und ich saß vier Stunden auf einem kleinen Hocker und harrte der Dinge, die nicht passierten. Der Zeitpunkt war extrem schlecht gewählt – auch von mir in meiner Sorge um meinen Mann nicht bedacht -, denn der nächste Tag war ein Feiertag und der Beginn eines langen Wochenendes. Die Ärzte wollten Josi da behalten, aber ich lehnte es ab. Vor Montag würde eh keine Untersuchung gemacht werden und mein armer Liebling würde nur hilflos und ängstlich durch die Klinik geistern und wohlmöglich noch stiften gehen. Nein danke, kannten wir schon, hatten wir schon, wollten wir nicht mehr. Ich zerrte Josi in ein Taxi und ab ging es nach Hause. Im Gegensatz zu ihm, der ja die ganzen Stunden im Bett verbrachte hatte, war ich fix und fertig und total sauer auf mich, weil ich uns dieser Tortour für nichts und wieder nichts, ausgesetzt hatte. Ich befand mich zu diesem Zeitpunkt in einem ständigen Lernprozess und versuchte, so viel wie möglich in meinem Gehirn abzuspeichern, um nicht die gleichen Fehler bei anderer Gelegenheit noch einmal zu machen.
Nur wenige Tage später schloss unsere Hausfee Veronika morgens um 8.00 Uhr die Tür auf und betrat den Flur, als eine Stimme aus der Dunkelheit des angrenzenden Zimmers ertönte: „Aha, Sie haben also den Schlüssel!“ Und dann stand Josi, der ja eigentlich nicht mehr alleine die Treppe runter gehen konnte, neben ihr und wollte raus. Anstatt laut nach mir zu rufen, rangelte sie mit ihm herum und redete beschwörend auf ihn ein, aber er wollte mit aller Macht nach draußen. Erst als sie sagte: „Ihre Frau wird sehr böse mit uns sein, wenn sie jetzt gehen“, besann er sich und trat den Rückweg an. Mein Mann hatte sich alleine Hemd, Hose, Socken und Schuhe angezogen, aber keine Jacke und wäre die Tür nicht abgeschlossen gewesen, hätten wir ein Problem gehabt.
In den nächsten Tagen rannte Josi bis in die Tiefe der Nacht im Sekundentakt von seinem Sessel zum Bett und wieder zurück. Spaßeshalber fragte ich ihn, ob er für den New-York-Marathon trainiere, aber zum Lachen war mir nicht wirklich dabei.
(Tipp Nr. 29: Fehlentscheidungen gut abspeichern oder aufschreiben.)

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