30. Katastrophe

anblick

An einem Sonntagmorgen, Ende November, telefonierte ich fröhlich mit einer Freundin und war ganz glücklich darüber, von Josi nichts zu hören und zu sehen. Gegen 10.30 Uhr beendete ich das Telefonat und machte das Frühstück für meinen Liebsten. Wie immer gab es zwei Vollkorntoasts mit Schinken, Käse und Marmelade sowie zwei Tassen Kaffee. Ich stellte alles bereit und ging ins Schlafzimmer. Josi lag mit seinem Körper halb auf dem Bett, halb auf der Erde. Ich starrte ihn einige Schrecksekunden an, während er ständig versuchte, den Oberkörper aufzurichten. Ich setzte mich neben ihn und bemühte mich, ihn in eine bessere Position zu zerren. Aber er war steif wie ein Brett und es gelang mir weder, seine Beine ins Bett zu bekommen, noch, ihn hinzusetzen. Sein Blick war starr und er stöhnte. Ich fuchtelte mit meinen Händen vor seinem Gesicht herum und schnippte mit den Fingern, aber er zeigte keine Reaktion. Mir wurde angst und bange und schlecht. Ich riss mir den Morgenmantel und das Nachthemd vom Leib, sprang in Jeans und T-.Shirt und ans Telefon. Ich wählte mal wieder die 112. Langsam brauchte ich eine Standleitung zur Feuerwehr. In wenigen Worten erklärte ich die Situation und bat um Notarzt und Krankenwagen. Zum Glück hatte ich den letzten Arztbrief, aktuelle Blutwerte, Vollmacht, Patientenverfügung und Allianzkarte immer griffbereit liegen.

Josi sagt: „Ich muss mich mal wieder mähen.“

Nur wenige Minuten später hörte ich schon die Sirene und flitze nach unten, um die Haustür zu öffnen. Die rot-weiß gekleideten Männer stürmten mit ihren Koffern und Geräten an mir vorbei. Der Arzt fragte mich, was passiert sei, aber da ich es nicht wusste, konnte ich ihm auch nichts sagen, klärte ihn aber über das Krankenbild auf und drückte ihm sämtliche Unterlagen in die Hand, die ihm natürlich weiterhalfen. Sie machten sich an meinem Mann zu schaffen und ich ging raus, weil ich den Anblick nicht ertragen konnte. Zwei Sanis liefen los und kamen mit einem Tragstuhl zurück. Josi hing wie ein Häufchen Elend in diesem Stuhl, den sie nur wenig später an mir vorbei die Treppe runter trugen. Ich sagte, dass ich in ein paar Minuten mit dem eigenen Wagen nachkommen würde.
Im Schlafzimmer sah es wie nach einem Bombenangriff aus. Auf dem Boden lagen blutige Tupfer, Pflaster, Einwegspritzen und anderer Müll. Ich sammelte mich einen Moment und rief dann die Kinder an. Das eine Kind erreichte ich nicht, das andere war in Belgien und würde sich sofort auf den Rückweg machen. Ich spielte die Situation etwas herunter und bat darum, vorsichtig und ganz in Ruhe die Heimreise anzutreten. Ich packte mir noch ein Buch ein, denn es könnte ein langer Tag mit endloser Warterei werden, und machte mich dann auf den Weg in die Notaufnahme unseres städtischen Krankenhauses.
Der Anblick von Josi entsetzte mich. Er krampfte und zuckte haltlos mit seinen Armen und Beinen. Niemand ließ sich blicken und ich begriff nicht, warum die Krämpfe noch nicht gestoppt waren. Eine Schwester sagte, dass der Arzt gleich käme. Josi war nicht ansprechbar und ich brach in Tränen aus. Endlich kam ein Doktor und legte eine Infusion. Mittlerweile war es 16.00 Uhr und ich wusste, dass mein Mann stundenlang kein Wasser gelassen hatte und das sagte ich der Schwester, die immer mal zu uns reinschaute. Wenig später wurde ein Katheter gelegt und Josi zum EEG gefahren. Ich konnte mich nicht auf das Buch konzentrieren und hoffte inständig, dass endlich eines der Kinder auftauchen möge. Ich fühlte mich so hilflos und so fürchterlich alleine und lebte in einer Angst, dass Josi in dieser nüchternen Umgebung sterben würde. Die Kinder kamen und auch mein Mann wurde zurückgebracht. Er krampfte noch immer und bei dem Versuch, ihm etwas Wasser zu geben, merkten wir, dass er nicht mehr schlucken konnte. Eine weitere Infusion wurde angehängt und wir streichelten und küssten unseren Schatz in der Hoffnung, dass er zur Ruhe käme. Endlich hatte der Arzt Zeit für uns – wir waren an diesem Tag ja nicht der einzige Notfall – und wir überlegten mit ihm gemeinsam, wie es weitergehen sollte. Die Blutwerte waren extrem schlecht ausgefallen und das EEG hatte durch das Krampfen nicht viel ergeben. Zur Debatte standen die Intensivstation und die normale Station. Wir entschlossen uns für die normale Station, weil auch dort alles getan würde, was notwenig wäre. Mittlerweile war es 19.00 Uhr und wir begleiteten Josi auf sein Zimmer. Wir hatten das Gefühl, dass er ein wenig ruhiger geworden war und auch wieder schlucken konnte und deshalb wehrte ich mich auch nicht, als mich die Kinder überredeten, nach Hause zu fahren. Ich fühlte mich, wie durch einen Fleischwolf gedreht und wollte nur noch schlafen.
(Tipp Nr. 30: Immer die Nerven behalten)

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