31. Josi kämpft

Am nächsten Morgen war ich beizeiten in der Klinik. Josi krampfte nicht mehr, war aber immer noch völlig verwirrt und ob er mich erkannte, konnte ich nicht genau feststellen. Zum Glück war wenigstens der Schluckreflex zurückgekehrt und ich war dankbar, dass wir am Tag zuvor einer Magensonde nicht zugestimmt hatten. Bei der Visite erklärte mir der sehr nette Chefarzt, dass mein Mann ausgetrocknet war und wahrscheinlich einen epileptischen Anfall und mehrere kleine Schlaganfälle gehabt hatte. Bei herzkranken Menschen ist die Flüssigkeit tatsächlich ein sehr delikates Thema. Gibt man ihnen zuviel, bekommen sie Beinödeme, gibt man ihnen zu wenig, bekommen sie Krampfanfälle oder andere Probleme. Josi hatte in den Tagen zuvor extrem viel geschlafen, so dass es wahrscheinlich war, dass er weniger als zwei Liter getrunken hatte, obwohl ich immer dahinter her war, dass er genügend Kaffee, Wasser, Säfte und Tee zu sich nahm. Ich fühlte mich schuldig, weil ich allem Anschein nach nicht gut genug auf ihn aufgepasst hatte. Erst, als eine Woche später in der Klinik das gleiche Dilemma noch einmal passierte, fühlte ich mich etwas rehabilitiert. So schnell hatte ich noch nie Infusionen fliegen sehen. Doch an diesem Montag ging es mir erst einmal furchtbar schlecht und mir wurde noch übler als ich später am Tag erfuhr, dass sich Josi den Katheder rausgerissen hatte. Ich mochte mir das nicht weiter ausmalen und war froh, dass es eines der Kinder entdeckte und nicht ich. Sein Bett muss ausgesehen haben, wie nach einem Gemetzel.

Josi sagt: „Ich bin doch bei dir!“

Das Krankenhaus liegt in der Nähe unseres Zuhauses und ich nahm zweimal täglich die Abkürzung über den Friedhof und nutzte die Gelegenheit zu einem kleinen Plausch mit meinem Vater, der dort schon seit mehr als zwanzig Jahren liegt. Als ich am Dienstagmorgen in das Zimmer von Josi kam, saß er im Bett und empfing mich mit den Worten: „Jeder neue Tag beginnt mit einem schönen Morgen!“ Ich glaubte, mich verhört zu haben und musste laut lachen. In ähnlicher Weise ging es in den nächsten beiden Tagen weiter. Mein Mann lief geradezu zur Hochform auf und plauderte über die Bahamas und Amerika, fragte jeden, wie es ihm denn so gehe und begrüßte die Ärzte fröhlich mit „guten Tag, Kollegen, was liegt an?“ Es hätte nicht viel gefehlt und er wäre aus dem Bett gesprungen und die Visite mitgemacht. Er erzählte mir, dass er jetzt nach Großbritannien fahren würde und ich wünschte ihm eine gute Reise. Ein wenig später lächelte er und sagte: „Ich danke dir, dass du dich so kümmerst.“ So einen Satz hörte ich natürlich gerne und freute mich darüber, allerdings fragte ich mich ein weiteres Mal, an was dieser Mann eigentlich konkret erkrankt war. Zumindest schien es eine sehr spezielle Form der Demenz zu sein. Ich saß an seinem Bett, hielt sein Hand und bemerkte: „Die ist aber kalt.“ Josi : „Ja, das stört mich auch sehr.“
Ende der Woche war leider Schluss mit lustig. Sein Urin, der in einem Beutel landete, sah wie gegorene Milch aus und roch ekelig. Ich sagte es den Schwestern und war mehr als verwundert, dass sie nichts bemerkt hatten. „Ja, ja, der kommt ins Labor,“ wurde ich beruhigt. Beim Abschiedskuss am Freitagabend stellte ich fest, dass mein Mann eine ganz heiße Stirn hatte. Ich rannte wieder nach vorne zu den Krankenschwestern und schlug Alarm und natürlich hatte Josi Fieber. Am Samstag erfuhr ich, dass er ein Antibiotikum bekam und am Sonntag sah unser Liebling wie ein Streuselkuchen aus und fröhlich und geschwätzig war er auch nicht mehr, aber wenigsten war er den Katheder los geworden. Durch das Antibiotikum bekam er natürlich Durchfall und das arme Pflegepersonal hatte alle Hände voll mit ihm zu tun. Am Montag war endlich der Chefarzt wieder da und ich konnte ihn bei der Visite abfangen. Josi saß – ausnahmsweise mal rechtzeitig – auf der Toilette und der Arzt sagte: „ Läuft doch prima. den haben wir ja wieder richtig gut hinbekommen.“ „Ja schon,“ erwiderte ich, „aber ist es normal, dass mein Mann wie ein Pavian von hinten ausschaut?“ Der Chef flitzte ins Bad und sagte: „Oh, dann reagiert er wohl allergisch auf das Mittel ich werde gleich etwas anderes verschreiben.“
(Tipp Nr. 31: Den Tag nie vor dem Abend loben)

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