32. Nachtwachen

Josi hatte rapide abgenommen und der Harnwegsinfekt mit seinen Begleiterscheinungen hatten ihm den Rest gegeben. Er war ein kleines Klappergestell geworden und schaffte es höchstens zwanzig Minuten, in einem Sessel zu sitzen oder ein paar Schritte mit unserer Hilfe zu gehen. Wie sollte das Zuhause funktionieren? Wenn ich das richtig einschätzte, war mein Mann jetzt zu einem kompletten Pflegefall geworden. Der Chefarzt beurteilte die Lage genauso und empfahl mir, mich um einen Pflegedienst, Pflegebett usw. zu kümmern. Ich telefonierte wie eine Wahnsinnige in der Gegend herum und bekam alles schnell auf die Reihe. Zum Glück hatte ich im Jahr zuvor im Erdgeschoß unseres Hauses ein sehr großes Zimmer umbauen lassen – sollte eigentlich mein Atelier werden – und es eignete sich nun optimal für die Unterbringung von Josi. Das bodentiefe Fenster nahm die ganze Front zum Garten ein und machte den Raum dadurch hell und freundlich. Auf dem Boden lagen helle Holzplanken und es gab eine Dusche und Toilette, die besten Voraussetzungen also, um einen kranken Menschen zu versorgen und zu pflegen. In letzter Sekunde ließ ich noch die Dusche einebnen, so dass es keine Stolperfallen mehr gab.

Josi sagt: „Warum liege ich dauernd im Bett?“

Ich kaufte noch zwei kleine Tischlampen und deckte mich vor allen Dingen mit Einlagen, Papierhosen, Einweghandschuhen & Co ein. Der Toilettenstuhl meines Vaters, der jahrzehntelang verwaist im Keller gestanden hatte, sollte künftig unser wichtigstes Utensil werden. Einen Rollstuhl und den Rollator gab es ja ebenfalls bereits in unserem Haushalt. Das Pflegebett und ein Nachtisch wurden rechtzeitig geliefert und ich konnte Josi nach Hause holen.
Leider war schon ein Tag später klar, dass er viel zu früh entlassen wurde. Er hatte nicht nur einen fürchterlichen Durchfall, auch der Harnwegsinfekt war nicht ausgeheilt und mein Mann jammerte vor Schmerzen. Ich rief den Bereitschaftsdienst an, die am frühen Abend einen Arzt vorbei schickten. Er machte einen Schnelltest vom Urin und verschrieb ein weiteres Antibiotikum und eines der Kinder fuhr rasch los und holte es aus der Apotheke. Brennesseltee und die Tabletten brachten Linderung und in der Woche drauf schafften wir endlich den Durchbruch. Josi hatte sein neues Zimmer ohne weitere Kommentare angenommen, dafür blieben die Nächte eine einzige Katastrophe, vor allen Dingen für mich. Ich träumte nur noch von riesigen Kuhfladen und überlaufenden Nachttöpfen, rannte bis zu zehnmal nachts die Treppen hoch und runter und es war nun nicht mehr zu übersehen, dass ich ganz schnell Hilfe brauchen würde.
Ich fand eine Anzeige in der Zeitung, in der sich eine ausgebildete Altenpflegerin aus Litauen zu Nachtwachen anbot. So trat Emilie in unser Leben. Doch ehe sie anfing, durfte ich drei Tage Urlaub machen und da mir nichts einfiel, wo ich auf die Schnelle und um diese Jahreszeit hätte hinfahren können, es war mittlerweile Anfang Dezember, quartierte ich mich kurzentschlossen in einem kleinen Hotel in Düsseldorf ein. Es war die beste Idee, die ich seit langem hatte. Ich schlief jede Nacht zwölf Stunden, ging zum Frisör, traf mich mit Freundinnen, streifte durch die Altstadt und erledigte gemütlich sämtliche Weihnachtseinkäufe. Ansonsten fläzte ich auf dem Sofa herum, las, schaute Fern und hielt den Zimmerservice auf Trab. Nach drei Tagen kam ich fröhlich pfeifend, voller Dankbarkeit, diese Pause bekommen zu haben, und bestens erholt nach Hause zurück.
Mittlerweile hatten wir eine zweite Nachtwache ins Boot geholt, so dass ich vorerst für fünf Nächte gerettet war. Mein Tag war trotzdem noch fast 16 Stunden lang, denn die Damen kamen erst um 21.30 Uhr und gingen um 6.00 Uhr in der Früh. Wenn sie kamen, waren sie meist fit und ausgeruht, während ich bereits auf dem Zahnfleisch ging. Sie wollten noch etwas plaudern und ich hatte nur einen einzigen Wunsch: Hinlegen, schlafen, nicht reden müssen. In der Regel machten wir natürlich abends noch eine Übergabe, so dass es ohnehin später als Halb Zehn wurde, ehe ich ich mich endlich verkrümeln konnte.
(In eigener Sache: Es ist mir natürlich klar, dass es ein absolutes Privileg ist, einen Kurzurlaub im Hotel machen zu können oder Nachtwachen zu organisieren, die von der Krankenkasse nicht bezahlt werden. Den meisten betroffenen Angehörigen ist dieser „Luxus“ nicht möglich, sie müssen ihr Schicksal in der Regel alleine stemmen. Auf der anderen Seite fände ich es unehrlich von mir, wenn ich Euch nicht erzählen dürfte, wie es tatsächlich bei uns abgelaufen ist aus Angst, dass mir jemand die Unterstützung nicht gönnt, weil er sie selber so – aus finanziellen Gründen – nicht realisieren kann. Es gibt trotz der Hilfe noch jede Menge zu tun und wir alle, die wir in diese Thematik involviert sind, wissen, dass jederzeit der Moment kommen kann, an dem wir unsere eigene Grenze überschreiten und am Ende unserer Kräfte sind.)
(Tipp Nr. 32: Pausen machen, wann immer es möglich ist.)

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