33. „Fröhliches Fest“

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Josi war jetzt vier Wochen nicht mehr oben in seinen gewohnten Räumlichkeiten gewesen und ich glaubte schon, dass er einfach vergessen würde, dass es eine obere Etage überhaupt gibt. Aber weit gefehlt. Irgendwann fing er doch an zu sagen, „jetzt gehen wir aber mal hoch“ und ich vertröstete ihn dann, dass wir sofort hochgehen würden, wenn er wieder fit sei und wir beide momentan die Treppe weder hoch noch runter schaffen würden. Damit gab er sich zufrieden. Ein anderes Mal fragte er mich verzweifelt, wo er eigentlich sei. Da er immer noch nur maximal eine halbe Stunde im Sessel sitzen konnte und dann völlig erschöpft war, hatte ich einfach Angst, dass wir zwei Alten die Treppe runterfallen würden. Ich hatte mir schon überlegt, einen Treppenlift einbauen zu lassen, den Gedanken aber schnell wieder verworfen, als ich mir ausmalte, dass ich dann den ganzen Tag mit meinem Mann im Lift verbringen würde. Hoch, runter, hoch, runter.
Generell hatte sich Josi ganz gut an den Pflegedienst gewöhnt, der jeden Morgen kam und ihn wusch oder duschte. Öfters gab es jedoch auch Zoff, Geschrei und Ausraster mit unflätigen Ausdrücken, dass mir die Schamröte ins Gesicht stieg. Dann flitzte ich nach unten und zankte meinen Mann aus oder ich hielt mir feige die Ohren zu, aber immer wenn ich mich beim Pflegedienst für sein Benehmen entschuldigte, winkten die nur lachend ab und meinten, dass ich mir keine Sorgen machen sollte, sie würden das kennen und nicht persönlich nehmen. Manchmal bekamen wir Josi auch gar nicht wach, dann duschte ich ihn ein paar Stunden später selber oder es kam halt mal für einen Tag kein Wasser an seinen Körper. Nervenaufreibend war bei den Duschaktionen die ständigen Hilferufe, als würde mein armer Liebling ermordet. Am Anfang rannte ich natürlich sofort zu ihm und rief schon auf der Treppe: „Was ist los?“ und bekam zur Antwort: „Kalt, kalt, Hilfe, Hilfe!“ Es lag einfach an seiner Tagesform, wie er auf den Pflegedienst reagierte und auf die jeweilige Person, die kam. Eine hübsche, junge Pflegerin hatte es ihm besonders angetan und nicht nur, weil sie jung und hübsch war, sondern vor allen Dingen, weil sie sehr leise und liebevoll mit ihm sprach und sanft mit ihm umging. Aber sie hatte natürlich nicht immer Dienst und wenn ein neuer Pfleger kam und schon an der Tür schrie: „Guten Morgen Herr Beitz, wie geht es uns denn heute?“ kippte die Stimmung schnell und Josi wurde frech und aggressiv und nicht nur einmal musste der arme Pfleger unverrichteter Dinge den Rückzug antreten. Natürlich warnte ich alle Neuen vor, dass sie bitte leise sprechen sollten, aber unter „leise“ verstand nun einmal jeder etwas anderes. Ich gebe zu, dass ich auch die Familie mit meinem Flüstergebot nervte. Aber ich hatte einfach gelernt, dass man mit Josi besser zu Recht kam, wenn man leise mit ihm sprach, ihm nicht zu nahe kam und vor allen Dingen, ihn nicht anfasste oder berührte. Ich weiß bis heute nicht, ob die Lautstärke ein spezielles Problem für an Demenz erkrankte Menschen ist oder ob Josi eine eigene Phobie entwickelt hatte. Mir war allerdings nur wichtig, dass er sich gut und wohl fühlte, weil er dann friedlich, glücklich und entspannt war. Ich lebte ständig in Anspannung, dass seine Stimmung in Aggressivität umschlagen würde und dass mich die eigentlich als Hilfe angedachten Aktionen, nicht wirklich weiterbrachten. Ich bekam Hilfe, musste mich dafür bedanken, bezahlen sowieso und am Ende des Tages durfte ich selber die Kohle aus dem Feuer holen. Und wenn es darauf ankam, war ich eh mit Josi meist alleine. Man vergisst das sehr schnell, weil sich die Ereignisse oft überschlagen und schreibt auch nicht gleich jedes Detail auf, weil man es im Moment nicht für wichtig hält. Erst im Nachhinein wird einem klar, das jedes Detail wichtig ist, um den anderen pflegenden Angehörigen die Entwicklung der Erkrankung plausibel machen zu können. Denn nur der Weg zum Ziel bringt den Betroffenen die Erkenntnis, wie sie es besser machen könnten. Zu diesem Zeitpunkt war es mein Ziel, Josi wieder fit zu bekommen und bei Laune zu halten.

Josi sagt: „Hau ab, dummer Idiot!“

Weihnachten und Heiligabend gingen an meinem Mann komplett vorbei. Über das kleine beleuchtete Tannenbäumchen vor seinem Fenster freute er sich allerdings schon seit dem 1. Advent und ich nahm mir vor, es mindestens wieder bis März stehen zu lassen. Als meine Mutter an Heilabend kam, waren wir alle gespannt, ob er sie noch erkennen würde, aber er sagte sofort: „Hallo meine Liebe, wie geht es Dir?“ Doch er war müde an diesem Abend und nicht gerade in Plauderlaune und so blieb es bei einer herzlichen Umarmung. Als wir eine Etage höher gerade mit dem Fondue beginnen wollten, rief er nach mir und eine höchst unwillkommene Abwechslung erwartete mich in Form einer guten Verdauung von Josi. Während ich die Toilettenschüssel reinigte, musste ich mich fast übergeben, aber dann war ich froh, dass es ihm gut ging, auch wenn mir das Essen anschließend nicht mehr so richtig schmeckte. Außerdem war ich dankbar, dass die Familie zusammensein konnte und wenn das Toilettenschüsselreinigen dazu gehörte, dann war das eben so. Später am Abend, als ich eigentlich schon todmüde war, brachten mich die Kinder noch einmal tüchtig zum Lachen und der Abend endete, wie er begonnen hatte, humorvoll und fröhlich. Geschlafen habe ich in dieser heiligen Nacht allerdings wenig, weil es natürlich mein Part war, auf unseren Liebling aufzupassen.

(Tipp Nr. 33: Manches kann man sich tatsächlich schön reden)

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