34. Zwei Klammeräffchen

Vorfall(1)

Da es immer anstrengender wurde, Josi Tag und Nacht zu betreuen, war ich überglücklich, dass ich zwei weitere Damen für die Nachtwache an Bord holen konnte. Ich hatte mich immer ziemlich gut auf mein Gedächtnis verlassen können, aber irgendwann ließ es mich schmählich im Stich und ich schaute an einem Sonntagabend ziemlich dumm aus der Wäsche, als meine Ablöse um 21.45 Uhr noch immer nicht da war. Endlich kam ich auf die Idee, auf den Terminkalender zu schauen und siehe da, es stand kein Name drauf, dumm gelaufen für mich. Ich ging ziemlich spät zu Bett und wurde erst wieder um 6.00 Uhr in der Früh von Josi geweckt, der dringend auf die Toilette musste. Zum Glück gab es ein großes gemütliches Sofa in seinem Zimmer und wie schon öfters schlug ich dort mein Lager auf und wir zwei nahmen noch eine Mütze Schlaf. Mein Mann hatte an seinem Bett zwei Gitter, die darf man in der Fachsprache natürlich nicht so nennen, ich darf das aber, weil ich ja keine professionelle Pflegerin, sondern nur die Ehefrau bin und diese Gitter waren nachts immer oben, damit er nicht aus Versehen aus dem Bett fiel. Wenn ich auf dem Sofa kuschelte und morgens wach wurde, steckte ich meine Hand durch dieses Gitter und Josi nahm sie dann und streichelte sie. Später, wenn er aufstand, half ich ihm natürlich, obwohl er sich sehr geschickt mit Hilfe der Affenschaukel, die über seinem Kopf baumelte, aus dem Bett hangeln konnte. Wenn er dann stand, hielten wir uns in den Armen und Josi sagte: „Ich liebe dich“, und küsste mich. Wie zwei kleine Klammeräffchen standen wir so vor dem Bett und umarmten uns eine kleine Weile und für einen Moment war mir, als würde nicht ihn halten und stützen, sondern er mich. Und wenn ich die Augen schloss, dann war es ein Gefühl wie früher, als die Welt noch in Ordnung war, ein Gefühl der Geborgenheit, die mein Mann mir fast dreißig Jahre gegeben hatte.

Josi sagt: „Du riechst gut.“

Allen Helferinnen der Nacht sagte ich natürlich, dass sie mich sofort wecken müssten, wenn sie mit irgendeiner Situation nicht klar kämen. Zwischen den Jahren bekam Josi plötzlich Fieber und Emilie es mitten in der Nacht mit der Angst zu tun. Sie rief nach mir und ich antwortet prompt: „Ich bin gleich da.“ Sie rief in dieser Nacht noch öfters nach mir und ich reagierte immer brav darauf, gesehen hatte sie mich allerdings nicht und zum Glück wusste sie sich zu helfen. Am nächsten Tag konnte ich mich an nichts erinnern, aber das Fieber war wieder weg und das war die Hauptsache. Seit diesem Vorfall impfte ich allen ein, im Notfall in mein Zimmer zu stürmen und mich aus dem Bett zu zerren.
(Tipp Nr. 34: Gefühle zulassen und genießen)

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