35. Etappensieg

Silvester war ich mit Josi alleine und da mir fad und noch nicht einmal nach einem Glas Champagner war, ging ich um 23.00 Uhr ins Bett und verpennte so den Jahreswechsel. Als ich meinem Liebling morgens um 4.00 Uhr ein frohes neues Jahr wünschte, sagte er, „ach ja, ich muss auf die Toilette.“ Na dann war das auch geklärt. Ich kuschelte mich auf das Sofa und wir schliefen noch einmal drei Stunden. Nach einer weiteren Toilettenrunde konnte ich nicht mehr einschlafen und machte mir bereits um 8.00 Uhr einen Kaffee. Ich fühlte mich ausgeruht und fit. Vor einem Jahr war ich bereits um diese Zeit zum Bahnhof gefahren, um pünktlich meinen Zug nach München zu bekommen.
Josi meldete sich und ich machte ihm sein Frühstück. Wenigstens hatte er morgens Appetit und er bekam wie immer seine beiden Vollkorntoasts und zwei Tassen Kaffee. Tagsüber aß er unglaublich wenig und wog nur noch 70 KG. In den letzten sechs Wochen hatte er fast 10 KG abgenommen und ich fragte mich, ob das jetzt so weitergehen würde. Natürlich wusste ich, dass durch das ständige Liegen sehr schnell sehr viel Muskelmasse verloren geht und dass man von Suppen und Eintöpfen nicht wirklich zunehmen kann. Ich bot ihm sämtliche Variationen von Fleisch, Gemüse, Fisch, Salaten, Kartoffeln und Nudeln an, aber er stocherte wie ein kleines Vögelchen in allen Gerichten herum und schob dann schnell den Teller weg. Süßes mochte er zu diesem Zeitpunkt leider auch nicht. So kochte ich eben kräftige Hühner- und Rindfleischsuppen mit einsprechenden Einlagen und wenigstens die schmeckten ihm.

Josi sagt: „Ich so müde, mach mich wach!“

So richtig freuen mochte ich mich nicht auf das neue Jahr, weil ich keine Perspektiven sah, weder für mich, noch für Josi und ich musste mich tüchtig zusammennehmen, um nicht in eine Depression zu rutschen. Zum Glück brachten mich meine Mutter, die Kinder und Freundinnen immer wieder auf andere Gedanken und zum Lachen und ich redete mir selbst gut zu, dass es in dieser Situation normal wäre, mit der Stimmung auch einmal im Keller zu hängen. Denn ständig traurig zu sein, brachte weder meinem Mann noch mir etwas und tatsächlich hatte ich mich nach kurzer Zeit wieder berappelt. Es gibt kein Geheimrezept für eine Rasche Besserung des Gemütszustandes, aber oft helfen frische Luft, Sonne und laufen und ich war dankbar, dass es das Januarwetter gnädig mit uns meinte.
Die Beine von Josi wurden immer dünner, weshalb wir anfingen, ganz gezielt mehr mit ihm zu laufen. Schon nach wenigen Tagen ging er nicht mehr so wackelig und ich nutzte das aus und setzte ihn nicht mehr auf den Toilettenstuhl, sondern begleitete ihn zu Toilette, die ca. fünf Meter von seinem Bett entfernt war. Auf den ersten Blick war das natürlich eine lächerliche Entfernung. Wenn man jedoch bedenkt, dass er rund um die Uhr alle ein bis zwei Stunden pieseln musste, kamen doch ein paar Meter zusammen. Für einen gesunden Menschen natürlich der absolute Witz, doch für Josi war das zum damaligen Zeitpunkt ein gutes und ausbaufähiges Ergebnis und als positiver Nebeneffekt blieb es mir erspart, ständig die Toilettenschüssel reinigen zu müssen, was ja auch nicht immer das reinste Vergnügen war. Ich war sehr stolz auf diesen kleinen Etappensieg.
(Tipp Nr. 35: Auch kleine Schritte führen zum Erfolg)

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