36. Ratespiele

entgegentreten

Seit Josi in seinem Krankenbett im Parterre unseres Haus lag, hatte ich ein Baby-Phone als Kommunikationshilfe an meiner Seite, damit ich nicht bei jedem Pieps von ihm die Treppe runter rasen musste, was trotzdem noch dreißig bis vierzig Mal am Tag zu meinem „Fitnessprogramm“ gehörte. Ich sah das immer sportlich, doch zum Abend hin wurde aus dem Spurt auch schon einmal ein müdes Schleichen. Zwanzig Stufen runter, zwanzig Stufen rauf! In diesen anstrengenden Tagen war mein Mann ständig „stationär“ unterwegs. Es war sein Synonym für Tabletten, die er ständig haben wollte, für Essen, Wasser, aufstehen, einfach für alles und man brauchte schon viel Phantasie und Einfühlungsvermögen um zu erraten, was er gerade genau benötigte oder welche Bedürfnisse er hatte. Es konnte auch bedeuten, dass ihm zu kalt oder zu warm war, dass er zur Toilette musste oder ihm einfach nur langweilig war. Ein weiterer Trick von ihm, auf sich aufmerksam zu machen, war „Hilfe“ zu rufen oder mit der Faust gegen das Scherengitter seines Bettes zu donnern. Besonders letzteres war dann bis in die oberste Etage des Hauses zu hören und ich erschrak dann natürlich fürchterlich und manchmal keifte ich in das Baby-Phone: „Was ist los?“ und nicht selten antwortete er: „Nichts!“

Josi sagt: „Ich bin stationär.“

Der Arzt verschrieb meinem Mann Physiotherapie, damit seine schlaffen Muskeln ein Chance bekämen, sich zu regenerieren und aufzubauen. Ich suchte im Telefonbuch nach Leuten, die ins Haus kommen und wurde schnell fündig. Josi war zum Glück wach, als Klaus das erste Mal zu uns kam. Er sagte „Tach Herr Beitz“, stellte sich in epischer Breite vor und versuchte meinem Mann zu erklären, was er die nächsten zwanzig Minuten mit ihm vorhabe. Mein Liebster verstand wie immer nur Bahnhof und reagierte unwirsch, als ich ihn sanft, aber energisch aus dem Bett zerrte. Ich hatte natürlich schon am Telefon erklärt, wie Josi drauf war, aber die Leute hörten entweder nicht zu, waren nervös, oder einfach nicht mehr in der Lage von ihrem Schema F abzuweichen. Ich wusste es nicht, ich wusste nur, dass ich jedes Mal in Erklärungsnot kam, wenn fremde Menschen auf meinen Mann losstürmten und mit lauter Stimme auf ihn einredeten, denn die Reaktion war immer die gleiche: Er wurde aggressiv und ich war peinlich berührt und fing an, mich stammelnd für das schlechte Benehmen meines Mannes zu entschuldigen. Dann war es wieder soweit. Während Klaus abwechselnd die Beine seines Patienten bewegte und ständig fragte, ob der Druck zu stark, oder die Bewegung in Ordnung sei, schaute mich Josi mit verzweifeltem Blick an und sagte schließlich: „Was soll der Scheiß hier?“ Das wusste ich mittlerweile auch nicht mehr so genau und die ganzen Übungen kamen mir ebenfalls lächerlich vor, was sie natürlich nicht waren. Es war die erste Gymnastik im Leben von Josi und warum sollte er ausgerechnet jetzt begreifen, dass es um Muskelaufbau ging und dass der wichtig war, damit er wieder selbständig laufen konnte. Meine zaghaften Einwände, dass er doch wieder fit werden wolle, fegte er mit einem weiteren „so ein Scheiß hier,“ von der Bettkante. Klaus kam noch zweimal und brachte auch Pedale mit, in die mein Mann kräftig treten konnte. Er trampelte auch, was das Zeug hielt, rief dabei aber ständig: „ Was soll der Scheiß?“ Letztendlich bestellte ich den armen Klaus ab und stattdessen trabten wir mit Josi im Kreis herum und gingen zehn Stufen die Treppen hoch und wieder runter und das war ebenfalls effektiv und am Ende erzielten wir den gleichen Effekt: Unser Liebling konnte wieder auf seinen Beinen stehen und sich mit Unterstützung von A nach B bewegen.
(Tipp Nr. 36: Sich immer und immer wieder in Geduld üben)

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