37. Die unterste Schublade

Warum mein Mann in manchen Situationen plötzlich die Fäkalsprache aus der untersten Schublade zog, konnte ich mir schon damals nur mit seiner Hilflosigkeit erklären, seine Bedürfnisse nicht konkret ausdrücken zu können. Trotzdem erstarrte ich jedes Mal zur Salzsäule, wenn ein Klopfer kam, schimpfte ihn anschließend aus und versuchte ihm klarzumachen, dass so eine Tonart bei uns im Haus nicht erwünscht sei. In diesem Moment war es mir auch völlig egal, ob er mich verstand oder nicht, wobei ich zu diesem Zeitpunkt das Gefühl hatte, dass er manchmal noch sehr wohl mitbekam, dass er sich daneben benommen hatte. Wenn er früher im Auto „Idiot, Trottel oder Depp“ gebrüllt hatte, wenn er sich über andere Autofahrer ärgerte, dann war es das aber auch. Er hätte sich jedoch niemals vor jemanden hingestellt und ihn mit üblen Schimpfworten bedacht, etwas anderes hätte seine gute Kinderstube gar nicht zugelassen. (Mittlerweile weiß ich natürlich, dass diese Ausraster und die Ausdrucksweise zum Krankheitsbild gehören.)
Wenn ich im Haus unterwegs war, schleppte ich immer das Baby-Phone mit mir herum und bekam natürlich zwangsläufig mit, was im Zimmer von Josi passierte. Auf das, was ich eines Morgens zu hören bekam, hätte ich allerdings gerne verzichtet. Der Pflegedienst kam wie immer zwischen zehn und elf Uhr. An diesem Tag war Helmut dran und ich warnte ihn schon vor, dass mein Mann seit zehn Minuten feste schlief und ich mir nicht sicher sei, ob er ihn problemlos aus dem Bett bekäme. Helmut war zuversichtlich und meinte, „das kriegen wir schon hin.“ Ich warf einen skeptischen Blick gen Himmel und dachte, „dein Wort in Gottes Ohr.“

Josi sagt: „Hau bloß ab!“

Mit einem sehr höflichen und fröhlichen „guten Morgen, Herr Dr. Beitz,“ betrat er das Zimmer und ich wusste, dass er meinem Mann gleich die Bettdecke wegziehen würde. Das war fast jeden Morgen der kritischste Moment. Hatte man den erfolgreich hinter sich gebracht, dann lief der Rest der Pflege meistens problemlos ab. Ich konnte nur ahnen, dass Helmut gerade an der Bettdecke herum zupfte, denn ich hörte ein gebrummtes „weg hier, weg.“ Nächster Versuch von Helmut, „Herr Dr. Beitz, ich möchte sie nur ein wenig frisch machen, ist das in Ordnung?“ Als Antwort wieder, „nein, weg, weg hier.“ „Oh, oh,“ dachte ich, das wird wohl heute nichts, aber Helmut gab die Schlacht noch nicht geschlagen und kämpfte allen Anschein nach weiter mit der Bettdecke und dann passierte es: „Hau ab, du dumme Sau, lass mich endlich in Ruhe,“ brüllte Josi in größter Not.
Okay, klarer kann eine Ansage nicht sein. Mit hochrotem Kopf und beschämt lief ich die Treppe runter, um Helmut aus der brenzligen Situation zu befreien, aber der hatte schon von sich aus den Rückzug angetreten und ich war erleichtert, als er mich angrinste und mir versicherte, dass er diesen Ausfall nicht persönlich nähme. Ich entschuldigte mich trotzdem noch zehnmal und ließ meinen ungewaschenen Mann die nächsten zwei Stunden schlafen. Solche verbalen Attacken kamen natürlich in Folge häufiger vor, weshalb ich jeden Morgen beunruhigt war, wie es wohl laufen würde und dabei schickte ich so manches Stoßgebet zum Himmel, dass der Kelch bitte heute an uns vorübergehen und alles glatt laufen möge.
An dieser Stelle ist es mal wieder Zeit, ein Hohelied auf die Pflegekräfte anzustimmen, die in der Regel einen phantastischen Job machen, ich ziehe, wie schon so oft, den Hut vor ihnen. Das Wort zum Sonntag bekam Josi dann trotzdem später noch von mir zu hören, obwohl ich mir die Spucke und Aufregung hätte sparen können, weil er überhaupt nicht mehr wusste, was ich eigentlich von ihm wollte. Was ich so langsam begriff und verinnerlichte war, Josi in allen Lebenslagen immer genügend Zeit zu lassen, vor allen Dingen aber beim Aufwachen. Wenn man das konsequent umsetzte und berücksichtigte, war er der liebenswürdigste Mensch der Welt. Aber einige Zeitgenossen, auch geschulte Kräfte, missachten – aus Zeitnot, Unachtsamkeit, genervt oder aus anderen Gründen – immer mal wieder diese stille Regel und sie fühlen sich dann oft bestätigt, dass Menschen, die an Demenz erkrankt sind, automatische alle aggressiv seien. Ich brauchte auch meine Zeit bis ich begriff, dass es an unserem eigenen unsensiblen Verhalten liegt, wenn Menschen mit dieser Erkrankung verzweifelt, überfordert und unglücklich sind und sie nur aus der Not heraus mit Aggressivität reagieren.
(Tipp Nr. 37: Technische Hilfsmittel nutzen)

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