38. „Fressorgien“

Notbremse(1)Josi futterte plötzlich wieder, was das Zeug hielt und innerhalb von drei Wochen hatte er fast vier Kilogramm zugenommen. Vor allen Dingen nachts überfielen ihn regelmäßig Heißhungerattacken. Abends stellte ich eine kleine Schale mit etwas Käse, einem hartgekochten Ei und Keksen in sein Zimmer. Es war die blödeste Idee, die ich je hatte, denn von nun an gab es bei uns zur nächtlichen Stunde wahre Fressorgien. Schon bald reichte das überschaubare Angebot nicht mehr aus und die Damen von der Nachtwache schlichen in der Küche herum und schmierten Stullen bis zum Abwinken. Durch die salzigen Kekse und den ebenfalls salzhaltigen Käse wurde mein Mann immer durstiger und trank demzufolge immer mehr Wasser mit dem Ergebnis, dass er jetzt nicht mehr stündlich zur Toilette musste, sondern im dreißig Minuten Takt. Irgendwann zogen wir alle gleichzeitig die Notbremse. Das Essen wurde versteckt und wenn überhaupt nur in kleinen Portionen zum Vorschein geholt. An Stelle von TUC wurden Zwieback und Reiswaffeln angeboten und ansonsten tricksten die Damen unseren Liebling einfach aus und versuchten ihn – mal mit, mal ohne Erfolg – abzulenken. Endlich war seine Vergesslichkeit für etwas gut.

Josi sagt: „Hunger, essen, jetzt!“

Nicht vergessen hatte er dagegen, dass ihn abgeschlossene Türen enorm störten. Normalerweise lagen die Hausschlüssel immer auf einer Kommode in der Nähe der Eingangstür. Eines Morgens fehlte jedoch ein Bund und ich suchte das ganze Haus ab, schaute in meinen Handtaschen nach und tastete meine Mäntel und Jacken ab, ich fand ihn nicht. Nachdem ich im Geiste noch einmal alle potentiellen Möglichkeiten durchgegangen war, kam mir plötzlich eine Idee. Ich lief nach unten, griff zielsicher in Josis Bademanteltasche und wurde fündig und irgendwie freute ich mich über diese Aktion, weil sie eine logische Reaktion auf das Absperren der Haustür war. Ich hatte das Signal verstanden und die Tür nie wieder verschlossen, lieber nahm ich das Risiko in Kauf, dass er hinaus laufen würde, was er glücklicherweise nie mehr gemacht hat.

Glücklich war ich ebenfalls über die positive Entwicklung meines Mannes, wieder ganz normal zur Toilette gehen zu können und dass das ekelige Bettpfannen säubern und Vorlagen und Papierhosen entsorgen, vorerst beendet war. Leider hatte ich etwas vorschnell eine größere Mülltonne bei der Stadt bestellt und mich via Internet mit einer ganzen Wagenladung voll Unterlagen, Vorlagen, Einlagen, Papierhosen, Einwegwaschlappen, Feuchttüchern usw. eingedeckt, die nun nicht mehr benötigt wurden. Ich hätte eine ganze Krankenhausstation eine Woche lang mit Hilfsmitteln versorgen können und war froh, die nicht mehr benutzte Sauna als Zwischenlager zu haben, denn letztendlich wusste ich ja nicht, wie lange dieser „normale“ Zustand anhalten würde. Noch vor vier Wochen glaubte ich, dass es nur noch abwärts und zum Ende hin gehen würde, aber zumindest körperlich hatte ich Josi in die richtige Richtung gebracht und ich war sehr stolz darauf, aus dem kleinen Klappergestell dank unserer guten Pflege, wieder einen Menschen gemacht zu haben, der alleine sitzen und gehen konnte, Spaß am Essen hatte und in der Lage war, glückliche Momente zu genießen. Wenn ich das so schreibe, hört es sich so lapidar und banal an, aber wenn man schon mit einem Bein im Grab gestanden hat, sind solche kleinen Fortschritte ein großer Schritt in ein halbwegs normales Leben. Und auch wenn das Gehirn auf „Vergessen“ programmiert ist, heißt es nicht, dass es gar keine Lebensqualität mehr gibt. Wir dürfen einfach nur nicht nachlassen, sie zu lieben und zu unterstützen.
Ende Januar beschloss die Familie, dass ich mal wieder urlaubsreif sei und wir bekamen es organisiert, dass ich für zwei Wochen weg konnte. Ich wollte wieder in mein geliebtes „Heim“ nach Bayern fahren und war überglücklich, dass es tatsächlich schnell und problemlos klappte und ich ein Zimmer mit Seeblick bekam. Mein Lieblingsarzt war auch noch da und ich machte schon im Vorfeld bei ihm, der Psychologin und der Atemtherapeutin Termine. Bevor es losging, gab es für mich noch eine böse Überraschung bei der Hautärztin. Ein vermeintlich kleiner Pickel am Mittelfinger der linken Hand entpuppte sich als „Lichtschaden“ und musste großflächig entfernt werden. Ich litt und Josi tröstete mich.
(Tipp Nr. 38: Aus Fehlern lernen)

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