39. Auftanken

Aufenthalt(1)

Anfang Februar machten wir hier im Haus wieder einmal einen fliegenden Wechsel. Am Abend vor meiner Abreise erzählte ich Josi von meinem Urlaub und er wollte wissen, ob er mich besuchen könnte. Als ich ihm sagte, dass sich das nicht lohnen würde, weil ich ja nicht so lange weg blieb, gab er sich mit dieser Auskunft zufrieden. Als ich mich morgens von ihm verabschiedete, wünschte er mir schöne Ferien und sagte abschließend: „Ich liebe dich und werde für dich beten.“ Dann drehte er sich auf die andere Seite und schlief weiter.
In Bayern hatte es geschneit und war eisig kalt. Mein Refugien war noch genauso schön, wie in meiner Erinnerung. Noch bevor ich meinen Koffer auspackte, lief ich zum See, der halb zugefroren war. Es kam mir vor, als wäre ich nie weggewesen. Beim Abendessen saß ich mit einem Baron und einem Kölner am Tisch. Ich hatte meinen Wecker vergessen und lieh mir einen im Schwesternzimmer aus, denn am nächsten Morgen würde ich früh aufstehen müssen. Blutabnahme, Arztbesuch sowie Belastungs-EKG standen auf dem Terminplan, außerdem bekam ich die Gerätschaften für das Langzeit-EKG und Langzeitblutdruck verpasst. Ich schlief schlecht und starrte um 7.15 Uhr entsetzt auf den geliehenen Wecker, das blöde Ding hatte versagt. Katzenwäsche und rein in die Klamotten, mehr war nicht drin. Wenige Minuten später saß ich ungeschminkt vor dem Labor und wartete und wartete. Wenn das so weiterging, verpasste ich mein Frühstück, denn alle anderen Termine folgten rasch aufeinander. Ich fing an, mich über die lange Wartezeit aufzuregen und ehe ich mich versah, kullerten die ersten Tränen. Als ich endlich aufgerufen wurde, war ich schon komplett aufgelöst und ich hätte mich am liebsten selbst geohrfeigt. Die Schwester war irritiert, erst recht, als ich auf Nachfrage „kein Frühstück“ stammelte. „Dann gehen sie eben jetzt sofort frühstücken,“ erklärte sie mir munter, „in zwei Minuten sind wir fertig.“ „Niemals,“ heulte ich auf, „ich würde niemals ungeschminkt zum Frühstück und ganz sicherlich nicht zum Arzt gehen, lieber verzichte ich auf den Kaffee.“ Die Schwester grinste sich eins.

Josi sagt: „Ich muss mal wieder an die Nordsee.“

Nur wenig später stand ich in meinem Bad und versuchte die Spuren der Heulerei zu übertünchen, am liebsten hätte ich eine Sonnenbrille aufgesetzt. Mit knurrendem Magen, aber wenigstens geschminkt und innerlich besser gewappnet, wartete ich vor der Praxistür, die sich endlich nach geraumer Zeit öffnete. Mein Arzt sah mich forschend an und ich hätte mich in diesem Moment gerne unter einer Burka versteckt. Natürlich fragte er sofort, wie es mir ginge und logisch, dass sich meine Schleusen wieder öffneten. „Ich habe verschlafen, Frühstücks- und Terminstress und ich bin fix und fertig,“ sagte ich halb lachend und halb weinend, „und ich schäme mich, weil ich jetzt so schrecklich aussehe.“ Der Doktor schaute in den PC und schüttelte den Kopf, „Nein, nein,“ sagte er schließlich, „das geht ja wirklich gar nicht. Sie sind hier schließlich nicht in einem Boot-Camp, sondern sollen sich erholen. Ich sage jetzt alle Termine für heute Vormittag ab und für sie gibt es jetzt erst einmal Frühstück und wir sehen uns übermorgen wieder, wenn die Labor-Ergebnisse vorliegen.“
Normalerweise heule ich natürlich nicht gleich los, nur weil ich kein Frühstück bekomme, aber es war ein typisches Zeichen dafür, dass meine Nerven blank lagen und ich mehr kaputt war, als ich bislang geglaubt hatte. Welch eine gute Entscheidung, an diesen Ort zurückgekommen zu sein. Am Nachmittag gab es noch einen weiteren kleinen Weinkrampf bei der Psychologin als sie wissen wollte, ob ich endlich mein Leben geändert hätte. Sicher hatte ich mein Leben ein klein wenig geändert, aber nicht grundsätzlich und schon gar nicht in aller Konsequenz. Die Situation mit Josi war ja jetzt eigentlich noch viel schlimmer, als im Jahr zuvor und relativ neu für mich. Zwar hatte ich zwangsläufig gelernt, mehr Hilfe anzunehmen, aber am Ende des Tages wusste ich, dass es nicht genug war, weil kein Freiraum für mich blieb. Zuhause fing mein Tag um 6.00 Uhr an und hörte um 21.30 Uhr auf. Dazwischen wurde ich häufig, aber natürlich nicht ständig abgelöst. Einkaufen gehen, zur Bank und Apotheke düsen, beim Zahnarzt oder der Hautärztin zu sitzen, brachten nun nicht wirklich die optimale Entspannung und hatte mit einer sinnvollen Freizeitgestaltung erst recht nichts zu tun. Die Worte „Heim, Heim, Heim“ wurden mir ins Hirn gepflanzt. Wenigstens hatte ich jetzt genügend Zeit, über alles ausgiebig nachzudenken. Dummerweise tat ich das hauptsächlich nachts und schlief entsprechend schlecht, aber tagsüber war ich einfach viel zu beschäftigt. Leider waren die Katzen nicht mehr da, mit denen ich bei meinem letzten Aufenthalt so gerne gespielt hatte. Patienten hatten sich beschwert, weil sie ab und an ins Haus gehuscht waren.
(Tipp Nr. 39 : Gut Ding will Weile haben)

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