40. Selbstbedienung

Rosenmontag heulte unser Tischnachbar aus Köln, er vermisste seine Sitzungen und die Karnevalsumzüge seiner Heimatstadt und war untröstlich. Der Baron durfte nach Hause und an seiner Stelle kam ein Bäcker. Der war lustig und ein waschechter Bayer aus der Gegend, der nur bayerisch sprach und mich ständig zum Lachen brachte. Auch der Kölner verließ uns und ein Badener rückte nach. Am ersten Morgen stellte er beim Frühstück seinen Becher für die Urinprobe neben seinen Teller. Na ja, appetitlich sah das nicht aus, eher ekelig. Später erfuhr ich, dass er Urologe war. Okay, die Jungens sind schmerzfrei. Für den Rest meines Aufenthalts blieben wir zu dritt und meckerten kräftig über das Essen und vergaben jeden Mittag und jeden Abend Punkte, wie beim „perfekten Dinner“. Wir meckerten allerdings auf einem sehr hohen Niveau und ab und an schämten wir uns.

Josi sagt: „Ich werde verrückt.“

Am Sonntag besuchte mich eine Freundin und wir fuhren an den Starnbergersee und setzten uns in die Sonne, die schon die ganze Woche über geschienen hatte. Ich hatte wieder eine gesunde Gesichtsfarbe bekommen, heulte nicht mehr bei jeder Kleinigkeit, schlief besser und merkte, dass ich langsam regenerierte und wieder zu mir kam.
Von Zuhause hörte ich fast nur gute Nachrichten. Josi wurde öfters mit zum Einkaufen genommen, ins Cafe´oder Restaurant chauffiert oder auf einem kleinen Spaziergang begleitet. Nach zwei Tage Action schlief er zwei Tage durch, leider aber trotz der Aktivitäten immer noch nicht während der Nacht, da war weiterhin Randale angesagt. In einer dieser Nächte passierte fast ein großes Unglück: Die Nachtwache hatte wohl die Faxen dicke vom ständigen raus aus dem Bett und rein ins Bett, dem Geklopfe gegen das Scherengitter, dem Geschrei nach Tabletten, Essen und Trinken. So hatte sie einfach das Bettgitter runter gemacht und sich ins nächste Zimmer gelegt und feste geschlafen. Leider hatte sie vorher nicht die Tabletten vom Tisch geräumt, weshalb sich Josi endlich einmal nach Herzenslust selbst bedienen konnte. Was er alles genommen hatte, wissen wir bis heute nicht. Jedenfalls war um 3.00 Uhr in der Früh auf einen Schlag, für alle die Nacht zu Ende. Josi schrie zwei Stunden lang um Hilfe und die Nachtwache musste das Haus verlassen. Wir haben nie wieder etwas von ihr gehört und waren am Ende nur dankbar, dass nicht noch mehr passiert war. In dieser Situation hätte ich mit Sicherheit den Notarzt gerufen, da ich aber erst sehr viel später von dem Vorfall erfuhr, blieb mir nur der Rat, sich bei ähnlichen Vorkommnissen künftig ärztlichen Beistand zu holen. Bereits vor meiner Abreise hatte ich eine böse Vorahnung gehabt, denn besagte Dame war mir in letzter Zeit extrem gestresst vorgekommen und auch Josi mochte sie immer weniger, und weil ich mich immer auf mein Bauchgefühl verlassen kann, hatte ich für den Notfall bereits Ersatz im Hintergrund. Da ich im Dezember letzten Jahres die nächtliche Betreuung meines Mannes selbst übernommen hatte, wusste ich, was die Damen leisteten und deshalb hatten wir am Ende vier von ihnen im Einsatz, die sich regelmäßig abwechselten.
(Tipp Nr. 40: Probieren geht über studieren)

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