41. Veränderung

Meine letzte Woche begann und ging schneller vorbei, als mir lieb war und ich hatte alles, nur keine Lust darauf, wieder nach Hause zu fahren. Wenigstens klopfte mein Herz wieder gesund und regelmäßig, was mich sehr beruhigte. In den letzten Monaten hatten mich immer wieder Angstattacken überfallen, dass es plötzlich aufhören würde zu schlagen. Jetzt waren die Tabletten umgestellt worden, der Blutdruck hatte sich dadurch normalisiert und alleine deshalb fühlte ich mich wesentlich wohler. Hätte ja auch schon jemand früher darauf kommen können. Der Arzt und die Psychologin machten mir tüchtig Druck, dass ich rigoros mein Leben verändern müsste. Die Atemtherapeutin beruhigte und tröstete mich dagegen und sagte mir, dass ich mich von niemandem unter Druck setzten lassen solle, die Dinge würden sich schon nach meinen Wünschen entwickeln. Also sagte ich sehr bestimmt, dass ich es noch nicht schaffen würde, meinen Mann in ein Heim zu geben, es würde mir das Herz brechen. Ob ich für alle Ewigkeiten bei dieser Haltung bleiben würde, konnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen.

Josi sagt: „Ich will ein Taxi, jetzt.“

Währenddessen hatten die Kinder Zuhause Kontakt zu einer Agentur aufgenommen, die osteuropäische Pflegekräfte nach Deutschland vermitteln. Eine bestimmte Person würde dann bei uns einziehen und mit uns leben, einige Wochen bleiben und sich mit einer zweiten Pflegekraft regelmäßig abwechseln. Nach Tagen der Grübelei war ich schließlich bereit, mein Zimmer im Dachgeschoss unseres Hauses zu räumen, wenn auch schweren Herzens, aber ein Kompromiss musste her. Zum Zimmer gehörte ein Bad und ein Balkon, es gab einen Fernseher, ein Sofa, ein Bett, Regale und Schränke, also optimal. Die Kinder waren erleichtert, dass ich mich ohne großes Theater zu veranstalten, auf diesen Vorschlag einließ. Letztendlich konnte ich es nur ausprobieren, ob ich eine fremde Person im Haus ertragen konnte, aber ein Versuch war es auf jeden Fall wert. Denn so wie bislang, konnte es nicht weitergehen, dass war mir in Bayern klar geworden oder besser gesagt, klargemacht worden. Ich hakte das Thema vorerst ab und genoss in vollen Zügen die letzten Tage der Freiheit. Und wusch war die Zeit in Bayern um und ich verabschiedete mich von meinen Tischgenossen, dem Bäcker und dem Urologen und machte mich auf den Heimweg. Zuhause angekommen, war alles wie immer. Die groß angekündigte Abholaktion fand nicht statt, weil Josi seinen Schlaftag hatte. Enttäuschung auf der einen Seite, ein wenig Erleichterung auf der anderen.
In den letzten zwei Wochen hatte es ja viel Aktivitäten in unserem Haus gegeben, weil mein Mann überall hin mitgenommen wurde. Leider hatte sich trotzdem sein nächtliches Schlafverhalten nicht verändert. Er sprang nach wie vor im Minutentakt aus dem Bett und musste zur Toilette oder verlangte nach Essen, Trinken oder Tabletten. Beim Einkaufen wurde er in einem Café direkt neben der Toilette zwischengeparkt und wenn ich daran denke, bewundere ich noch immer den Mut, ihn dort für eine halbe Stunde alleine zu lassen. Ich hätte mich das niemals getraut aus Angst, dass er die Lokalität verlassen könnte und wir ihn nicht wieder fänden. Aber alles war gut gegangen und mein Liebster begrüßte mich glücklich, ein wenig verpeilt und verschlafen.
Auch der Wachwechsel verlief genauso problemlos wie immer und es war, als wäre ich gar nicht weggewesen und bereits eine Woche später hatte ich tatsächlich das Gefühl, niemals im Urlaub gewesen zu sein, kein gutes Gefühl. Ich rannte nach wie vor 40 bis 50 Mal die Treppen hoch und runter und spielte den Affen.
Mit meinen vier Nachtwachen einigte ich mich darauf, dass sie das Scherengitter von Josis Bett in der Früh runterließen, damit er, wenn es pressierte, die fünf Meter alleine zur Toilette gehen konnte. Denn in der Regel drückte die Blase um fünf Minuten nach 6.00 Uhr, wenn die entsprechende Dame gerade das Haus verlassen hatte, und dann haute er gegen das Gitter und schrie um Hilfe und ich brach mir fast die Beine beim Spurt die Treppe hinab oder er hatte bereits ins Federbett oder auf die Erde gepieselt. Wir hatten es lange mit Wegwerfhosen, Einlagen, Vorlagen & Co versucht, aber er hatte stets neben seine Unterhosen und niemals hineingemacht. Irgendwie konnte ich es auch ein klein wenig nachvollziehen, ich würde auch ungern in nassen Hosen herumliegen. Einmal vergass einer der Damen, das Gitter morgens herunterzulassen und Josi wollte es wohl wissen und kletterte heimlich, still und leise einfach drüber und ich guckte ziemlich dumm aus der Wäsche, als ich ihn um kurz nach 6.00 Uhr in seinem Sessel sitzen vorfand.
(Tipp Nr. 41: Kompromissbereit sein)

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