42. Lotti trennt sich von Altlasten

Ende Februar kam Herr König, der Chef der Arbeitsvermittlungsagentur, ein zweites Mal ins Haus, um mit mir Details über den Einzug einer Hauswirtschafts- bzw. Pflegekraft aus Polen zu besprechen. Er schaute wie ein George Clooney-Verschnitt aus, war sympathisch und gut gelaunt. Das Zimmer, was ich bereit war, für den Neuzugang zu räumen, gefiel ihm außerordentlich gut. Seine Agentur arbeitet in Polen mit einer sogenannten Entsendungsfirma zusammen, von der ich dann auch monatlich die Rechnung bekäme. Ich hatte mich bereits im Vorfeld über das ganze Prozedere schlau gemacht und da eine Freundin von mir, die immer alles ganz genau recherchiert, die gleiche Agentur ausgeguckt hatte, war ich beruhigt, dass alles mit rechten Dingen zugehen würde. Das Geschäft mit der Pflege scheint kräftig zu boomen, denn die polnische Firma konnte immerhin auf über 7.000 Kräfte zurückgreifen. Ich würde ungefähr vierzehn Tage vor Arbeitsbeginn mehrere Exposés geschickt bekommen und könnte mich dann entscheiden, wer zu uns passen würde. Auch Herr König schrieb sich detailliert auf, was für besondere Umstände bei uns herrschten, so dass beide Seiten Bescheid wussten und sich darauf einstellen konnten. Ehe die betreffende Person bei uns im Haus landete, wurde sich natürlich ausgiebig gebrieft. Ich wollte gerne eine männliche Pflegekraft, da es bei uns eine etwas eingeschränkte Duschsituation gab. Zur Dusche kam man ausschließlich durch das Zimmer von Josi und das fand ich für eine Frau nicht unbedingt zumutbar.

Josi sagt: „Ich möchte eine Pampelsine.“

Plötzlich fasste sich Herr König an seinen silbergrauen Haarschopf um festzustellen, dass einige seiner Haare abstanden. Ich war etwas irritiert von seinem Gefuchtel, konnte ihm aber bestätigen, dass tatsächlich drei Haarbüschel nicht korrekt lagen. Der gute Mann hatte vielleicht Probleme.
Für den Arbeitsbeginn einigten wir uns auf den 8. April, zwei Tage nach Ostern. So hatte ich noch sechs Wochen Zeit das Zimmer auszuräumen und mich seelisch auf die neue Situation einzustellen. Von meiner Familie wurde ich später für diese Entscheidung ausgezankt, weil ich noch so viel Zeit ins Land gehen ließ, aber schließlich musste niemand von ihnen mit einem fremden Menschen unter einem Dach leben und ich verbat mir alle weiteren Kommentare. Ich wusste genau, was ich brauchte und was mir gut tat, vor allen Dingen aber, was mir nicht gut tat und Druck von außen konnte ich erst recht nicht gebrauchen.
Mein Sohn und ich gehören zur Sorte der Sammler. Wir können uns von nichts trennen und mögen nichts wegwerfen, entsprechend vollgestopft mit Erinnerungen der letzten zwanzig Jahre waren die Schränke, Schubladen und die große Regalwand. Ich fing vorsichtig an auszusortieren, stieß aber schnell an meine Grenzen und wollte lieber alles behalten und nur noch weinen. Bilder, Aufsätze, Beurteilungen, Auszeichnungen, Zeugnisse, Zeichnungen, Kuscheltiere, Spielzeug und Bücher konnte ich doch nicht einfach so wegschmeißen. Verzweifelt stellte ich fest, dass ich alleine nicht weiterkam, das Kind musste her und mir helfen. Wenigsten den Kleiderschrank und eine kleine Kommode schaffte ich im Alleingang. Altvertraute, aber ewig nicht getragene T-Shirts, Hemden, Pullover, Hosen und Kapuzenpullis stopfte ich schweren Herzens in große Plastiksäcke und verschenkte alles. Am darauffolgenden Wochenende machten wir uns zu zweit über den Inhalt des meterlangen und meterhohen Regals her. Wir bildeten drei Stapel: Wegwerfen, Flohmarkt und behalten. Dieses Prozedere wiederholten wir noch zweimal, dann war es geschafft. In einem Viertel des Regals ließen wir alles, wie es war, bunt und fröhlich und voller Erinnerungen, der Rest war kahl und weiß und bereit für den neuen Bewohner. Am Ende waren wir natürlich auch erleichtert, uns von dem ganzen Ballast getrennt zu haben und ich war froh, dass ich mir so viel Zeit gelassen hatte. Mich innerhalb einer Woche im Affentempo von all den gewohnten und heiß geliebten Dingen zu trennen, hätte ich weder seelisch noch körperlich verkraftet. Ab sofort schlief ich in einem sehr aufgeräumten Zimmer und ich fand mich damit ab, dass mein geliebtes Glashaus für eine Weile fremde Menschen beherbergen würde.
Tipp Nr. 42: Den eigenen Rhythmus finden)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.