43. Autogeschichten

In einem Anfall von Hyperaktivität rannte ich die nächsten Tage durch die Stadt und schaute mir Betten an und machte Pläne, unser ehemaliges gemeinsames Schlafzimmer neu einzurichten, denn es sollte – zumindest für die Nacht – mein zukünftiges Zuhause werden und das sollte anders aussehen als bisher. Am Ende ließ ich dann doch alles, wie es war, weil ich plötzlich Angst bekam, einen unnötigen Schnellschuss zu landen. Mein Drang, mich bei einer neuen Idee rundum bis ins letzte Detail zu informieren, kam mir nur wenig später zu gute. Ein Leasing-Vorschlag von BMW flatterte ins Haus und das angebotene Auto interessierte mich ebenso, wie die Konditionen. Es handelte sich um einen Wagen mit vier Türen, höheren Sitzen, Vorderradantrieb, familientauglich und altengerecht, also genau den, den ich im letzten Jahr gesucht und nicht gefunden hatte. Ich bestellte ihn und bekam anschließend eine Panikattacke vor meinem eigenen Mut. Bislang hatten wir als Familienkutsche ein Coupé, über Jahre der ganze Stolz und einzige Luxus von Josi, der ansonsten komplett anspruchslos war. Ich liebte es auch, mit dem Geschoss auf der Autobahn zu fahren, aber für die Stadt war er mir zu groß. Außerdem konnte ich damit nicht mehr als zwei Leute transportieren und da wir demnächst einen Dauergast bekamen, konnte ich mir keine Sentimentalität mehr leisten, sondern musste einfach praktisch denken und handeln. Mein Mann hatte schon seit ewigen Zeiten nicht mehr hinter dem Steuer gesessen, was sich zum Glück einfach so ergeben hatte, ohne dass eine Zwangsmaßnahme notwendig gewesen wäre.

Josi sagt: „Ich brauche Pampe für meinen Kopf.“

Bei einer Autogeschichte wird mir immer noch übel, wenn ich nur daran denke. Es ist sicherlich vier Jahre her, als ich in aller Herrgottsfrühe zum Flughafen musste und vergessen hatte, am Abend zuvor ein Taxi zu bestellen. Als ich am Morgen anrief, sagte mir die Zentrale: „Es tut mir leid, wir haben Messe, der erste freie Wagen kann in einer Stunde bei ihnen sein.“ Ich rief als nächstes eine Nachbarin an, die stets betont hatte, dass sie alles für mich tun würde und ich sie Tag und Nacht anrufen könnte. Auf meine Bitte, mich schnell zum Flughafen zu fahren, sagte sie: „Tut mir leid, ich habe Lockenwickler auf dem Kopf, so gehe ich nicht vor die Tür.“ Mein Mann hatte meine Verzweiflung mitbekommen und bot mir an, mich zu fahren. Hin- und hergerissen willigte ich letztendlich ein und war dann ganz erleichtert, wie manierlich er fuhr. Vielleicht sollte ich Josi ja viel mehr zutrauen, trotzdem hatte ich Herzklopfen, als ich aus dem Auto sprang und in letzter Sekunde zum Gate hetzte. In Berlin angekommen, telefonierte ich natürlich sofort mit zu Hause, um zu hören, ob alles gut gegangen war. Niemand meldete sich und ein Horrorfilm nach dem anderen lief vor meinem geistigen Auge ab. Ich probierte es immer wieder und endlich nahm er den Hörer ab. Er war gerade nach Hause gekommen, nach mehr als zwei Stunden. Der Flughafen liegt ungefähr 20 Fahrminuten von uns weg. Mein Mann erzählte mir, dass er mindestens fünfmal im Kreis herumgefahren wäre und nie die richtige Ausfahrt gefunden hätte. In seiner Verzweiflung
hatte er dann einfach irgendeine Ausfahrt genommen und sich danach fürchterlich verfahren. Am Ende hatte er mit mehr Glück als Verstand dann doch noch sein Haus wiedergefunden. Wahrscheinlich war diese Geschichte ausschlaggebend dafür, dass es ihn nicht mehr unbedingt ans Steuer trieb und er froh war, wenn ich fuhr. Trotzdem liebte er sein Auto über alles und ich musste ihm jetzt beibringen, dass ich es verkaufen würde.
Er schaute mich mit ganz traurigen Augen an, als ich es ihm erzählte und er fragte mich: „Was hast du denn gegen mein Auto, warum willst du es verkaufen?“ „Es ist zu groß und zu unpraktisch,“ antwortete ich, „und man kann nur mit zwei Leuten darin sitzen.“ Natürlich überzeugten ihn diese Argumente nicht und in den nächsten Tagen sagte er immer wieder, „mein schönes, schönes Auto.“ Mich zerriss es jedes Mal, wenn ich das hörte, aber die Entscheidung war gefallen und ich war davon überzeugt, dass sie richtig war. Als kleinen Trost hatte ich wenigstens das gleiche Autokennzeichen reservieren lassen und er bemerkte es sofort, als ich ihm nur wenig später den neuen Wagen zeigte.
(Tipp Nr. 43: Praktisch denken und handeln)

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