44. Die Spirale dreht sich nach oben

An einem späten Samstagnachmittag im März biss ich mir ein Inlay aus einem Backenzahn. Da ich mit einem großen Loch im Zahn nicht bis Montag herumlaufen wollte, suchte ich mir über das Internet den zahnärztlichen Notdienst heraus. Es war der erste Todestag meiner verstorbenen Freundin, die Zahnärztin gewesen war und ich war letztendlich nicht wirklich verwundert, dass ich ausgerechnet in ihrer ehemaligen Praxis landete. Josi hatte ich rasch angezogen und einfach mitgenommen und während meiner Behandlung blieb er brav im Wartezimmer sitzen und rührte sich nicht von der Stelle. Als ich ihm auf der Rückfahrt vom Todestag der Freundin erzählte, fragte er ganz erstaunt: „Ach, die ist tot, das wusste ich nicht.“
Leider machte er weiterhin die Nacht zum Tag, obwohl er jeden Abend zwei Schlaftabletten Lendormin bekam. Er sprang im Minutentakt aus dem Bett und wollte nachts um 3.00 Uhr ein Omelett oder Kuchen, ins Hotel oder ins Labor, er hatte Angst, sein Flugzeug zu verpassen und er war aggressiv und wurde frech, wenn seine Wünsche nicht sofort erfüllt wurden. Mir taten meine Damen leid, die ihre schwere Not mit ihm hatten. Sie schauten mitten in der Nacht mit ihm Filme an, wanderten durch das Haus, saßen mit ihm am Tisch, während er hartgekochte Eier und Reiswaffeln aß. Wenn er nach Rotwein fragte, bekam er eine Schorle mit rotem Traubensaft und gut war es.

Josi sagt: „Mir tut alles weh.“

Mittlerweile wurde nachts eine Art Protokollbuch geführt und ich konnte morgens lesen, was und um welche Uhrzeit Josi seine Kapriolen machte. Diese Dokumentation half auch den Damen untereinander, weil sie sich damit trösten konnten, dass nicht eine einzelne den schwarzen Peter gezogen hatte, denn es waren Horrornächte, von denen wenigstens ich nichts mitbekam, weil ich immer noch in der zweiten Etage schlief. Ich las, dass er in die Kirche wollte, mit dem Pfarrer, dem Arzt oder der Polizei sprechen musste, dass er nach Südafrika oder Norwegen auswandern wollte und er fragte ständig nach, wann endlich der nächste Flieger ging oder der Krankenwagen käme. Lag er endlich einmal einen kurzen Moment im Bett, rief er so lange um Hilfe oder meinen Namen, bis wieder jemand bei ihm war. Sein ständiges Verlangen nach Tabletten stillten wir mit Placebos. In der Regel schlief er meist nach 6.00 Uhr für ein bis zwei Stunden und dann wieder nach dem Frühstück. Dramatisch wurde es dann natürlich, wenn er gerade schlief und der Pflegedienst kam, um ihn zu waschen oder zu duschen. Mittlerweile gab es dabei grauenhafte Szenen mit Geschrei, Beschimpfungen und um sich schlagen. Kein Tag verlief gleich und es kam vor, dass Josi drei Nächte und zwei Tage fast überhaupt nicht schlief und mir war es ein Rätsel, dass sein krankes Herz das überhaupt aushielt und es tat mir unendlich leid, dass wir es nicht schafften, ihn zur Ruhe zu bringen.
Nach Absprache mit dem Arzt wechselten wir zum Schlafmittel Zopiclon, ebenfalls ohne Erfolg. Es war, als würde Josi von dunklen Mächten getrieben und ich nahm in oft in den Arm und in unserer Hilflosigkeit und Verzweiflung trösteten wir uns gegenseitig. Vor zwei Jahren hatte mir eine sehr forsche Pflegekraft, die mich stundenweise ablöste, die Entwicklung meines Mannes vorausgesagt, dass er aggressiv werde und um sich schlagen würde. Damals war ich entsetzt über ihre Aussage, vor allen Dingen, weil sie mich gleich am ersten Tag mit diesen und weiteren Szenarien bombardierte und mir unsere Zukunft in schwärzesten Farben ausmalte. Sie hatte schon viele alte Menschen mit diesem Krankheitsbild betreut und wusste sicherlich Bescheid und gerade deshalb verstand ich ihr Verhalten Josi gegenüber nicht: Sie redete ständig laut auf ihn ein und rückte ihm so dicht auf die Pelle, dass er ausrastete. Er konnte sie nicht ausstehen und wir mussten die Zusammenarbeit beenden. Im Laufe der Zeit dachte ich natürlich immer wieder an ihre Voraussagen und ich wartete voller Bangen darauf, dass mein Liebling nur noch nach Grießbrei und Himbeersaft schreien würde, denn das hatte sie auch orakelt. Ich hatte schreckliche Angst davor, dass es am Ende soweit kommen würde und sie recht behielt. Mir gegenüber ist Josi allerdings bis heute nicht aggressiv oder gar gewalttätig geworden.
(Tipp Nr. 44: Manchmal hilft nur beten)

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