45. Nachtprotokoll

Josi hatte Geburtstag, er wurde 81 Jahre alt. Ich unterbrach unsere jahrzehntelange Tradition und sang nicht mit Stevie Wonder zusammen happy Birthday und hing auch keine Girlande auf, nur den Geburtstagstisch bestückte ich wie immer mit ein paar Geschenken, Blumen und einer kleinen Torte. Mein Mann war schlecht drauf an diesem Tag und als am Nachmittag die Familie kam, kniff er die Augen zusammen und tat, als würde er schlafen, um am Ende tatsächlich feste einzuschlafen. Besser schlafen, als rennen, dachten wir und setzten uns einfach nur gemütlich zusammen, denn nach richtig feiern war keinem zu Mute. Später, als alle wieder weg waren, schleppte ich Josi nach oben und er aß ein Stück Geburtstagstorte und wurde ein wenig munterer. Sein Bruder rief an und ich gab meinem Mann den Telefonhörer und sie sprachen miteinander, fast wie in alten Zeiten und auch mit einem alten Freund unterhielt er sich, so dass der ganz fassungslos war. Ich lachte mir ins Fäustchen und war begeistert und tatsächlich war es für eine Stunde so, wie früher. Ich war mittlerweile in der Lage, alle vorausgegangenen Horrorgeschichten auf Knopfdruck aus meinem Gehirn zu knipsen und nur die Gegenwart zu genießen. Durch diese antrainierte Fähigkeit, konnte ich mich immer wieder ein wenig erholen und neue Kraft schöpfen. Sehr viele Freunde und Bekannte hatten an Josi gedacht , angerufen und geschrieben und ich legte ihm in den nächsten Tagen die Post hin. Er schaute sich alle Briefe mehrmals an, aber es war ihm anzumerken, dass er sie nicht zuordnen konnte und irgendwann ließ ich sie verschwinden weil ich merkte, dass ihn die ganze Thematik stark beschäftigte und beunruhigte. „Wer hat was geschrieben und wer ist das eigentlich, der da geschrieben hat? Wo wohnt der denn und was schreibt er eigentlich, ich verstehe das nicht?“ Mit diesen Fragen bombardierte mich Josi und erst, als die Briefe weg waren, entspannte sich die Situation wieder.

Josi fragt: „ Bin ich noch da?“

Wenn Josi mit meiner Hilfe und unter Geächze und Gestöhne in die erste Etage kam, durfte er ab und an ein Nickerchen in seinem ehemaligen Bett halten, aber ich war dann ständig ein wenig panisch, dass ich ihn dort nicht mehr wegbekäme. Für ihn war es natürlich eine vertraute und gemütliche Situation, aber leider ließ es die Aufteilung der Räume nicht zu, ihn dort dauerhaft zu versorgen und zu pflegen, es sei denn, ich wäre aus dem Haus ausgezogen. Zum Glück schaffte ich es immer wieder mit Trick 17 ihn nach unten in sein „neues“ Zimmer zu befördern und wenn er erst einmal in seinem „Krankenbett“ lag, schien er sich geborgen und wohl zu fühlen, denn er verlangte stets, dass das Scherengitter hochgemacht wird, damit er nicht hinausfällt.

Nachfolgend ein typisches Nachtprotokoll:
21.30 Uhr liegt im Bett, kann nicht schlafen –
21.39 Uhr ruft immer seine Frau und ist sauer, weil sie nicht da ist –
22.35 Uhr zur Toilette, will das Haus verlassen –
23.02 Uhr zur Toilette und wieder ins Bett –
23.27 Uhr zur Toilette, ein Glas Wasser getrunken, ins Bett –
24.00 Uhr zur Toilette, wieder ins Bett, schläft nicht –
24.35 Uhr zur Toilette, wieder ins Bett, unruhig –
1.10 Uhr zur Toilette, eine Placebo, ins Bett, schläft nicht –
1.30 Uhr zur Toilette, wieder ins Bett, unruhig –
2.15 Uhr zur Toilette, unruhig, noch eine Placebo –
2.55 Uhr schläft nicht, will immer raus, sehr aggressiv –
5.02 Uhr zur Toilette, wieder ins Bett, ruft ständig um Hilfe –
5.40 Uhr zur Toilette, wieder ins Bett –
6.00 Uhr isst ein Ei und eine Reiswaffel, liegt im Bett und schläft –

Mir wurde immer ganz schlecht, wenn ich morgens diese Berichte las und die Mädels wurden zwar gut bezahlt für ihre Nachtwachen, aber es war bei Gott ein hart verdientes Brot. Ein paar Wochen lang hatte ich das ja auch mitgemacht, aber hätte es auch nur eine Nacht länger gedauert, hätte ich Josi – bei aller Liebe und allem Verständnis – wahrscheinlich irgendwo im finsteren Wald ausgesetzt. Nein, natürlich wäre ich nicht so rabiat gewesen, aber so unorthodoxe Gedanken waren mir damals schon durch mein müdes Gehirn gewabbelt. Josi kam mir wie ein nachtaktiver Hamster vor, der unermüdlich in seinem Rad die Runden dreht, es war – auch für ihn – der absolute Albtraum.
(Tipp Nr. 45: Lernen, abzuschalten)

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