46. Frohe Ostern

46_LebensLauf

Mittlerweile waren die Exposés unserer polnischen Pflegekräfte eingetrudelt. Ich schaute mir zwei Männer an, einer rank und schlank und 44 Jahre alt, der andere klein, gedrungen und 65 Jahre. Die nächste Panikattacke war vorprogrammiert als ich mir vorstellte, dass einer von ihnen hier einziehen würde. Der ältere Mann kam schein einmal gar nicht in Frage, weil er hier bereits am zweiten Tag kollabieren würde, denn er musste bis zu fünfzigmal täglich die Treppen hoch und runter eilen. Ich telefonierte mit Herrn König und teilte ihm meine Bedenken mit. Er machte mir den jüngeren Mann schmackhaft und lobte ihn über den grünen Klee. Zu meiner Beruhigung schickte er noch den Lebenslauf von zwei Frauen. Ich zeigte der ganzen Familie die Bilder der Kandidaten und alle fanden Alexander am sympathischsten, trotzdem schlief ich noch einmal einige Nächte über diese Entscheidung, dann blieb es bei Alexander.

Josi sagt: „Ich will Kuchen.“

Zwischenzeitlich wurde mir ein Neurologe empfohlen, der sehr erfahren und gut sein sollte und ich hoffte, dass er uns helfen würde, unser nächtliches Problem zu lösen. Leider bekam ich erst nach Ostern einen Termin und weil es bis dahin noch eine Lange Zeit war, durfte ich ihm die Arztbriefe und Medikamentenliste von Josi schicken und wir telefonierten. Er empfahl für die Nach zwei Dominal. Ich lief zu unserem Hausarzt, ließ mir die Tabletten verschreiben und gab sie abends Josi. Ihre Wirkung setzte am nächsten Morgen um 6.00 Uhr ein und hielt zehn Stunden lang.
Dominal schien ein Teufelszeug zu sein, zumindest für Josi. Nach der ersten Proberunde gab ich meinem Mann nur eine Tablette, aber wieder hatten wir das gleiche Affentheater mit nächtlichem Heckmeck und tagsüber schlafen. In den Wachphasen war er extrem aggressiv. Ich telefonierte noch einmal mit dem Arzt und er empfahl, die Tabletten einige Stunden früher zu verabreichen. Gesagt, getan und trotzdem blieb die gewünschte Wirkung aus, bzw. zeigte sie sich erst nach zwölf Stunden.
Karfreitag bemalte ich wie immer die Ostereier, ersparte mir aber die große Deko-Orgie, weil ich keinen Nerv mehr dazu hatte. Wenigstens machte mir Josi ein wunderschönes Ostergeschenk, in dem er zwei Nächte lang mehrere Stunden durchschlief und alle anderen um mich herum freuten sich über die obligatorischen Schokoladenhasen.
An dieser Stelle möchte ich einmal anmerken, wie schwierig es ist einen Arzt zu finden, der sich mit den Tücken dementieller Erkrankungen gut auskennt und dann noch Hausbesuche macht. Wir hatten über Jahre einen guten Internisten, den wir auch dringend benötigten, der die Blutwerte kontrollierte und sein Bestes versuchte, mir mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, aber bei der richtigen Dosierung von Beruhigungs- oder Schlaftabletten war auch er überfordert und er konnte mir auch nicht mehr sagen, als dass ich es ausprobieren sollte. Eigentlich hätten wir eine Armada an Ärzten gebraucht, die uns regelmäßig hätten besuchen müssen. In der Praxis war das natürlich nicht realisierbar und innerlich stellte ich mich darauf ein, Josi irgendwann einmal in eine Spezialklinik zu bringen, denn nicht nur unsere Nerven lagen mittlerweile blank, sondern er selbst musste Höllenqualen leiden, obwohl er das natürlich nicht artikulieren konnte. Wenn ich zu diesem Zeitpunkt noch arglos dachte, schlimmer geht nimmer, lehrte mich die Zukunft eine ganz andere Wahrheit.
(Tipp Nr. 46: Am Ball bleiben)

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