47. Neuzugang

Am 8. April brachte uns Herr König den neuen Pflegehelfer, Alexander. Er hatte nur eine kleine Reisetasche dabei und ich war ein wenig irritiert, weil ich schon überlegt hatte, wo wir seinen großen Koffer verstauen würden, denn schließlich sollte er sechs Wochen bleiben. Das Ausräumen der Schrankwand hätten wir uns theoretisch auch sparen können, aber nun war ich froh, dass wir das ganze Gerümpel der letzten zwanzig Jahre einmal aussortiert hatten. Alexander war begeistert von seinem neuen Heim und seinem Zimmer und ich erleichtert, dass es ihm gefiel. Josi interessierte die neue Bekanntschaft allerdings überhaupt nicht und er stellte sich an, wie ein bockiges Kleinkind. Mir grauste schon vor den nächsten Tagen. Unser bisheriger Pflegedienst würde noch bis Sonntag kommen und Alexander einweisen, ab Montag war er dann auf sich gestellt und musste schauen, wie er meinen Liebling unter die Dusche bekam. Langfristig erhoffte ich mir natürlich mehr Entspannung bei der Körperpflege, weil in Zukunft duschen angesagt war, wann Josi dazu bereit war und nicht mehr fremde Menschen den Zeitpunkt bestimmten. Sehr fair fand ich, dass ich dem Pflegedienst von jetzt auf gleich kündigen konnte. Es herrschte zwar großes Bedauern auf beiden Seiten, weil wir uns ganz schön aneinander gewöhnt hatten, aber auch großes Verständnis für meine Situation.
Nach der Besichtigung des Hauses tranken Herr König, Alexander und ich einen Kaffee. Später würde es für den freundlichen Polen noch eine kräftige Suppe und ein paar Stunden Ruhe geben, schließlich hatte er die ganze Nacht im Bus verbracht. Ich erzählte ein wenig von diesem und jenem, von Josi und seinen Macken und wie es bei uns so läuft und dass sich weiterhin vier Damen den Nachdienst teilen würden. Alexander lächelte, als würde er dafür bezahlt und antwortete auf all mein Geplapper mit immer den gleichen Worten: „Alexander verstehen, Alexander kennen Demenzione!“ Was auch immer das bedeuteten mochte, mich beschlich das unangenehme Gefühle, dass der gute Mann nur Bahnhof verstand. Ich tröstete mich selbst und redete mir gut zu: „ Der arme Kerl ist übermüdet und nervös, ab morgen spricht und versteht er perfekt Deutsch.“

Josi sagt: „Schmeiß ihn raus!“

Schon am nächsten Tag hatten wir den lange herbeigesehnten Termin beim Neurologen in Düsseldorf und es war gleichzeitig die Nagelprobe für Alexander und die offizielle Jungfernfahrt im neuen Auto, an das ich mich noch nicht so richtig gewöhnt hatte. Alexander nahm ich als Begleitperson mit, weil ich die Parksituation vor der Praxis nicht kannte und eventuell ein Parkhaus ansteuern musste. Josi konnte nicht sehr weit laufen, aber ihn einfach am Straßenrand abzustellen wie Sperrmüll, war auch keine Option. Meinem Mann passte es nicht, dass unser neues Familienmitglied dabei war und er fragte wütend: „Was will der denn hier?“ Ich versuchte die Adresse der Praxis in den Navi einzugeben und bekam es vor lauter Nervosität nicht geregelt. Zum Glück hatte ich mich vorab schlau gemacht, wo die Straße war, so dass ich auch ohne die Stimme aus dem Off dorthin finden würde. Josi regte sich fürchterlich darüber auf, dass ich mich mit dem neuen Wagen noch nicht auskannte. „Wie blöde ist das denn,“ meckerte er, „so etwas lasse ich mir doch vorher zeigen. Du musst da hinfahren, wo du es gekauft hast.“ „Ja, ja, hast ja recht,“ konnte ich ihm nur zustimmen.
Während der ganzen Fahrt fragte er mich immer wieder, ob ich eigentlich wüsste, was ich da machte und ob ich wüsste, wo ich eigentlich hinwollte. Theoretisch schon, aber ich geriet in eine Großbaustelle und konnte nicht in die Straßen abbiegen, in die ich hätte abbiegen sollen, um mein Ziel zu erreichen und auch klar, dass Josi in diesem Moment pieseln musste. Mir brach der Schweiß aus und ich musste große Umwege fahren, um von A nach B zu gelangen und die ganze Zeit jammerte mein Mann, dass er dringend zur Toilette müsste. Nach einer gefühlten Ewigkeit landeten wir endlich vor der Praxis und bekamen zur Belohnung wenigstens direkt vor der Tür einen Parkplatz. Während ich noch die Parkgroschen einwarf, eilte Alexander im Affentempo mit Josi unter dem Arm ins Gebäude. Ich rannte hinterher und rief schon laut am Eingang: „Wo bitte ist eine Toilette?“ Nur kurze Zeit später gab es die Entwarnung, die zwei hatten es in letzter Sekunde gerade eben geschafft.
(Tipp Nr. 47: Sich weniger auf andere Leute verlassen)

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