48. Die letzte Chance

Wir mussten in die erste Etage und die war nur über eine schmale Wendeltreppe erreichbar. Wer hatte sich bloß so etwas ausgedacht? Wir zogen, schoben und zerrten an meinem Mann herum, bis wir ihn endlich oben hatten und ich war froh, dass ich Alexander dabei hatte. Wenn ich diese Szene in einem Film sehen würde, hätte ich mich sicherlich kaputtgelacht, aber damals war ich den Tränen nahe und fix und fertig. Wie soll man alte oder behinderte Menschen eine Wendeltreppe hochbekommen, mit dem Flaschenzug, oder wie? Endlich saßen wir im Wartezimmer und Josi fragte schon wieder: „Was macht der hier?“ Er meinte natürlich Alexander und es war mir total peinlich. Dann ging es los und wir lernten den reizenden Doc kennen. Mein Mann machte den Grandseigneur und ich redete zuviel, aber am Ende des Tages war ich schlauer und beeindruckt vom Wissen dieses Mannes. Josi sagte beispielsweise: „Mir tut der Hintern weh.“ Der Arzt antwortete: „Klar, das kommt von der Wirbelsäule.“ Auch auf viele andere Fragen hatte er eine schlüssige Antwort. Im Laufe des Gespräches begriff ich, dass ich mal den Mund halten musste und nicht übereifrig auf alles antworten durfte. Der Doc fragte Josi, ob er nicht einen Teil seines Lebens aufgäbe, wenn er nicht mehr aktiv daran teilnähme. Mein Liebling sagte darauf: „Früher wurde alles geregelt.“ „Eben,“ erwiderte der Arzt, „früher hatten sie ihr Personal, dass alles für sie machte und heute ist es ihre Frau. Glauben sie, dass es ihr dabei gut geht?“ Josi guckte mich mit großen Augen an und schüttelte den Kopf. „Nein.“ sagte er schließlich. Der Rest des Gespräches war Unverständnis und Schweigen auf der Seite meines Mannes, aber ich hatte enorm dazugelernt und irgendwann saßen wir wieder im Auto und fuhren ohne besondere Vorkommnisse nach Hause. Geschafft! Was für ein Himmelfahrtskommando, ich hatte fertig.

Josi sagt: „Bin nicht müde.“

Die nächsten Tage und Nächte waren trotz der Schlaftabletten wieder Horror und ich rief erneut den Neurologen an, der das Handtuch schmiss und mir empfahl, Josi in eine Spezialklinik zu bringen. Dort würde er die richtigen Medikamente in der passenden Dosierung verabreicht bekommen, Zuhause wäre das einfach nicht machbar. Wenn ich allerdings meinen Mann jetzt in die Klinik brächte, wäre das Polenprojekt gestorben und meine ganzen Nachtwachen wären arbeitslos. Ich gab uns allen noch eine letzte Chance. Vierzehn Tage wollte ich es ausprobieren, Josi gar keine Schlaftablette mehr zu geben. Denn wenn er mit Tablette den nächtlichen Affenzirkus veranstaltete, konnte er das von mir aus auch ohne Pillen tun. Netterweise schlief er zwei Nächte mehrere Stunden hintereinander, dafür dann die nächsten sechs überhaupt nicht und auch tagsüber waren es höchstens mal ein paar Minuten. Ich begriff nicht, wie sein kranker Körper das aushielt und ich hatte Angst, dass er irgendwann komplett durchdrehen würde.
Ziemlich anstrengend waren auch die ersten Tage mit Alexander, weil ich alles zwei- oder dreimal wiederholen, zeigen und erklären musste und dahinter kam, dass er vieles ganz einfach nicht verstand. Was ihre Deutschkenntnisse angeht sind die Pflegekräfte nach Bronze, Silber, Gold und Platin eingestuft und entsprechend teuer. Ich hatte mich für Gold entschieden, also sehr guten Deutschkenntnissen, aber mein „Goldjunge“ war eigentlich eher ein „Silberjunge“. Alexander war wirklich sehr freundlich und zuvorkommend und hatte Ahnung von der Pflege. Manchmal war er etwas übereifrig und dann konnte es schon einmal passieren, dass meine Pullover in der Waschmaschine landeten und bei sechzig Grad gewaschen wurden. Er sollte auch gut kochen können und sein Gulasch war tatsächlich sehr lecker, aber da ich nicht so wirklich der Maggiwürfel-Fanatiker war, blieb es bei wenigen Versuchen. Warum er beim Essen allerdings immer das Messer ableckte und auch die Speisen mit dem Messer in den Mund beförderte, blieb sich mir verschlossen und mein zaghafter Wink mit dem Zaunpfahl, dass so eine Essgewohnheit gefährlich werden könnte, wurde mit einem fröhlichen, „Alexander schon wissen, was machen,“ vom Tisch gefegt.
(Tipp Nr. 48: Nerven schonen)

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