49. Fremdwörter

49_Gegensatz-LottiBeitz

Alexander war trotzdem eine Hilfe und extrem bemüht, und mir war schon klar, wie schwer für ihn die Anpassung an unseren verrückten Haushalt war. Das sah Josi allerdings komplett anders. Ihn störte die fremde Person und er ließ die schwarzen und bösen Seiten seiner Persönlichkeit in allen Facetten heraushängen von denen ich bis dato nicht wusste, dass sie in dieser Größenordnung bei ihm überhaupt vorhanden waren. Das Problem war nur nur, dass ich – im Gegensatz zu Alexander – nicht damit umgehen konnte. Er hatte schon viele an Demenz erkrankte Menschen betreut, ich dagegen nicht, ich kannte nur Josi, der bislang, mit einigen Ausnahmen, relativ harmlos war. Jetzt flogen hier so krasse Ausdrücke wie „Arschloch, Drecksau, dämlicher Hund, Arsch, blöde Sau“ nahezu täglich durchs Haus und ich war entsetzt, traurig, empört und wahnsinnig wütend. Ich schimpfte meinen Mann aus und verbat mir immer wieder diese Ausdrucksweise. Teilweise kamen meine Zurechtweisungen an, dann wieder nicht, aber so oder so hielt die Einsicht nicht lange vor, weil er sein schlechtes Benehmen persönlich gar nicht wahr nahm und natürlich auch sofort wieder vergaß.

Josi sagt: „Hab Aua!“

Ich hörte von unten, wie Alexander lauf auf Josi einredete und ich war neugierig, was da jetzt passieren würde und schlich mich an. „Doktor, aufstehen, biiiiiitte, jetzt duschen, Doktor!“ „Hör auf mit dem Scheiß“, tönte es zurück. „Doktor, gut, Alexander warten, Doktor muss duschen heute!“ „Hau ab, du Arsch, verschwinde.“ Alexander kam durch die Tür und ich tat so, als käme ich gerade eben die Treppe herunter. Er sagte: „Doktor nicht gut heute, sehr aggressiv, Alexander observieren, alles gut, Frau Beitz, alles gut, Alexander kennen Demensione.“
„Davon gehe ich aus“, erwiderte ich, „aber vielleicht sprechen sie etwas leiser mit ihm und halten mehr Abstand, dann ist er vielleicht weniger aggressiv.“ Der gute Junge nickte verständnisvoll mit dem Kopf, „ja, ja, sehr aggressiv, ich kenne Demensione, muss man haben Geduld, Mensch krank.“ Ich startete einen neuen Versuch und radebrechte, „Hauptsache nicht so laut sein und nicht so nah ran an Doktor.“ Seine Antwort: „Ah, Doktor krank, ich observieren, dann noch einmal versuchen.“
„Ja klar, mach mal“, dachte ich und musste innerlich lachen. Für meinen Mann war alles stationär und Alexander kannte sich mit Demensione und Observation aus, besser hätte ich es nicht treffen können. Zu seiner Ehrenrettung muss ich aber sagen, dass es zu einem späteren Zeitpunkt doch noch mit dem Duschen geklappt hatte. Allerdings ließe sich der vorhergegangene Stress sicherlich minimieren, wenn man die oft erwähnte Aversion von Josi gegen zu lautes Reden und zuviel Nähe mehr berücksichtigen würde. Zu allem Übel schien aber grundsätzlich die Chemie nicht optimal zu stimmen, was man im Voraus natürlich nicht ahnen konnte.
Eine Loriot reife Szene spielte sich am Abend ab, als ich um 21.30 Uhr von einer Einladung zurückkam. Schon unten an der Haustür hörte ich die laute Stimme Alexanders. Ich ging müde die Treppe hoch und lief direkt meinem Mann in die Arme, der bei meinem Anblick sagte: „Erzähl mal was und schicke den Arsch hier weg!“ Ich war angestrengt, genervt, hatte keine Lust zu reden und reagierte leider wie ein Vollidiot und komplett falsch. „Was machst Du denn noch hier, wo ist die Nachtwache?“ schnauzte ich los und rannte hektisch hin und her, um die Telefonnummer der für den Abend eingeteilten Dame zu suchen. Alexander stand hilflos in der Gegend herum und Josi fragte völlig irritiert: „Warum bist du so frech zu mir?“ „Du nervst“, gab ich zurück, „ich bin müde und mag nicht mehr reden und überhaupt, warum liegst du nicht im Bett, was machst du hier oben?“ Josi antwortete: „ Bin nicht müde!“
Alexander aus dem Hintergrund: „Bruder hat angerufen.“
Ich: „Und?“
Alexander: „Er kommt morgen.“
„Wie er kommt morgen, hier her?“
„Ja, der Bruder von Doktor, nicht morgen, heute!“
„Ruft er morgen wieder an?“
„Nein, heute!“
„Klar, habe ich verstanden, der Bruder hat heute angerufen und meldet sich wieder.“
„Nein morgen.“
Ich hatte die Nase gestrichen voll, scheuchte den Goldjungen nach oben in sein Zimmer und lotste Josi mit Engelszungen nach unten in sein Bett. Die Nachtwache hatte im Stau gestanden und löste mich irgendwann ab. Morgens um 5.00 Uhr wurde ich von Stimmen geweckt, die in mein müdes Gehirn wabberten. Ich schlug meine Augen auf, Josi stand vor mir. (Er hatte nicht vergessen, dass ich jetzt in seinem ehemaligen Bett schlief, weil das obere Zimmer von Alexander belegt war.) „Warum weckst Du mich mitten in der Nacht?“ fragte ich ihn. „Ich wollte dich sehen“, antwortete er.
„Und jetzt? Jetzt hast du mich gesehen, was nun?“
„Will mich hinlegen.“
„Na denn, bitte schön, lege dich ruhig in mein Bett, Hauptsache es gibt endlich Ruhe.“
Ich schickte die verstörte Nachtwache nach Hause, die vergeblich versuchte hatte Josi davon abzuhalten, mich zu wecken, wankte ins Parterre und kuschelte mich dort auf das große Sofa. Nicht einmal zwei Stunden später riss mein Mann die Tür auf, ich schreckte erneut hoch und brüllte ihn an: „Was soll das, bist du irre, was willst du hier?“
Er: „Muss schauen, ob die Heizung funktioniert.“ Natürlich stand auch Alexander in der Tür, zuckte verlegen mit den Schultern und sagte: „Ich nichts können dafür, Doktor wollte observieren.“
Na klar, noch eine Sekunde länger in diesem Irrenhaus und ich würde auch Demensione bekommen.
(Tipp Nr. 49: Lachen, wenn es zum Weinen nicht ganz reicht.)

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