50. Zurück in die Steinzeit

Morgens um 7.00 Uhr klingelte es an der Haustür. Erst dachte ich, dass ich es nur geträumt hatte, aber dann schellte es noch einmal Sturm. Ich sprang aus dem Bett und lief aus dem Schlafzimmer. Alexander kam verpennt von oben und fragte erstaunt, wer denn da so früh klingeln würde. „Ich habe schon eine ziemliche Ahnung, wer das sein kann“, antwortete ich und eilte nach unten. Wie von mir vermutet stand mein Mann vor der Tür. Er hatte seine Frotteesocken an den Füßen, seinen Pyjama mit den kurzen Hosen an, darüber eine Winterjacke, Schal und einen Hut auf dem Kopf. Er wusste nicht, was er draußen wollte und konnte natürlich auch nicht erzählen, wie lange er spazieren gegangen war. Später fand ich meinen Autoschlüssel in seiner Jackentasche und ich vermutete, dass er das Auto gesucht hatte, was ausnahmsweise nicht vor der Garage, sondern um die Ecke geparkt war. Selbst wenn er in den Wagen eingestiegen wäre, hätte er nicht losfahren können, da das Auto nur durch die Bedienung des Startknopfs anspringt und das System kannte Josi nicht. Das Vorgängermodell hätte mein Mann wahrscheinlich einfach auf den sonst üblichen Parkplatz gestellt und dann hätte ich aber so richtig dumm aus der Wäsche geguckt. Für kurze Zeit schloss ich wieder einmal die Haustür ab und versteckte die Schlüssel. Diese Lösung funktionierte natürlich nicht, da Josi Tag und Nacht immer wieder die Tür aufriss, um einen Blick nach draußen zu werfen und plötzlich ging das nicht mehr. Er regte sich furchtbar darüber auf, wurde frech und probte den Aufstand, weil er logischerweise die Welt nicht mehr verstand.

Josi sagt: „Habe Hitze im Kopf!“

Die Haustür blieb also wieder unverschlossen und wenn er spazieren gehen wollte, wenn wir es nicht mitbekamen, dann sollte er halt. Die Nächte waren ja nicht mehr so kalt, jeder kannte ihn hier in der Umgebung und wenn er im Schlafanzug durch die Gegend tippelte, würde er unbemerkt nicht sehr weit kommen. Ich nahm lieber das Risiko auf mich, dass er draußen herumlief, als diese Aufregung, wenn er sich eingesperrt fühlte. In der Regel hatte er zu seinem eigenen Schutz eine Rundum-Überwachung durch das Babyphone oder eine Person, die sich im Erdgeschoss aufhielt. Trotzdem passierten natürlich Ausnahmen, wenn die für ihn zuständige Person einen Moment unachtsam war, einschlief, beziehungsweise schlichtweg verpennte.
Jetzt waren bald drei Wochen ins Land gezogen, seit Alexander bei uns war, aber die richtige Entspannung hatte sich bei mir noch nicht eingestellt und ich bekam immer mehr Zweifel, ob ich so weiter leben wollte. Mein Sprachniveau hatte sich auf Deutsch für Anfänger reduziert, aber die Verständigung klappte trotzdem eher selten. Auch Josi hatte sich sprachlich angepasst und ich fühlte mich teilweise in die Steinzeit zurückversetzt. „Arsch sauber machen“, war sein neuer Lieblingsbefehl geworden und ich konnte dann nur ahnen, ob ich seinen Intimbereich säubern durfte, oder Alexander. Es drehte sich alles nur noch um „Aua“, „schau mal mein Bein“, „ich bin verrückt“, „Hilfe“, „Lotti“, „mir ist übel“, „mir geht es schlecht“, oder „ich muss kotzen!“ Ich konnte an nichts anderes mehr denken und mein Gehirn war wie zugenagelt. Mein Mann tat mir unendlich leid und ich tat mir auch leid und es war klar, dass ich schon sehr bald etwas unternehmen musste, denn die Lage spitzte sich dramatisch zu.
(Tipp Nr. 50: Risiken gegeneinander abwägen.)

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