51. Nächtlicher Terror

51_zugeschlagen

Wenn Josi wenigsten für ein paar Stunden durchschlafen würde, wäre uns, und vor allen Dingen ihm, schon viel geholfen, aber er kam und kam nicht zur Ruhe. In der vergangenen Nacht war einiges schief gelaufen, wie ich aus den Aufzeichnungen des Nachdienstes entnehmen konnte.

Hier die Ereignisse im genauen Wortlaut:
„Total nervös, wir waren von 22.00 Uhr bis 23.24 Uhr 9 x zur Toilette gegangen. Immer wieder ins Bett und raus aus dem Bett. Soeben hat er ein Ei und Käse gegessen.“
(Mein Mann schrieb mit krakeliger Schrift dazwischen: „Geht nicht! Scheiße, Lotti!“)
„24.28 Uhr 7 x zur Toilette, wieder ins Bett und wieder raus. Wollte ein Glas Rotwein trinken, bekam er auch, aber natürlich den Traubensaft.
1.26 Uhr einen Pudding gegessen, zuvor um ca, 1.00 Uhr den restlichen Käse und eine Reiswaffel gegessen, danach ständig nach einer Tablette gefragt. Ihr Mann sagte: „Habe Rückenschmerzen, will in die Klinik oder einen Arzt.“ Ich erklärte ihm, dass wir dazu die Versicherungskarte bräuchten. Mit Voltaren einreiben lehnte er ab. Hatte angeblich überall Schmerzen, nervte ständig mit seiner Uni-Klinik, fragte ihn, ob ich nicht besser seine Frau wecken sollte. Nein, das wollte er auch nicht.
Ich erklärte ihm, dass ich ihm dann auch nicht weiterhelfen könnte.
Wir haben mittlerweile 2.47 Uhr und die Nacht ist der blanke Horror, lustig ist anders. Ihr Mann ist genervt und aggressiv. Lasse mich nicht auf Diskussionen ein, ignoriere ihn. Habe mehrere Male bei ihnen geklopft, leider haben sie nichts gehört. Er will ständig, dass ich für ihn ein Taxi bestelle, um in die Uni-Klinik zu fahren. Fragt pausenlos nach, warum das Taxi noch nicht da sei und wird unflätig. Werde langsam aber sicher stinksauer.
5.00 Uhr – er wollte unbedingt noch eine Scheibe Brot mit Schinken essen!
6.00 Uhr – haue ab!“

Das „Abhauen“ bekam ich noch mit, denn Josi stand um kurz vor 6.00 Uhr komplett angekleidet neben meinem Bett. Allerdings hatte er sich zur Vorsicht noch das Pyjamaoberteil über das Hemd gezogen. Ich fragte, was los sei und wo Frau D. sei? Ich ging mit ihm ins Wohnzimmer und redete dort leise mit ihm weiter. Plötzlich wurde unten mit einem lauten Knall die Haustür zugeschlagen. Jetzt wusste ich, wo Frau D. gewesen war, sie hatte panisch und am Ende mit ihren Nerven unser trautes Heim verlassen. Ich konnte es ihr nicht verdenken.

Josi sagt: „Lotti, hilf mir!“

Wir gingen runter und ich konnte meinen Mann überreden, sich auszuziehen und ins Bett zu gehen. Er hatte keine Unterhose an, also hatte er sich wohl alleine angezogen. Ich packte meinen Liebling ins Bett und legte mich für ein Stündchen neben ihn auf das Kuschelsofa. Meine Gedanken überschlugen sich. So wie jetzt, konnte es auf keinen Fall weiter gehen. Ich versprach Josi, dass ich ihn später in die Klinik bringen würde und er beruhigte sich tatsächlich und nickte ein wenig ein. Um kurz nach 8.00 Uhr ging ich nach oben. Alexander bereitete das Frühstück vor und brachte es meinem Mann. Ich schnappte mir die Sonntagszeitung und schlürfte genussvoll meinen Kaffee. Plötzlich hörte ich lautes Geschrei und Alexander stürmte die Treppe hoch. Mit hochrotem Kopf stand er vor mir und sagte: „Doktor, Alexander getreten und ins Gesicht geschlagen, Doktor sehr böse.“ Er rückte mir auf die Pelle und wollte mir zeigen, wie mein Mann das gemacht hatte. Ich bekam dann auch einen roten Kopf und trat einen Schritt zurück. Ich wollte das gar nicht so detailliert wissen und ich reagiere ebenfalls nahezu hysterisch, wenn mir jemand zu nahe kommt oder es gar wagt, mich zu berühren. Ich lief nach unten zu Josi und brüllte: „Wie kannst Du es wagen, in unserem Haus Leute zu attackieren, bis Du nicht mehr bei Sinnen?“ Er saß wie ein Häufchen Elend auf der Bettkante und wusste natürlich von nichts. Im Nachhinein habe ich mich noch oft über mein unprofessionelles Benehmen geschämt, aber in diesem Moment war ich mit der ganzen Situation komplett überfordert.
(Tipp Nr. 51: Aus Fehlern lernen.)