52. Einbahnstraße

Leider war mir Alexander gefolgt und stand hinter mir im Zimmer und beobachtete von Tür aus, was ich machte. Das hatte mir gerade noch gefehlt, ich schickte ihn weg und redete dann beruhigend auf Josi ein, der sich brav an den Tisch setzte und frühstückte. Alexander verstand die Welt nicht mehr und ich versuchte ihm zu erklären, dass ich sauer auf Josi war und nicht auf ihn. Er verstand mich nicht, wollte nur noch seinen Koffer packen und sofort zurück nach Polen fahren. Nach meinem fünften Erklärungsversuch und sein immer wieder: „Ich weiß, Frau Beitz lieben Mann,“ brach ich entnervt die Diskussion ab und bat ihn, auf sein Zimmer zu gehen und sich erst einmal zu beruhigen. Seine letzten Worte, ehe er endlich das Feld räumte: „Frau Beitz sauer, Doktor böse, Alexander nach Hause fahren.“ Und ich wäre am liebsten aus der Haut gefahren.
Ich rief unseren Sohn an und bat ihn, zu kommen. Dann telefonierte ich mit der Notfallambulanz der Gerontopsychiatrie und schilderte unsere Situation. Ich hatte einfach Angst, dass mein Mann durch den Schlafentzug durchdrehen würde. Man erklärte mir, dass mich ein Arzt zurückrufen würde. Zwischenzeitlich war unser Sohn eingetroffen und ich startete den nächsten Versuch, Alexander den Tatbestand zu erklären. Ich sagte: „Armer Alexander, böser Doktor, Doktor jetzt Klinik, krank!“ Endlich ging ein Ruck durch seinen Körper, weil er anfing zu verstehen, auf wen ich eigentlich böse war und auf wen nicht und er wirkte erleichtert. Allerdings war auch klar, dass er sich in der Nähe von Josi nicht mehr blicken lassen konnte, schließlich sollte niemand mehr provoziert werden.

Josi sagt: „Da ist eine Katze!“

Wir warteten mehr als zwei Stunden auf den Rückruf des Arztes. Währenddessen saßen wir bei meinem Mann und unterhielten uns leise über seinen Kopf hinweg. Das schien eine beruhigende Wirkung auf ihn auszuüben, denn er schlief ein. Endlich rief der Arzt aus der Klinik zurück und ich erklärte ein weiteres Mal unsere prekäre Situation. Es gäbe kein Zimmer auf der Privatstation, bekam ich zu hören, und auf der normalen Station gäbe es nur ein Bett auf dem Flur. Am Besten wäre es, wenn wir erst am Montag kämen, aber selbstverständlich könnten wir auch gleich kommen. Ich dachte kurz nach: Morgen hätte ich den ganzen Zirkus alleine am Hals, denn Alexander konnte nicht mehr helfen. Das würde auch bedeuten, dass ich mich die nächsten 24 Stunden alleine um Josi kümmern müsste und das war mir nicht mehr möglich, weil ich fix und fertig war und einfach nicht mehr konnte. Also erklärte ich meinem Liebling, dass ich ihn jetzt anziehen und wir mit ihm in die Klinik fahren würden. Er war sofort einverstanden. Ich packte die notwendigen Sachen zusammen und nur kurze Zeit später waren wir auf dem Weg. An der Tür der Notaufnahme hing ein Katzenbild mit dem Hinweis „Keine Katzen erlaubt!“ Später, als wir im Wartezimmer saßen, beobachteten wir, wie eine Katze durch den Gang schlich und vor der Tür sitzen blieb. Mein Sohn und ich bekamen einen Lachanfall. Es handelte sich um die Hauskatze und das Plakat an der Tür war ein Gag und wir fanden das sehr sympathisch und gelungen. Immerhin hatten die Leute hier Humor und wir waren verblüfft, weil wir eher eine Horrorshow vermutet hätten. Auch der Diensthabende Arzt war sehr freundlich, ebenso das gesamte Personal, mit dem wir zu tun hatten. Später bin ich noch vielen geistig verwirrten Menschen begegnet, lernte am Ende aber ihre Einzigartigkeit zu lieben.
Jetzt kam Josi aber erst einmal auf eine Station und musste dort auf dem Flur übernachten. Überall roch es nach Fäkalien, denn es gab immer nur eine Toilette für drei Zimmer. Wenigstens stand sein Bett in einer Nische, umgeben von Schrankwänden. Ich war ein wenig erleichtert, denn es hätte ja noch schlimmer sein können. Die anderen Patienten wirkten hilflos und komplett verwirrt, aber das Pflegepersonal war extrem freundlich und liebenswürdig. Josi war teilnahmslos und bemerkte gar nicht, was um ihn herum los war. Hier kam uns wieder einmal zugute, dass mein Mann Arzt war, für den ein Krankenhaus eine vertraute Umgebung bedeutete. Mein Sohn und ich hätten am liebsten auf dem Absatz kehrt gemacht und unseren Liebling wieder mitgenommen, aber es half ja nichts, jetzt mussten wir alle dadurch. Ein freundlicher Pfleger nahm uns mit in einen Besprechungsraum, fuhr den Computer hoch und fing an, uns über den Gesundheitszustand von Josi zu befragen. Sehr rasch würden wir einen richterlichen Beschluss benötigen, denn mein Mann befand sich auf einer geschlossenen Station. Ich versprach, am nächsten Tag die Patientenverfügung und die Vollmacht vorbei zu bringen. Josi sollte noch Blut abgenommen und auf Krankenhauskeime gescannt werden und man legte uns nahe, dass es jetzt besser wäre, wenn wir gingen. Wir küssten unseren Liebling und versprachen ihm, am nächsten Tag wieder zu kommen.
Schweren Herzens zogen wir los und machten uns gegenseitig Mut. Mittlerweile war es 17.00 Uhr und unsere Mägen hingen in den Kniekehlen und wir steuerten das nächste Restaurant an. Danach ging es mir besser, vor allen Dingen konnte ich nach Wochen endlich wieder richtig durchatmen. Zu Hause angekommen benachrichtigte ich Alexanders Firma, die ihn zwei Tage später abholten. Das Projekt „Polen“ war vorzeitig beendet.
(Tipp Nr. 52: Vollmacht, Patientenverfügung und Arztbriefe immer griffbereit liegen haben!)

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