53. Gefesselt

53_Ausloeser

Am Montag besuchte ich Josi und er wirkte keineswegs traurig, unzufrieden oder unglücklich. Ich war mehr als erleichtert, dass er seine Umgebung als nicht so schrecklich wahrnahm. Die Sonne schien und wir durften vor die Tür gehen und uns für eine Stunde auf eine Bank setzen. Es gab viel zu sehen und zu beobachten. Die Station und auch die Situation waren für mich der blanke Horror, da ich es nicht gewohnt war, so viele alte und an Demenz erkrankte Menschen auf einmal zu erleben. Als ich Josi fragte, ob er sich ab und an hinlegen würde, antwortete er: „Geht nicht, da liegen immer andere Leute drin.“ Und tatsächlich, als wir zurückkamen, saß eine fremde Frau auf dem Bett meines Mannes und die Ärzte standen darum herum. Ich winkte einen der Ärzte herbei und sagte ihm, dass dies Josis Bett sei und die Patientin dort nichts zu suchen hätte. Sie bekamen sie nur sehr schwer dort weg, und ich wollte gar nicht wissen, was sich später abspielen noch würde.
Die Ärztin drückte mir die schriftliche Begründung, warum Josi momentan besser in einer geschlossenen Abteilung aufgehoben war, in die Hand. Die musste ich mit meiner Vollmacht und Patientenverfügung ans Gericht faxen. Zum Glück hatten wir diese Vorkehrungen beizeiten getroffen (ich kann es nicht oft genug betonen), sonst hätte ich ein wirklich großes Problem gehabt. Also ein noch größeres, denn das, was gerade abging, reichte mir schon.

Josi sagt: „Die sind böse!“

Als ich am nächsten Tag auf die Station kam, nahm mich sofort eine Schwester beiseite und sagte mir: „Wir mussten ihren Mann heute leider für zwei Stunden fixieren.“ Ich nickte wie ein Esel mit dem Kopf und wollte wissen, was passiert sei. „Es gab eine Auseinandersetzung mit dem Pflegepersonal,“ klärte sie mich auf und ich meinte darauf: „Aha!“ mehr bekam ich nicht heraus. Erst Stunden später kam mir in den Sinn, dass ich nach dem Auslöser hätte fragen sollen. Aber vielleicht hatte ich nicht gefragt, weil ich die Antwort schon wusste: Josi wollte da weg, die Tür ging nicht auf und da ist er wahrscheinlich ausgeflippt. Oh, wäre ich nur bei ihm gewesen. Ich wollte mit der Ärztin sprechen und man versprach mir, dass dies in einer halben Stunde möglich sei. Mein Mann hatte jetzt wenigstens ein eigenes Zimmer und kein Bett mehr auf dem Flur. Aber das Zimmer war fast noch schrecklicher, kahl und unpersönlich. Josi lag im Bett und schlief wie ein Toter. Ich schaute mir die Gurte und Fesseln an, die man einfach liegen gelassen hatte und mir schossen die Tränen in die Augen. Es war der wahr gewordene Albtraum: Du willst weg und wirst festgehalten und gefesselt. Ich heulte wie ein Schlosshund und betrachtete dabei meinen Liebling, der vor Erschöpfung und sonst welchen Mitteln endlich einmal tief und feste schlief.
Ich fuhr nach Hause und konnte mich von den inneren Bildern nicht lösen: Josi tobend und in Fesseln, wie leicht hätte ich ihn ablenken und beruhigen können. Ich war untröstlich. Am nächsten Tag war alles wieder Friede, Freude, Eierkuchen. Mein Mann konnte sich zum Glück an nichts erinnern, endlich einmal danke Demenz! Er grinste mich freundlich an und sagte: „Gestern haben wir uns verpasst, aber du warst hier und ich habe geschlafen!“
Josi wurde auf die Privatstation verlegt und war dort mit zwei weiteren Patienten auf einem Zimmer. untergebracht. Ich wollte der ersten Station eine Geldspende zukommen lassen, aber in der Psychiatrie ist das nicht erlaubt und so düste ich mit einer großen Tüte voller Süßigkeiten noch einmal zurück und freute mich, weil sich die Schwestern freuten. Ich bekam Post von einer Richterin, die meinen Mann besucht und ein Interview mit ihm gemacht hatte. Sie schrieb, dass er sehr freundlich und höflich gewesen sei und sich an seinen Ausraster nicht mehr erinnern konnte. Er wüsste nicht, wo er sei und auf die Frage, was er zu Hause so gemacht habe, antwortete er: „Nichts!“ Sie gab ihr Okay für die Unterbringung in einer geschlossenen Anstalt, um ihn und andere zu schützen.
(Tipp Nr. 53: Manches einfach aussitzen.)

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