54. Maulwurfshügel

Die Menschen in Josis neuer Umgebung machten mich fix und fertig und ich kämpfte pausenlos mit den Tränen. Ihn schien nichts zu stören, weder die zwei Jungens ins seinem Zimmer, noch die verhaltensgestörten Menschen um ihn herum, ich war fassungslos. Er saß scheinbar glücklich in seinem Rollstuhl und rollte damit durch die Gegend. Mein Mann war in den letzten Jahre sehr träge geworden und jetzt hatte er das perfekte Alibi, er bewegte seine Füße, musste aber nicht laufen, für ihn eine gemütliche Geschichte. Nach drei Tagen hatte ich mich ein wenig an die neue Situation und die merkwürdig agierenden Menschen gewöhnt und musste auch nicht mehr ständig weinen. Josi wurde ebenfalls viel ruhiger. Wenn wir im Gemeinschaftsraum zusammensaßen, versuchte ich mich voll und ganz auf meinen Mann zu konzentrieren und das Umfeld auszublenden. Natürlich gelang mir das nur bedingt. Herzzerreißend war der Anblick von Carlo, einem alten Herrn, der entweder in einer Art Kinderstuhl für Erwachsene saß, mit einem Tischchen vor der Brust oder er war mit einem Rollstuhl am Tisch fixiert, damit er nicht rausfiel. Sein Problem: Er versuchte im Sekundentakt aufzustehen, immer und immer wieder.

Josi sagt: „Nicht hingucken.“

Ein anderer Patient, ein Engländer, schlich Tag und Nacht (hatte mir mein Mann erzählt) mit starrem Blick durch die Gänge und Räume. Manchmal hatte er einen Waschlappen in der Hand und wischte dann im Vorbeigehen über die Tische, Stühle, Regale und manchmal auch über die Menschen. Josi funkelte ihn böse an und sagte zu mir: „Er hat mich geschlagen.“ Er zeigte mir seine Arme und die waren tatsächlich grün und blau. Ich wollte natürlich sofort wissen, warum er ihn geschlagen hatte, aber das wusste mein Mann nicht mehr, und ganz stolz sagte er: „Dem habe ich aber ordentlich eine zurückgeballert, dem Arschloch.“ Ich lief ins Schwesternzimmer und fragte ganz empört, ob eigentlich jemand gesehen habe, wie mein Mann aussähe und wieso keiner die Prügelei mitbekommen habe? Keiner wusste etwas. Ich fragte bei einer Patientin nach, mit der ich mich ab und an unterhielt, aber auch sie hatte nichts mitbekommen. Diese Frau war übrigens ein Phänomen für mich, sie hatte sich kürzlich die Haare abgefackelt und saß, trotz Lungenkrebs, ständig im Garten und rauchte. Letztendlich nahm ich an, dass der Engländer Josi nur von hinten an der Schulter berührte und er darauf wild um sich geschlagen hatte. Mein Mann erklärte allen Besuchern, die zu ihm kamen, dass sie die kranken Menschen ignorieren sollten. Immer wieder sagte er: „Nicht beachten, die sind alle blöde.“
Ich war froh, dass wir die meiste Zeit schönes Wetter hatten und wir in den großen Garten mit der schönen Wiese konnten. Meistens saßen wir weitab auf einer Bank und zählten die Maulwurfshügel, 29 Hügel waren der Rekord und Josi freute sich. Wir machten auch die Maniküre auf unserer einsamen Bank und manchmal verschwand mein Liebling hinter einem Busch und pieselte, während ich Wache schob. Wir redeten nicht viel, sondern saßen einfach nur entspannt und aneinander gekuschelt zusammen. Josi schlief jetzt besser in der Nacht und das merkte man ihm deutlich an. Insgesamt wirkte er ruhig und zufrieden und ihn schien sein neues Umfeld in keiner Weise zu irritieren. Die Station war in einem uralten Gemäuer untergebracht, dass sich selbst der Professor dafür entschuldigte. Viel wichtiger aber war das phantastische Ärzteteam, dass sich so gut mit dem Krankheitsbild auskannte und Josi die richtige Medikation verabreichte. Ich hatte tolle Gespräche mit der Oberärztin, die mich auch darüber aufklärte, dass mein Mann mittlerweile in einer anderen Welt leben und seine Umgebung als solche nicht mehr so wahrnehmen würde, wie es gesunde Menschen tun. Ich war froh, Josi in so guten und professionellen Händen zu wissen. Zu diesem Zeitpunkt wollte ich noch nicht über die Zukunft nachdenken, sondern erst einmal einen kleinen Moment inne halten und auch mich ein wenig erholen.
(Tipp Nr. 54: Sich selber Zeit geben.)

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