55. Der Rollstuhl

Zweimal bekam Josi einen Rappel und herrschte mich wütend an, dass ich verdammt noch mal seine Sachen zusammenpacken sollte, weil er jetzt und sofort nach Hause wollte. Er war nicht zu beruhigen und von seinem Vorhaben abzubringen. In meiner Verzweiflung bat ich die Stationsärztin um Schützenhilfe und sie erklärte ihm in aller Ruhe, warum er noch eine Weile bleiben müsste. Er ließ sich tatsächlich darauf ein, während ich plötzlich eine Eingebung hatte und ihn fragte, wo denn sein Rollstuhl sei. Er antwortete: „Weiß ich nicht, den hat mir einer weggenommen.“ „Ich hole in dir zurück“, versprach ich ihm und eilte mal wieder zu den Schwestern. Keine fünf Minuten später war der geliebte Rollstuhl da und Josi ließ sich glücklich hineinfallen. Von „sofort nach Hause gehen“ war nicht mehr die Rede und am Ende meines Besuches brachte er mich rollenderweise zur Tür, ließ sich noch einmal küssen und dann winke, winke und tschüss!

Josi sagt: „Hier bekommt man alles serviert.“

Ich glaube, dass der Rollstuhl für meinen Mann wie eine kleine Insel war, sein Refugium und dass er nur ausgerastet war und nach Hause wollte, weil sein Heiligtum plötzlich weg war. Es war alles sehr weitläufig auf dieser Station und er fühlte sich unsicher, wenn er die langen Wege alleine gehen musste. Eines Tages sagte eine Patientin zu mir: „Ihr Lächeln macht mich glücklich, sie müssen immer lächeln!“ Mir ging das Herz auf und ich hatte immer weniger Probleme mit den „verrückten“ Zeitgenossen um Josi herum. Im Gegenteil fing ich an, sie sehr zu mögen.
In der Regel sieht eine Privatstation anders aus, aber meinen Mann störte es überhaupt nicht, mit Popey, der ein Spanier war, und dem Stummen (so nannte ich sie heimlich) in einem Zimmer zu schlafen. Popeys Frau hatte mir erzählt, dass er schon seit neun Monaten in der Klinik sei. Zu Hause wäre er extrem aggressiv und einen Pflegeplatz bekäme sie auch nicht. Sie kam ebenfalls täglich zu Besuch und tat mir unheimlich leid. Popey konnte mal fließend Deutsch sprechen, aber mittlerweile brabbelte er nur noch spanische Brocken, die kein Mensch mehr verstand.
Der Stumme hatte jetzt seit mehr als vierzehn Tagen weder auf meine fröhliche Begrüßung noch auf meine Verabschiedung reagiert und er saß meist auf seiner Bettkante und starrte vor sich hin. Auch mein Mann behauptete, ihn noch nie reden gehört zu haben. Eines nachmittags kam der Stummer zum Kaffeetrinken in den Aufenthaltsraum und als ich ihn fragte, ob er ein Stück Kuchen wolle, antwortete er: „Gerne, wenn noch eins da ist.“ Mir fiel fast die Kinnlade runter und ich musste lachen. Nur wenige Tage später wurde ich unfreiwillig Zeuge, wie er ganz normal mit seiner Enkelin sprach, der er erzählte, warum er nicht mehr im Altenheim bleiben könnte. Auf alle Fälle war er nicht stumm, er hatte einfach keine Lust zu sprechen.
Josi wirkte ins sich ruhend und die hübsche Ärztin erklärte mir, wie es zu seinem Ausrastet gekommen war und warum es ihm jetzt soviel besser ging. Endlich bekam ich den Durchblick. Bei uns zu Hause hatte ihn die Reizüberflutung fast in den Wahnsinn getrieben. Jede Nacht eine andere Person, die auf ihn aufpasste, am Tag verschiedene Leute, die sich um ihn kümmerten und die in bester Absicht versucht hatten, ihn zu bespaßen. Dann kam der Pole, der ihn duschen oder mit ihm spazieren gehen wollte, der ihm etwas zu essen brachte oder von ihm verlangte, mehr zu trinken und ständig sagte: „Doktor, jetzt aufstehen, Doktor, jetzt setzen!“ Dann hörte er mich eine Etage höher herumwuseln, da wollte er dann auch hin und gucken, was ich da machte. Wenn er mal kurz einschlief, dann nur vor Erschöpfung und zu Unzeiten. Das bedeutete, dass sein Tag- und Nachtrhythmus komplett auf den Kopf gestellt war. In der Klinik war sein Umfeld auf das Notwendigste reduziert. Es war extrem langweilig dort, trotzdem gab es immer etwas zu beobachten. Er konnte schlafen, wenn ihm danach war, er konnte essen, oder es lassen, er konnte mit seinem Rollstuhl den Gang entlang rollen, es sprach ihn keiner an und es läutete kein störendes Telefon. Die Medikamente taten natürlich ebenfalls das ihrige, so dass sich der normale Rhythmus wieder einpendeln konnte. Nachts schlief er immer besser und deshalb war er am Tag entsprechend munter.
(Tipp Nr. 55: Kompetente Hilfe suchen.)

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