56. Heimsuche

56_Erkenntnis

Wir, das Ärzteteam, die Kinder und ich, waren uns mittlerweile einig, dass Josi nicht mehr nach Hause kommen konnte und ich kompensierte diese niederschmetternde Erkenntnis mit meinem üblichen Aktivismus und setzte mich sofort mit meiner favorisierten Einrichtung in Verbindung. Wir hatten noch drei Wochen Zeit, dann musste ich einen Platz für meinen Liebling gefunden haben. Zwei Tage später bekam ich einen Rückruf in dem mir mitgeteilt wurde, dass mein Mann zu aggressiv für die Gruppe sei, in der eventuell ein Zimmer frei werden würde, ich möchte mich doch bitte mit anderen Heimen in Verbindung setzen. Ich war wie vor den Kopf geschlagen und verabredete mich mit der Sozialdienstleiterin der Klinik. Während ich bei ihr war, schaute sie im PC nach und las mir vor, was Josi Tag und Nacht im Krankenhaus trieb und sie verstand nicht, wie das Wort aggressiv ins Spiel gekommen war. Sie telefonierte – ebenfalls in meinem Beisein – mit der zuständigen Dame meines Lieblingsheims und plötzlich stand im Raum, dass ich das Wort genannt haben sollte. Ich konnte keinen Eid darauf schwören, dass dem nicht so war, aber ehrlich gesagt, wusste ich gar nichts mehr. Jeder fühlte sich mittlerweile von jedem missverstanden und überrumpelte. Später fiel mir ein, dass ja auch Josis Ausraster zu Beginn des Klinikaufenthaltes dokumentiert worden war und ich fand es bedrückend, dass Patienten zu gläsernen Figuren werden, sobald sie in die Mühlen eines Krankenhausbetriebes gerieten.

Josi sagt: „Komische Leute hier.“

Da mein favorisiertes Heim nun nicht mehr zur Debatte stand, stürzte ich mich ins Internet und telefonierte wie eine Wahnsinnige zwei Tage in der Gegend herum. Ich hörte von 2-Bett-Zimmern, Überbelegungen, jahrelangen Wartezeiten und in welchem Jahr ich einen Platz benötigte. Ich war völlig verzweifelt und wollte mal wieder nur heulen. Wie sollte das jetzt weitergehen? Zum Glück hatte mir die Ärztin ja erklärt, dass an Demenz erkrankte Menschen ihr Umfeld ganz anders wahrnehmen und keine Empfindungen mehr für Gemütlichkeit oder anderen Schnickschnack haben. Und dass Josi bereits in einer anderen Welt lebte, hatten wir bereits festgestellt, sonst hätte er längst über seine skurrilen Zimmergenossen gemeutert und auch über das ekelhafte Bad. Aber er beschwerte sich nicht und schien glücklich mit seinem eigenen Bett und seinem Rollstuhl. Sein Spruch: „Das schöne ist hier, dass man alles serviert bekommt,“ bestätigte mein Gefühl, dass er sich durchaus wohl fühlte.
Bei der Suche nach einer passenden Einrichtung für ihn, ging es mittlerweile eigentlich nur noch darum, überhaupt eine zu finden. Am Nachmittag saß ich mit ihm im Garten und da schaute er mich plötzlich mit ganz wachen Augen an und sagte: „Am Ende des Tages sitzen wir alle im Altenheim.“ Ich bekam nur ein gequältes: „ Wahrscheinlich“, raus und dann zählten wir weiter die Maulwurfshügel, was ja auch viel interessanter war. Intuitiv schien Josi aber zu spüren, womit ich mich gerade beschäftigte, obwohl ich natürlich kein Wort darüber verloren hatte. Man sollte niemals das Einfühlungsvermögen der dementen Menschen unterschätzen und sich darüber im Klaren sein, dass ihre Gefühle und ihr Herz oftmals die Aufgabe des Gehirns übernehmen.
An einem Mittwochnachmittag bekam ich einen Anruf von der zuständigen Dame meines „Lieblingsheims“. Sie war gerade bei meinem Mann gewesen und er wäre ja reizend! Unser Reden! Wie ich im Nachhinein hörte, hatte sie ihn nach seinen Hobbys gefragt und er hatte sich von seiner besten Seite gezeigt. Sie hatte sein Lieblingsthema, die Jagd, aufgegriffen und er habe davon und von seinen vielen Reisen erzählt, die er im Laufe seines Lebens unternommen hatte. Sie war wohl sehr angetan, wie gewählt er sich ausdrückte und wie höflich er sich benahm. Ohne dass wir es von außen beeinflussen konnten, hatte er sich wieder einmal, wie auf Knopfdruck, von der Seite gezeigt, die für diesen Moment wichtig war. Mal war er der verwirrte Professor, mal der charmante Plauderer.
Die Dame bot uns an, dass er schon am Montag einziehen könnte. Theoretisch war das natürlich möglich, aber ich musste erst noch mit der Stationsärztin sprechen und das neue Zimmer gemütlich einrichten. Wir einigten uns darauf, dass ich ab Montag bezahlte, Josi aber erst am Donnerstag einzöge, bis dahin würde ich wohl das Notwendigste besorgt haben.
(Tipp Nr. 56: Unvermeidliches annehmen.)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.