57. Ein neues Zuhause

Eine Zentnerlast war mir von den Schultern gefallen. Jetzt belastete mich noch, ob Josi sein neues Zuhause annehmen würde. Könnte er sich dort einleben oder würde es sofort oder später Theater geben? Ich schaute mir sein Zimmer an, es lag im Parterre des sanierten Altbaus und war winzig, nicht einmal zwölf qm groß. Ein Pflegebett, ein Kleiderschrank und ein Nachttisch waren bereits vorhanden. In rasantem Tempo kauften wir einen gemütlichen Ohrensessel mit einem abnehmbaren Hussen, einen Beistelltisch, ein kleines Regal sowie eine Steh- und Nachttischlampe. Einige großflächige Tierbilder bestellte ich später im Internet. Aber schon jetzt wirkte das Zimmerchen mit der hohen Decke gleich wohnlicher. Glücklicherweise gab es ein eigenes Bad dazu, das war zwar nicht schön, aber zweckmäßig. Eine neue Bescheidenheit war angesagt. Zum künftigen Zuhause von Josi und seinen zehn Mitbewohnern des Hauses „Klee“ gehörte eine Wohnküche mit großem Essbereich, ein Wohnzimmer und ein herrlicher Garten, in den man durch zwei Türen gelangen konnte. Der Außenbereich war wirklich sehr großzügig gestaltet. Ich entdeckte einen Strandkorb, neben dem ein kleiner Leuchtturm stand und weitere Oasen mit Sonnenschirmen, Bänken, Korbsesseln und Liegen, die zum Verweilen einluden. Zum Glück gab es keine Bushaltestelle, von denen ich so oft gelesen hatte und die ich, man möge mir meine persönliche Meinung verzeihen, menschenverachtend finde, obwohl mir Fachleute sicherlich erklären könnten, warum so eine Haltestelle für Menschen mit Demenz wichtig ist.

Josi sagt: „Wir gehen jetzt.“

Nahezu täglich fuhr ich ins Haus „Klee“ und brachte Wäsche, Bekleidung und andere Kleinigkeiten von Josi vorbei. Ich wurde häufig gefragt, warum ich alles neu kaufte und nicht einfach Bilder und Möbel von zu Hause nähme, wie es die anderen Angehörigen auch machten. Ich handelte wie immer aus dem Bauchgefühl heraus und glaubte, meinen Mann so gut zu kennen, dass er den Braten sofort riechen und fragen würde, was sein Sessel oder seine Bilder hier zu suchen hätten, ob ich ihn abschieben wolle und ob das hier ein Altenheim sei. Mit einer neuen Möblierung würde er mir leichter abnehmen, dass er in der Reha sei und hoffentlich sein neues Zuhause akzeptieren und nicht den Wunsch haben, gleich wieder ausziehen zu wollen. Ich kam meist um die Mittagszeit und es beruhigte mich kolossal, dass der große Tisch mit einer weißen Decke eingedeckt war, Blumen und Kerzen darauf standen, das Essen appetitlich und angenehm roch und mich manchmal ein köstlicher Duft von frisch gebackenem Kuchen empfing, wenn ich zur Tür reinkam. In anderen Heimen, die ich zuvor besichtigte, hatten mich immer die unangenehmen Gerüche irritiert, einer der vielen Gründe, warum ich so einen Horror davor hatte, Josi in solch einer Umgebung zu wissen.
Dann kam der Tag X, es war der 11. Juni 2015, ein Datum, was ich so schnell nicht mehr vergessen würde. Josi sollte mit einem Shuttle-Service von der Klinik ins Heim gebracht werden und dort gegen 14.00 Uhr eintreffen. Ich war natürlich bereits um 13.00 Uhr dort, aber mein Liebling war bereits da. Er lag in seinem Zimmer auf dem Bett und sagte bei meinem Anblick: „Ach, da bist Du ja!“ Ich küsste ihn, packte seine Sachen aus und sagte: „Mach du ruhig ein kleines Mittagsschläfchen, ich warte draußen im Garten auf dich.“
Eine halbe Stunde später stand er in der Tür und blickte sich suchend um. Ich lief ihm entgegen und fragte ihn: „Möchtest Du Dir mal alles ansehen?“ Natürlich wollte er und so wanderten wir Arm in Arm durch den Garten und schauten uns die schönen Blumen und Hochbeete an, die mit Obst und Kräutern bepflanzt waren. Nach ein paar Minuten setzten wir uns in zwei Sessel, die unter einem Sonnenschirm standen. Josi fragte mich: „Warum darf ich nicht nach Hause?“ Mein Herz stolperte, ich schluckte und antwortete mit belegter Zunge: „Weil du dich hier in der Reha erst einmal erholen musst von dem doofen Krankenhaus.“ Er nickte und stellte dann fest, dass die Flugzeuge ziemlich niedrig und nah an uns vorbeiflogen. Mich interessierte, ob er eine Idee hatte, an welchem Ort er eigentlich war und deshalb fragte ich ihn, ob die Fahrt vom Krankenhaus lang gewesen wäre. „Weiß nicht,“ antwortete Josi, „ich glaube so ein bis zwei Stunden.“ Irgendwie war ich erleichtert, dass er die Orientierung verloren hatte, denn er war maximal eine halbe Stunde mit dem Auto unterwegs gewesen. Jetzt hatte ich ihn zum ersten Mal in unserem gemeinsamen Leben angeschwindelt und mir war alles andere als wohl bei dieser Notlüge. Trotzdem würde ich auch in nächster Zeit bei der Version der Reha bleiben müssen, in der Hoffnung, dass er sich gut einleben und wohlfühlen würde.
(Tipp Nr. 57: Hoffentlich sind Notlügen erlaubt.)

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