58. Ein Tränenmeer

Später versammelten sich die Bewohner aus allen drei Wohngemeinschaften um zwei große Kaffeetafeln, die direkt vor dem Haus auf der Terrasse eingedeckt waren. Die meisten Menschen waren geistig und körperlich schwer behindert, einige saßen in großen Rollstühlen, eine alte Dame lag in einem Bett und schrie die ganze Zeit, eine andere sang ohne Punkt und Komma. Drumherum wuselte eine Heerschar von freundlichen Pflegekräften, die sich mit Engelsgeduld um alle und alles kümmerte. Mir wurde mulmig und für eine Sekunde trug ich mich mit Fluchtgedanken. Voller Angst fragte ich mich, wie wohl Josi an seinem ersten Tag auf seine Mitbewohner reagieren würde. Wir wurden von einer Betreuerin zu Tisch gebeten, denn sie wollte uns vorstellen. An diesem ersten Nachmittag wäre ich lieber mit meinem Mann noch ein wenig alleine geblieben und hätte es langsamer angehen lassen. Da ich allerdings schwerlich aus dieser Nummer rauskam, nahm ich meinen Liebling an die Hand und er folgte mir zögerlich zum Tisch mit den vielen fremden Menschen. Wir wurden natürlich neugierig beäugt. Die Betreuerin verteilte immer noch in aller Seelenruhe Servietten und Tassen und ich wollte ihr helfen, damit es etwas schneller ging, aber auch, um mich ein wenig abzulenken. Josi packte jedoch mit festem Griff meinen Arm und zog mich zurück auf den Stuhl. „Lass das,“ zischte er mir wütend zu, „wir werden hier bedient.“
„Lass mich sofort los, Du tust mir weh,“ zischte ich zurück. Vor Schmerz, Wut und Traurigkeit kullerten die ersten Tränen. Schnell wischte ich sie weg und setzte die Sonnenbrille auf. Unser Name wurde genannt und dann wurde uns jeder einzelne Mitbewohner mit kurzem Lebenslauf vorgestellt. Plötzlich stand Josi auf, gab seiner Tischnachbarin die Hand, verbeugte sich und nannte seinen Namen, ebenso begrüßte er alle anderen. Er benahm sich wie ein formvollendeter Gentleman und ich war gerührt und gleichzeitig entzückt, dass er seine Mitmenschen um sich herum so positiv wahrnahm, als wären sie alle gemeinsam zur Sommerfrische in einem schönen Hotel.
Um meine Fassung war es allerdings jetzt geschehen und ich konnte meine Tränen nicht länger unterdrücken. Ich weinte vor Erleichterung, dass mein Mann die Menschen so annahm, wie sie waren und er nicht herum zeterte, dass er sofort nach Hause wollte. Ich weinte vor Trauer, dass wir am endgültigen Punkt angekommen waren, an dem ich nie ankommen wollte. Ich weinte aus Mitleid über die Menschen, die so krank waren. Ich weinte über den Verlust meiner Ehe, die natürlich schon lange keine mehr war, ich weinte aus Angst und Verzweiflung vor der ungewissen Zukunft und ich weinte vor lauter Erschöpfung.
Ich gab meinem Mann noch schnell einen Kuss und überließ ihm sein Schicksal und seinem Kuchen, der ihn glücklicherweise mittlerweile weit mehr interessierte. Eine heulende Ehefrau konnte dort nichts mehr richten und ich setzte mich ins Auto und fuhr immer noch laut schluchzend nach Hause.
Es war, als hätte jemand in meinem Kopf eine Schleuse geöffnet und dabei vergessen, beizeiten den Hahn wieder zuzudrehen. Meine Mutter rief an, ich konnte nicht reden, nur weinen und versprach, mich später zu melden. Die Töchter riefen an, Josis Bruder rief an und alle waren natürlich in heller Aufregung, weil sie glaubten, dass mein Mann Theater gemacht und nach Hause gewollt hätte. Nein, der liebe Josi war ganz brav gewesen, ich war diejenige, die den Terror machte. Im Laufe des Abends beruhigte ich mich und nach einem langen und guten Gespräch mit meinem Sohn, konnte ich am Ende des Tages sogar schon wieder ein wenig lachen. Ich hatte den Wasserkrug ausgeleert und für den Moment waren die Tränen versiegt. Beim Einschlafen geisterte nur der Name Josi durch meinen Kopf und die Fragen, wie er die Nacht verbringen würde, ob es die richtige Entscheidung war, ihn in eine betreute Einrichtung zu geben und wie er am nächsten Tag wohl drauf sein würde?
Am nächsten Tag fand ich Josi ganz aufgekratzt vor und es duftete verlockend nach frisch gebackenem Kuchen. Nach dem gemeinsamen Kaffeetrinken mit seinen Mitbewohnern gingen wir in den Garten und suchten uns ein schattiges Plätzchen. Er wirkte zufrieden und ruhig und es kam kein „ich will jetzt nach Hause“ oder ein „wo bin ich hier?“ über seine Lippen. Im Gegenteil war er daran interessiert, wem das alles hier gehörte und er fragte mich tatsächlich, wer wohl der Träger von allem sei? Ich ging ernsthaft darauf ein und antwortete: „Die Einrichtung gehört zur Fliedner-Gruppe und Du wirst Dich prächtig erholen.“ Damit gab er sich zufrieden und wir saßen einfach nebeneinander und sagten nichts, sondern lächelten uns höchstens zwischendurch einmal an. Schließlich döste Josi ein und ich genoss den Moment des Friedens und der Erleichterung. Später brachte ich ihn in sein Zimmer, weil er sich hinlegen wollte. Wir küssten uns und zum Abschied und er sagte wie immer: „Ich liebe dich so sehr!“
(Tipp Nr. 58: Weinen befreit.)

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