59. Josi kommt zur Ruhe

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Nachdem ich mich von Josi verabschiedet hatte, schwätzte ich noch ein wenig mit den Schwestern und sie erzählten mir, dass am Abend zuvor gegrillt worden war und Josi mit Appetit zwei Würstchen verspeist und ein Malzbier getrunken hätte. Da wunderte es mich nicht mehr, dass er sich so wohl fühlte und so gut drauf war. Außerdem erfuhr ich noch, dass er gut geschlafen hatte. Die Klinik hatte wirklich ganze Arbeit geleistet und ich war begeistert. Ich kann diese positive Erfahrung nur an Euch weitergeben. Scheut Euch also nicht, Eure Liebsten mal ein paar Wochen in professionelle Hände zu geben, denn wenn die Medikation richtige ausbalanciert ist, kann ein kleines Wunder geschehen. Wenn ich noch an die letzten Monate mit den schlaflosen Nächten zurück dachte, wurde mir ganz anders. Mein Mann schien zumindest für den Moment, endlich einmal ein wenig zur Ruhe gekommen zu sein. Beschwingten Fußes eilte ich nach Hause und freute mich auf das Wochenende, wenn meine ältesten Freunde aus Hamburg zu Besuch kommen würden.

Josi sagt: „Ich spüre Dich.“

Ich nahm das erste Mal in meinem Leben an einem Angehörigentreffen teil, was alle sechs Wochen stattfindet. Wir waren eine kleine Runde von acht Personen und bekamen Kaffee und Kuchen. Es war nur ein Mann anwesend und ich erfuhr, dass seine Frau schon über sieben Jahre in der Einrichtung lebte. Wir stellten uns alle einzeln vor und es zerbrach mir fast das Herz, als ich von den persönlichen Schicksalen erfuhr. Da wir uns in Zukunft öfters begegnen würden war es gut, ein wenig die Hintergrundgeschichten der Menschen zu kennen und ich fühlte mich mit meinem eigenen Elend nicht mehr so alleine. Auch die Sozialdienstleiterin war anwesend, tröstete, sprach uns Mut zu, verstand unsere Ängste und Zweifel und erklärte uns Situationen, mit denen wir überfordert waren. So ein Angehörigentreffen ist eine wunderbare Idee und es ist sehr empfehlenswert daran teilzunehmen, denn nach einigen Stunden geht man etwas klüger geworden nach Hause.
Josi schlief auch in seinem neuen Zuhause sehr viel. Ich hatte mir angewöhnt, zu sehr unterschiedlichen Zeiten bei ihm aufzukreuzen, um möglichst das gesamte Pflegepersonal und auch den Tagesablauf besser kennen zu lernen und es funktionierte hervorragend. Später verbrachte ich meist die Nachmittage mit meinem Mann. Gleich zu Beginn erfuhr ich, dass Josi als sehr differenzierte Persönlichkeit wahrgenommen wurde und man darauf Rücksicht nahm. Ich hatte im Vorfeld eine lange Liste seiner Befindlichkeiten, Vorlieben und Abneigungen gemacht und ich hatte ein gutes Gefühl, als sich die Stationsschwester fast eine Stunde lang Zeit nahm, um mit mir jeden einzelnen Punkt durchzugehen. Keiner durfte meinem Liebling zu nahe auf die Pelle rücken, dann wurde er frech, aber das hatten mittlerweile alle schon selber herausgefunden und sie hielten sich daran und ließen ihn in Ruhe. Meist konnte das Pflegepersonal ihn überreden, an den gemeinsamen Mahlzeiten teilzunehmen und er hatte bei Tisch schon einen Stammplatz. Hatte er aber keinen Appetit oder wollte lieber schlafen, dann war es auch gut und er bekam sein Essen eben später. Ich konnte mir kaum vorstellen, dass diese Rücksichtnahme auf einer Station mit bis zu dreißig Bewohnern möglich wäre und ich war ein weiteres Mal dankbar, dass Josi in einer kleinen Wohneinheit mit maximal zwölf Mitbewohnern lebte.
(Tipp Nr. 59: Auf neue Gegebenheiten einlassen und sich nicht verschließen.)

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