60. Alarm am Arm

Seit neuestem trug mein Mann ein Band am Handgelenk und wenn man nicht so genau hinschaute glaubte man, es wäre eine Uhr. Josi war wohl das ein oder andere Mal zum Haupteingang hinausmarschiert. Ich glaube nicht, dass er die Absicht hatte wegzulaufen, aber ein wenig neugierig die Umgebung zu inspizieren, das passte schon zu ihm. Die Pflegekräfte sahen das allerdings zwangsläufig etwas anders und da sie nicht 24 Stunden am Tag ihre Schützlinge im Auge behalten können und es sich bei dieser Einrichtung nicht um eine geschlossene handelte, bekam Josi eben jetzt eine kleine Alarmanlage verpasst die sich meldete, sobald er zur Tür hinausging. Ihn störte das Ding am Arm anfänglich sehr, aber irgendwann hatte er sich daran gewöhnt.
Ein kleines Übel war, dass immer wieder seine Wäsche verschwand, obwohl an mehreren Stellen in seinem Zimmer große Zettel hingen auf denen stand, dass die Wäsche privat gewaschen wird. Ich hoffte, dass sich das Pflegepersonal im Laufe der Zeit daran gewöhnte, die gesamte Schmutzwäsche in den dafür bereitgestellten Korb zu schmeißen und dass die Sachen nicht weiterhin irgendwo in den unendlichen Weiten der Großwäscherei auf Nimmerwiedersehen verschwinden würden, obwohl zusätzlich in seiner gesamten Bekleidung sein Name eingenäht war.

Josi sagt: „Ruf mich mal an.“

Die Tage kam ich am Nachmittag und fand einen völlig geknickten und deprimierten Josi vor, der mit gesenktem Kopf vor seiner Kaffeetasse saß. Ich eilte zu ihm und wollte sofort wissen, was los sei. „Ich muss gehen,“ sagte er. „Wer sagt das denn?“ fragte ich. Mein Mann zeigte mit dem Kopf in Richtung einer sehr hübschen Schwester. „Frag die da,“ sagte er, „ich habe schon alles gepackt.“ Ich sprach die Pflegerin an und wir gingen zusammen in Josis Zimmer, wo tatsächlich seine vollgestopfte Reisetasche stand. Obendrauf lag traurig der kleine Pumuckl mit seinen roten Haaren. Die Schwester hatte keine Idee, wie er darauf gekommen war, das Haus verlassen zu müssen. Sie sagte: „ Sicherlich hat er irgendetwas falsch verstanden.“ Wir gingen zurück zu ihm und redeten tröstend und beruhigend auf meinen Mann ein. Schließlich ließ er sich davon überzeugen, dass alles nur ein Irrtum war. Er wirkte erleichtert und war einverstanden, dass ich alles wieder auspackte.
Einen Tag später schaffte ich es nicht, Josi aus seinem Bett zu locken. Wie so oft setzte ich mich in seinen Rollstuhl, rollte neben ihn, streichelte ihn und gab ihm ein paar Küsschen auf die Wange. Trotzdem bekam ich ihn nicht richtig wach und so sagte ich schließlich: „Mach endlich die Äugelchen auf, Du kleiner Penner, sonst siehst Du mich ja gar nicht.“ Im Halbschlaf und leicht grinsend antwortete er: „Ich spüre Dich aber.“ Wenn er einfach weiter schlief, blieb ich meist noch eine halbe Stunde bei ihm sitzen und fuhr dann wieder nach Hause.
(Tipp Nr. 60: Kleinere Übel weglachen.)

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