61. Reizende Mitbewohner

Außer Josi gehörte noch ein weiterer Mann zur Wohngemeinschaft, aber er saß in einem Rollstuhl und konnte nicht mehr sprechen. Er sah vornehm und immer gepflegt aus. Auch seine Arme konnte er nicht mehr bewegen und er bekam deshalb alle Mahlzeiten angereicht und ich war entzückt, wie liebevoll das Pflegepersonal mit ihm umging. Manchmal liefen ihm die Tränen aus den Augen und der Anblick war kaum zu ertragen und ich kniff mir dann ganz feste in meine Hand, um nicht mit zu weinen. Mich faszinierte auch, wie sehr das Pflegepersonal darauf achtete, dass ihre Schützlinge ausreichend tranken. Wir hatten kaum irgendwo Platz genommen, da hatten wir schon zack ein Glas Wasser, Tee oder Limonade vor unserer Nase stehen. Oft saß die ganze Truppe am großen Esstisch in der Wohnküche. Gesprochen wurde nicht, meist starrte jeder vor sich hin. Eine Mitbewohnerin, Frau von Zack, sang den ganzen Tag mit kräftiger Stimme. Wenn sie eine Zeitschrift in die Hände bekam, las sie uns nicht vor, sie sang uns vor, Zeile für Zeile und Seite für Seite. Manchmal war das für alles Anwesenden etwas nervig und dann wurde sie schon einmal nach nebenan ins Wohnzimmer verbracht, oder Josi und ich flüchteten in sein Zimmer oder in den Garten. Eine weitere Dame, Frau Schulz, hatte die Angewohnheit, immer weiter nach unten aus ihrem Sessel herauszurutschen und jeder, der an ihr vorbeiging, zog sie wieder nach oben. Sie hatte die schönsten blauen Augen, die ich je gesehen hatte und ein feines, zartes Gesicht. Manchmal schaute sie mich an und dann grinste ich, als wenn es keinen Morgen mehr gäbe und die schönste Belohnung war, wenn sie zaghaft zurück lächelte. Es gelang nicht immer, aber ich blieb täglich dran.

Josi sagt: „ Endlich bist Du da.“

Von einer weiteren Mitbewohnerin glaubte Josi lange, dass sie ein Mann sei. Sie hatte sehr kurz geschnittene, graue Haare, einen mürrischen Gesichtsausdruck und meist rannte sie im Garten herum und rauchte. Sie wechselte ab und an ein paar Worte mit dem Pflegepersonal und machte sich ansonsten mit einer Engländerin, die sehr gut Deutsch sprach, über die Mitbewohner lustig und regte sich über deren Unzulänglichkeiten und Angewohnheiten auf und verdrehte theatralisch die Augen, wenn mal wieder ein Stück Kuchen auf die Erde fiel. Ich musste mich dann immer beherrschen, nicht giftig zu werden, aber da ich regelmäßig mit allen zusammen Kaffee trank, bekam ich zwangsläufig einiges mit.
In unserer Wohngemeinschaft lebten mehr Menschen mit weniger dramatischen Handicaps, als auf den zwei weiteren Stationen. Wenn schönes Wetter war, wurden die Bewohner der anderen Etagen in den Garten verbracht und dort mit Ballspielen oder Musik beschäftigt. Neunzig Prozent von ihnen saßen in großen Rollstühlen, da sie neben der Demenz noch weitere Erkrankungen hatten und auf rund-um-die-Uhr-Betreuung angewiesen waren. Besonders ins Herz geschlossen hatte ich Karlchen und seine Frau. Karlchen saß auch in einem großen Rollstuhl und sah immer extrem adrett und gepflegt aus und seine Frau war jeden Nachmittag für mehrere Stunden bei ihm. Sie war eine kleine, hübsche Frau in den Fünfzigern, die gerne viel lachte und es machte Spaß, sich mit ihr zu unterhalten. Ab und zu jammerten wir uns gegenseitig etwas vor und das tat richtig gut. Man könnte nur jedem kranken Menschen wünschen, so einen Partner wie sie, an der Seite zu haben.
(Tipp Nr. 61: Von anderen Menschen lernen.)

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