62. Kahlschlag

Bei den gemeinsamen Nachmittagen im Garten konnte ich beobachten, wie liebevoll und fürsorglich das Pflegepersonal mit allen Schützlingen umging und ich bewunderte ihre Geduld immer wieder aufs Neue. Wenn die Sonne zu sehr schien, bekamen alle Hüte, Kappen und Schirmmützen aufgesetzt und einmal musste ich laut lachen, als sie unserer Sängerin einen Cowboyhut aufsetzten und vorne und hinten die Krempe hochklappten, so dass sie ausschaute, wie aus einem Westernfilm entsprungen. Dabei lachte sie fröhlich und pfefferte ihrer Betreuerin die Bälle mit so viel Schwung zurück, dass diese fast nach hinten kippte. Wenn ich zu Besuch war, hatte Josi natürlich keine Lust, bei diesen Spielen mitzumachen, aber er verriet mir, dass auch er den Ball zurück pfeffern würde, also hatte er schon ab und zu mitgemacht.
Eine Angehörige erzählte mir, dass sie meinen Mann bei einem Ratespiel, wahrscheinlich war es Stadt, Land, Fluss, beobachtet hatte und er habe alles und zwar ausnahmslos alles gewusst und sie hatte sich schon gefragt, was er in diesem Haus überhaupt zu suchen hätte. Ach ja, wenn er jeden Tag so gut drauf wäre, bräuchte er ganz sicherlich nicht in einer betreuten Einrichtung zu leben.

Josi sagt: „Will nicht tanzen.“

Kürzlich muss er splitterfasernackt zum Frühstück erschienen sein, wie mir eine Schwester leise kichernd erzählte. Den Gesichtsausdruck der anwesenden Damen hätte ich nur zu gerne heimlich beobachtet. Trotz fröhlicher Episoden erfassten mich immer wieder Wellen des Zweifels, ob es die richtige Entscheidung gewesen war, Josi in einer Pflegeeinrichtung untergebracht zu haben. Kurzfristig konnte ich mich damit trösten, dass er viel zufriedener und ruhiger wirkte, als zu Hause und hier wie da machte er nichts anderes, als den lieben langen Tag zu essen, zu schlafen, rumzusitzen und nicht zu sprechen. Wenn ich ihm erzählte, dass der Kardiologe mit meinem Herzen sehr zufrieden gewesen war oder ich eine Biopsie hinter mich gebracht hatte, nahm er das so gelassen und teilnahmslos auf, als hätte er von mir gehört, dass ich Hemden gebügelt hatte oder schwimmen war. Auch wenn er keine Reaktionen zeigte, quasselte ich immer wieder munter auf ihn ein und berichtete ihm alle Neuigkeiten, so wie ich das seit dreißig Jahren machte.
Josi war noch nicht ganz drei Wochen im Heim, da gab es das große Sommerfest für die Bewohner, Familien und Freunde. Als ich am frühen Nachmittag bei Josi eintraf, wurden gerade die letzten Damen fein gemacht und ich kam aus dem Staunen nicht mehr raus, welch eine Mühe sich das Pflegepersonal gemacht hatte. Sie hatten die alten Ladies dezent geschminkt, die Nägel lackiert, ihnen schicke Frisuren gezaubert und hübsche Kleider angezogen. Auch die Herren der Schöpfung mussten dran glauben. Sie trugen Hemden und Jacketts, waren frisch rasiert und die Haare kurz geschnitten. Leider waren bei dieser Gelegenheit auch Josis Augenbrauen gestutzt worden, obwohl ich im Vorfeld darauf hingewiesen und es ausdrücklich verboten hatte, sie jemals anzufassen. Die buschigen Augenbrauen waren das markante Markenzeichen meines Mannes gewesen und in seinem ganzen Leben durfte ihnen niemand mit einer Schere zu Leibe rücken. Ich wusste natürlich sofort, wer die Missetäterin gewesen war, da ich aber diese Person sehr schätzte und sie ansonsten die gute Fee der Wohngruppe war, stürzte ich mich nicht gleich auf sie, um sie durch den Fleischwolf zu drehen, weil ich ihr das Fest nicht verderben wollte. Ich war allerdings furchtbar traurig, weil Josi so verändert aussah und das war kein guter Start für ein schönes Sommerfest. Mit einem Kloß im Hals nahm ich meinen Liebling an die Hand und folgte den anderen in den Saal. Leider gab es eine Tischordnung und wir hatten nur sprachlose Bewohner und keine Angehörigen bei uns sitzen, so dass ich mich mit niemandem unterhalten konnte. Die Sängerin sang, zum Glück nur sehr leise, die eine Dame rutschte wie immer, fast vom Stuhl und die dritte versuchte ständig aufzustehen und wegzugehen.
Josi interessierte sich nur für seinen Kuchen und war damit beschäftigt, kleine Bröckchen in seinen Mund zu befördern. Immer mehr Menschen in Rollstühlen wurden in den Saal geschoben und ich war ein wenig erleichtert als ich sah, dass wenigstens Karlchen mit seiner Frau am Nachbartisch saß. Vielleicht könnten wir uns später zu ihnen setzen. Sechs hübsche Flamenco-Tänzerinnen betraten die Bühne, sie waren eine Augenweide und es wurde rhythmisch geklatscht und gesteppt. Mein Mann klatschte eifrig mit, war ganz begeistert und lachte sogar laut und ausgelassen. Anstatt mich mitzufreuen, fing ich ganz plötzlich und aus heiterem Himmel an zu weinen. Mich berührten die ganzen kranken und alten Menschen um mich herum, so viel Leid und Elend und mitten drin mein fröhliches Josi, der nicht mehr wusste, wo er war, wer er war und was er einmal gewesen war. Je mehr ich versuchte, mich zusammenzunehmen, desto mehr liefen Tränen. Ich schimpfte mich insgeheim eine dumme Gans, aber es half nichts, also Sonnenbrille auf und erst einmal kurz raus. Draußen vor der Tür wurde gerade ein großes Buffet aufgebaut. Das Pflegepersonal hatte sich eine wahnsinnige Mühe gemacht und diverse Salate selber gezaubert. Auf dem Grill lagen schon die ersten Würstchen, Steaks und Koteletts und es roch verführerisch. Zum Glück rief mich im gleichen Moment ein Freund auf dem Handy an, er war meine Rettung. Wir quatschten einen Augenblick über irgendwelche Belanglosigkeiten und ich konnte mich wieder fangen und meine Tränen trocknen.
(Tipp Nr. 62: Ausschau nach Ablenkungsmanövern halten.)

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