63. Josi hält die Fassade aufrecht

Im Saal wurde mittlerweile das Tanzbein geschwungen und Josi hopste fröhlich mit, obwohl er noch vor eine halben Stunde gesagt hatte: „Will nicht tanzen.“ Vor Rührung hätte ich am liebsten schon wieder geheult, bemerkte aber glücklicherweise, dass an Karlchens Tisch zwei Plätze frei geworden waren und ich gesellte mich zum ihm und seiner Frau und die Situation war für das Erste gerettet. Ich schwor mir, nie wieder ohne Begleitung zu solch einem Fest zu gehen und spätestens zu St. Martin oder im Advent würde eines der Kinder daran glauben müssen.
Später saß ich mit Josi draußen und organisierte uns zwei kühle Cocktails an der Bar. Mein Mann bekam einen alkoholfreien und ich einen mit einem Schuss Wodka, der wunderbar meine Nerven beruhigte. Da Josi Fleisch liebte und überhaupt alles, was vom Grill kam, war er überaus glücklich. Leider hatten wir nur eine einzige Dame am Tisch sitzen, die grimmig guckte und kein Wort sprach. Am Rande bekam ich mit, dass sie eine Angehörige war, deren Mann schwer erkrankt oder verstorben war. Natürlich darf man sich dann so benehmen und zum Glück hatte es ihr, im Gegensatz zu mir, nicht den Appetit verschlagen.
Nach dem ganzen Trubel des nachmittags und dem leckeren Essen wurde Josi sehr müde und wollte nur noch ins Bett. Dieses Mal hatte ich nichts dagegen, im Gegenteil bekam ich so einen Grund, mich davon zu schleichen. Falls wir das nächste Sommerfest noch erleben dürfen, würde es mir sicherlich leichter fallen, fröhlich mitzufeiern, weil ich mich an alles gewöhnt hätte und auch mehr Leute kennen würde.

Josi sagt: „Jetzt machen wir mal Urlaub.“

Am nächsten Tag schnappte ich mir die „Augenbrauenverstümmlerin“ und nahm sie tüchtig ins Gebet. Erst sagte sie: „er hat aber zugestimmt.“ Darauf erwiderte ich: „Wenn mein Mann noch alles wüsste wovon er spricht, wäre er ja nicht hier und ich habe es ihnen schließlich nicht umsonst vorher erklärt.“ Da wurde sie dann doch ganz zerknirscht und versprach mir, die „heiligen Teile“ nie, nie wieder anzufassen. Als die Kinder ihren Vater das nächste Mal sahen, waren sie relativ erleichtert, denn ich hatte ihnen schluchzend etwas von einem gerupften Hahn erzählt und sie glaubten natürlich, dass die Augenbrauen komplett abrasiert worden seien. Ich nahm mir vor, ein wenig an meinem Hang zur Theatralik zu arbeiten.
Josi erzählte den Pflegern, dass er noch berufstätig sei und jetzt gerade Urlaub machte. Er hielt seine Fassade aufrecht und für mich war das völlig in Ordnung, solange er sich wohl fühlte und nicht den Drang verspürte, unbedingt nach Hause zu wollen. Ein paar Tage lang verlief alles friedlich und harmonisch und ich wähnte mich in Sicherheit, ein Trugschluss, wie ich nur wenig später bei meinem nächsten Besuch erleben durfte. Ich kam ins Zimmer und dachte, mich trifft der Schlag. Josi war aus seinem Sessel aufgesprungen und sagte: „Da bist Du ja endlich, das wurde ja auch Zeit, aber jetzt können wir gehen, ich habe schon alles gepackt.“ Tatsächlich war der Schrank komplett leergeräumt und die Reisetasche gepackt. Ich kam ins Schleudern, erinnerte mich aber dann schnell an das, was ich zwischenzeitlich gelernt hatte, holte also tief Luft und nahm meinen Mann erst einmal in den Arm, dann grinste ich ihn an und sagte: „Wie wäre es, wenn wir vorher noch einen Kaffee trinken, dann können wir in Ruhe überlegen, ob es eine gute Idee ist, jetzt schon abzureisen.“ Der Trick funktionierte und Josi ging mit mir in die Wohnküche und ließ sich Kaffee und Kuchen schmecken, während ich leise auf ihn einredete. Nach einem kleinen Spaziergang im Garten war das Thema „nach Hause gehen“ erst einmal erledigt, weil Josi müde wurde und sich hinlegen wollte. Er war damit einverstanden, vorerst hier zu bleiben, bis er wieder richtig fit wäre und ich durfte seine Sachen auspacken und in den Schrank räumen.
(Tipp Nr. 63: Auf gelernte Tricks zurückgreifen.)

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