64. Josis Zauberwelt

Ich war trotzdem am Boden zerstört und heulte mir mal wieder auf dem Rückweg die Augen aus dem Kopf. Mit den geflossenen Tränen der letzten Monate konnte ich mittlerweile Dutzende von Badewannen füllen. Was für eine vertrackte Situation. Ich hätte Josi so gerne zu Hause. Er sollte eigentlich dort leben, wo er hingehörte und ich wollte nicht, dass er irgendwo war, wo er nicht sein wollte. So eine beschissene Krankheit. Langsam hatte ich das Gefühl, dass die ganze Welt an Demenz leidet. Wo man auch hinhörte, es wurden in diesem Zusammenhang immer wieder die gleichen Probleme erwähnt: Unruhe, Rennerei, Rastlosigkeit, Aggressivität, Schlaflosigkeit, Müdigkeit, Orientierungslosigkeit, Weg- und Hinlauftendenzen, kein Wunder, ich würde aus dieser Zauberwelt auch gerne wegrennen wollen. Mir brach es täglich das Herz, Josi inmitten kranker, alter Menschen zu sehen, die sich am Nachmittag Ballons zuwarfen oder Zittermusik anhörten. Ich redete mir immer wieder gut zu und zwang mich, auch einen Blick auf die Kehrseite der Medaille zu werfen. Denn Zuhause würden wir zwangsläufig alle schnell wieder nach seiner Pfeife tanzen müssen, weil es anders nicht zu regeln wäre. Im Heim gab es festere Strukturen, einen gleichbleibenden Rhythmus und immer etwa zu gucken. Er musste nicht selber aktiv werden, hatte aber die Möglichkeit, andere beobachten zu können und war dadurch abgelenkt und weniger gelangweilt, hatte aber trotzdem seinen Rückzugsort.

Josi sagt: „Lass das!“

Nach diesem Vorfall „ich will nach Hause“, wurde mir sehr deutlich klar, dass mein Mann immer wieder das Verlangen spüren würde, das Heim verlassen zu wollen. Ich durfte nicht mehr so naiv sein und glauben, dass er es jemals komplett vergessen würde, dass es da noch etwas gab, wo er eigentlich hätte sein sollen. Ich fragte mich, wie er beispielsweise reagieren würde, wenn ich ihn auf einen Kaffee mit nach Hause nähme. Gäbe es Probleme beim Abschied, würde er sich weigern, zurück ins Heim zu gehen? Ehrlich gesagt, traute ich mich nicht, es darauf ankommen zu lassen und ich hatte nicht den Mut, mich dieser Herausforderung zu stellen. Viele „Experten“ sagen ja auch, dass es nicht gut sei, die Angehörigen täglich zu besuchen. Ihr Argument: Man würde ihnen die Möglichkeit nehmen, sich einzuleben. Wenn ich mich danach richten würde, hätte ich bislang alles falsch gemacht, aber sei es drum, letztendlich konnte ich nur das machen, was mir mein Bauchgefühl flüsterte, und damit hatte ich Zeit meines Lebens eigentlich immer richtig gelegen.
Manche Mitbewohner von Josi bekamen nie oder nur sehr selten Besuch von ihrer Familie und wenn dann mal jemand kam, wurde meist ein großes Bohei um die alten Leutchen gemacht, so als wollten sie mit ihrer übertriebenen Fürsorge ihr schlechtes Gewissen beruhigen. Dann fielen beim Kaffeetrinken schon einmal Sätze wie: „Mutti, jetzt trink doch mal dein Glas aus, du weißt doch, wie wichtig Flüssigkeit für dich ist,“ oder „Mutti, du musst nicht mit der Sahne rum schmieren, das gehört sich nicht und setze dich gerade hin, du fällst ja gleich vom Stuhl,“ oder „Papa, wenn du sprichst, sollst du mich angucken,“ und dann wurde kräftig zugepackt und das Gesicht in die richtige Richtung gedreht. Ich würde diese Verwandten am liebsten gegen das Schienbein treten, aber das tue ich natürlich nicht, sondern grinse lieber meinen eigenen Liebling an und verdrehe die Augen. Er beobachtet solche Szenen auch sehr genau und verdreht dann ebenfalls seine Augen und grinst fröhlich zurück. Manchmal sagt er aber auch ganz laut: „Ist das ein dummer Arsch,“ und dann vergeht mir natürlich das Lachen. Nicht lustig war auch, wenn ich mal das Pflegepersonal bei einer Handreichung unterstützen wollte, dann fauchte Josi mich an: „Lass das, bleib sitzen, das wird hier alles vom Personal gemacht, das geht dich nichts an.“
Ein paar Tage später war ich erst um 15.30 Uhr bei meinem Mann. Er hatte extra auf mich gewartet, um mit mir gemeinsam Kaffee zu trinken und als ich nicht pünktlich da war, hat er mir ein Stück Kuchen zurückstellen lassen. Als wir in seinem Zimmer waren fragte er wieder, wie lange er noch bleiben müsste und ich kam mir wie eine Verräterin vor, als ich erneut erwiderte: „Bis du wieder ganz fit bist!“ Ich litt und war ziemlich verzweifelt. Eines Abend ging das Telefon und Josi war dran und sagte mir, dass er am nächsten Tag sehr viel mit mir zu besprechen habe. Tatsächlich wusste er am darauffolgenden Nachmittag noch, dass ich ihm sagen sollte, wann er endlich nach Hause dürfe. Die obligatorische Antwort folgte und ich versprach ihm, später noch einmal anzurufen. Also hing ich mich um 19.00 Uhr ans Telefon, aber Josi lag schon im Bett und wusste gar nicht, was ich von ihm wollte. Immerhin konnte ich nach diesem Kurzgespräch besser schlafen. Mittlerweile weiß ich, dass es manchmal nur Kleinigkeiten waren, die ihn störten oder irritierten und die als Folge das Heimweh auslösten. Lief alles rund, dann kam das Gefühl erst gar nicht auf. Die Sozialdienstleiterin hatte mir das so erklärt und später konnte ich beobachten, dass sie absolut recht hatte.
(Tipp Nr. 64: Immer und immer wieder in Geduld üben.)

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