65. Josi macht einen Ausflug

Frau P. besuchte meinen Mann und er fragte sie sofort, ob alles seine Ordnung habe? Sie hatte ihn nicht nur lange mit betreut, sondern auch unsere Steuerunterlagen vorsortiert und Josi hatte das bei ihrem Anblick sofort richtig zugeordnet. Wir waren begeistert, wenigstens für einen kleinen Moment.
Einmal schaffte ich es nicht, Josi zu besuchen und rief gegen Abend im Heim an. Ich erfuhr, dass er den ganzen Nachmittag zur Tür gerannt war und mit dem Taxi nach Hause wollte. Als ich mit ihm sprach, fragte er mich, ob er in Lintorf sei, das wäre ja gar nicht so weit weg. Ich konnte ihn wieder ablenken und beruhigen und auf den nächsten Tag vertrösten, trotzdem sagte er zu Abschied: „Ich bin so alleine.“ Mir war nicht klar, wer in diesem Moment mehr gelitten hat, er oder ich und ich wusste auch nicht, wie lange ich solch ein Elend überhaupt noch ertragen könnte. Zum Glück trug Josi sein Alarmgerät am Arm, denn mittlerweile würde ich nicht mehr ausschließen, dass er sich zu Fuß auf den Weg nach Hause machen würde. Ich konnte sein Heimweh so gut verstehen, und das machte die Situation nicht einfacher für mich.
Als ich am nächsten Nachmittag zu ihm kam, lag er im Bett und hatte sich eingenässt. Ich zog ihm alles aus, wusch ihn, cremte ihn ein und kleidete ihn mit frischen Sachen ein. „Tut das gut, wenn du das machst,“ kommentierte er den Vorgang. Ich war sauer, weil seine Kuscheldecke schon wieder verschwunden war, zum Glück hatte ich schon eine Ersatzdecke besorgt. Abends rief Josi wieder an und wollte nach Hause.

Josi sagt: „Keine Ahnung.“

Danach blieb die Situation für ein paar Tage entspannt und friedlich, bis ich eines morgens um kurz nach 8.00 Uhr einen Anruf aus dem Heim bekam. Es gäbe keinen Grund zur Aufregung, sagte man mir, aber man habe meinen Mann vorsichtshalber in die Klinik bringen lassen, weil er eine starke Blutung am Ohr gehabt hätte. Auf meine Frage, ob jemand mitgefahren sei, bekam ich ein „Nein“ zur Antwort und man würde sich melden, wenn es etwas Neues gäbe. Da Josi große Hautprobleme im Gesicht und auf dem Kopf hatte, kratzte er sich häufig und es entstanden kleine Wunden, die sich verschorften. Den Schorf kratzte er dann auch wieder weg und da er starke Blutverdünner bekam, blutete er teilweise sehr heftig. Ich ging davon aus, dass dies auch an seinem Ohr passiert war. Ich trank auf die Schnelle einen Kaffee, machte mich fertig und fuhr in die Klinik. Das er dort alleine unterwegs war, fand ich nicht in Ordnung. Josi war jedoch schon wieder zurückgebracht worden und ich hatte großes Glück, dass der Arzt in der Notaufnahme gerade eine Minute Zeit für mich hatte. Er hatte meinen Mann gründlich untersucht und ihn sogar röntgen lassen, aber es wäre alles ohne Befund gewesen. Er glaubte auch, dass sich Josi sein Ohr blutig gekratzt hatte. Die ausführliche Untersuchung war gemacht worden um auszuschließen, dass er gestürzt war.
Anschließend fuhr ich zu meinem Liebling, um mich mit eigenen Augen davon zu überzeugen, dass alles in Ordnung war. Josi saß fein rausgeputzt beim Frühstück und mampfte ein Brötchen. Am Ohr hatte er lediglich ein kleines Pflaster. Ich war erleichtert und neckte ihn: „Du wolltest wohl mal einen kleinen Ausflug machen, war dir anscheinend zu langweilig hier?“ Er grinste mich an und erwiderte: „Keine Ahnung.“
Danach folgten ein paar Tage voll Friede, Freude, Eierkuchen. Mittlerweile hatte ich auch keine Berührungsängste mehr mit Josis Mitbewohnern, im Gegenteil saß ich fast jeden Nachmittag zwischen ihnen am Tisch und trank mit ihnen Kaffee. Auch sie hatten sich an mich gewöhnt und augenscheinlich akzeptierten sie mich, denn es wurde mir schon mal, ohne dass ich nachfragte, Zucker oder Milch rüber geschoben.
(Tipp Nr. 65: Immer am Ball bleiben, man gewöhnt sich an alles.)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.