66. Lotti in der Endlosschleife

Als ich gerade begann, mich ein wenig zu entspannen, kam abends der nächste Anruf von Josi mit dem Befehl, sofort und auf der Stelle zu kommen, um ihn abzuholen. Ich erklärte ihm, wie müde ich sei und dass ich auf jeden Fall ja morgen bei ihm wäre. Dieses Argument zog noch immer bei ihm und trotzdem hinterfragte er noch dreimal, um wie viel Uhr ich genau käme. Im Geiste sah ich mich für den Rest meines Lebens in einer Endlosschleife: Zwei Tage Ruhe, ein Tag Terror, zwei Tage Ruhe, ein Tag Terror. In der Regel hatte Josi am nächsten Tag seinen Rückkehr-Wunsch meist schon wieder vergessen, aber es sollte noch Wochen dauern, bis ich mich an das Auf und Ab und Hin und Her gewöhnen würde. Auf jeden Fall reagierte ich schon etwas weniger panisch und das war immerhin ein Fortschritt für mich.
Eines nachmittags hatte ich großen Spaß, als ich miterleben durfte, dass Josi „kein schöner Land in dieser Zeit“ mitsang. Es geschahen in letzter Zeit Dinge mit ihm, die ich zuvor niemals für möglich gehalten hätte und ich tat erneut den Leuten Abbitte, die mir genau das vorausgesagt hatten und denen ich nicht Glauben schenken wollte. Als ich mich verabschiedete, wollte mein Mann detailliert wissen, wie ich nach Hause käme und welchen Weg ich fahren würde. Ich erklärte es ihm ganz genau und er gab sich damit zufrieden und sagte: „Ah ja, das ist ja gar nicht so weit.“ Öfters brachte er mich zur Glastür, die die Station vom Treppenhaus trennte und zum Ausgang führte und dann gab es noch ein Küsschen und Winke-Winke.

Josi sagt: „Schöne Ente.“

Ich konnte froh und dankbar sein, dass es bei der Verabschiedung kein Theater gab, wie das bei einigen Anderen der Fall war. Wenn er auch vieles vergaß, so spürte Josi allen Anschein doch, dass ich am nächsten Tag wiederkommen würde. Wir hatten uns unser gemeinsames Leben lang immer sehr vertraut und aufeinander verlassen können, vielleicht war dieses Urvertrauen bei ihm geblieben, auch wenn ich mir immer wieder schäbig vorkam, ihm nicht die komplette Wahrheit über seine Erkrankung und den Heimaufenthalt zu sagen.
Wann immer es das Wetter zuließ, gingen wir nachmittags für eine Stunde in den Garten. Lange laufen konnte Josi nicht mehr, weil ihm seine Beine so weh taten und er beim Gehen schnaufte, wie eine kleine Dampflock, so schafften wir es immerhin bis zu unserem Lieblingsplatz am Ende des Außenbereichs. Wir setzten uns dann auf unsere Lieblingsbank, die vor einer mit grünen Blättern bemalten Wand stand und windgeschützt war. Von unserem Stützpunkt aus hatten wir einen richtigen Panoramablick und es gab ständig neue Dinge zu entdecken. Links von uns, im Garten der angrenzenden Klinik, standen zwei große Apfelbäume und wir beobachteten mit Interesse, wie sich im Laufe weniger Tage die Farbe der Früchte von einem satten Grün bis hin zu einem leuchtenden Rot veränderten. Wir ärgerten uns, dass keiner die schönen Äpfel pflückte. Ich hatte mal einen stibitzt und probiert, aber er war nicht sehr schmackhaft gewesen. Trotzdem hätte man sicherlich ein gutes Kompott oder ein Mus daraus kochen, Gelee oder Marmelade machen oder sie für einen Apfelkuchen verwenden können. Sehr ernsthaft gingen wir nahezu täglich alle Varianten durch.
Ein klein wenig nach rechts versetzt schauten wir auf das zweite Gebäude des Heims. Es war wie ein Kubus gebaut und stand im krassen Gegensatz zur Klinkerfassade des Hauptgebäudes, in dem Josi untergebracht war. Hier konnte man wirklich gut erkennen, wie harmonisch sich Alt und Neu ergänzen können. Gesprächsstoff lieferte auch eine Gans aus Beton, die die Terrasse des modernen Gebäudes bewachte. Für Josi war sie eine Ente und er fand sie jeden Tag von neuem schön. Auch die Andeutung eines japanischen Klanggartens erregte immer wieder seine Aufmerksamkeit. Wenn ein leichter Wind wehte, bewegten sie die aufgehängten Elemente und wir erfreuten uns an den Klängen von Holz-, Ton- und Metallstäben oder den kleinen Glöckchen.
Auf dem Rückweg blieben wir meist vor einem Fenster stehen, dass zum Zimmer eines Bewohners gehörte. Der untere Teil des bodentiefen Fensters wurde von einem kleinen Regal eingenommen, auf dem sich eine Menge unterschiedlicher Gegenstände befanden wie eine Vase mit Seidenblumen, Glaskugeln, Spitzendeckchen, eine Puppe und ein kleiner Teddy. Ich fand es grausam, sagte das aber natürlich nicht, weil Josi alles wunderschön fand, selbst die Spitzengardine bewunderte er. In einem der ersten Heime, die ich mir seinerzeit angeguckt hatte, befand sich ein Wohnzimmer mit Möbeln aus den fünfziger Jahren und ich war entsetzt gewesen und feste davon überzeugt, dass sich mein Mann in einer solchen Umgebung niemals wohlfühlen könnte und jetzt stand er hier und konnte sich nicht sattsehen an dem ganzen Nippes. Bevor wir ins Haus zurückkehrten machten wir einen letzten Halt vor einem Betonschaf. Es schielte, sah ziemlich blöde aus, aber Josi und ich hatten unseren Spaß bei seinem Anblick und wir mussten jedes Mal darüber lachen und das war es eigentlich, worauf es letztendlich ankam.
(Tipp Nr. 66: Die schönen Augenblicke genießen.)

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