67. Josi sieht Gespenster

Josi äußerte immer noch den Wunsch, nach Hause zu wollen. Als Frau P. ihn am Sonntag besuchte, saß er ganz verschreckt auf der Bettkante und zeigte mit dem Finger auf seinen Sessel. „Dort sitzt ein fremder Mann,“ sagte er zu ihr, „der soll abhauen.“ Zum Glück kannte sich Frau P. mit solchen Situationen gut aus. Sie machte die Zimmertür weit auf und sagte zu der imaginären Figur: „gehen Sie augenblicklich weg hier.“ Dann schloss sie die Tür wieder, setzte sich selbst in den Sessel und sagte zu Josi: „So, er ist jetzt weg.“ Ihr war auch aufgefallen, wie dick mein Mann geworden war und ich schnappte mir gleich am nächsten Tag die Stationsschwester, weil ich wissen wollte, wie viel er zugenommen hatte und ob er neue Medikamente bekäme. Tatsächlich gab es fast zehn Kilogramm mehr auf der Waage und nachts bekam er zwei Mittel zum Schlafen und zur Beruhigung. Die hatte Josi schon einmal vor Jahren bekommen und als er damals auch so zunahm und gleichzeitig halluzinierte, hatte ich die Säfte einfach entsorgt. Immerhin wusste ich jetzt, wer die Übeltäter waren und regte mich ein wenig darüber auf, ob die Einnahme von dem Teufelszeug überhaupt notwenig sei. Das wusste die Schwester natürlich nicht, schließlich war der Neurologe für die Medikation zuständig. Als ich später mit Josi im Garten saß, kam sie mit dem Telefon angelaufen und sagte mir, dass mich der Neurologe gerne sprechen würde. Ich war beeindruckt, wie rasch hier die Buschtrommel funktionierte und das, obwohl es ein Mittwochnachmittag war. Der Arzt erklärte mir genau, warum mein Mann die Medikamente bekäme und zwar wegen seiner Schlafprobleme, Unruhe und Weglauftendenz und ihm war natürlich bekannt, dass der Saft zu Heißhungerattacken führte und manchmal auch zu Halluzinationen. Er würde jetzt erst einmal die Dosierung halbieren und auf Dauer vielleicht sogar ganz absetzen. Außerdem versprach er mir, mich zu benachrichtigen, wenn irgendeine Änderung anstand. So sollte es sein und ich war wieder einmal dankbar, allen Anschein nach das richtige Heim ausgeguckt zu haben.

Josi sagt: „Will meine Ruhe.“

Später gestand mir die Schwester, dass Josi in der ersten Zeit nachts ständig den Kühlschrank leer gegessen hatte. Als sie eines Morgens zwölf leere Joghurtbecher und zwölf benutzte Löffel fanden, wurde der Eisschrank ab sofort während der Nacht abgeschlossen. Auch den großen Obstteller versteckten sie, denn auch an dem hatte er sich reichlich bedient, wie an den Apfel- und Birnenresten und den Bananenschalen in der Früh unschwer erkennbar war. Als Trost wurde ihm eine kleine Ration hingestellt und gut war. Mein Mann war schon immer ein nächtlicher Eisschrank-Plünderer gewesen, aber mittlerweile kannte er kein Maß und kein Sättigungsgefühl mehr bzw. hatte nach zehn Minuten vergessen, dass er schon zwei oder mehr Joghurts oder was auch immer gegessen hatte.
Die Tage saß Josi alleine im Garten und schaute wohl etwas unglücklich aus der Wäsche und eine junge Frau vom Sozialdienst setzte sich einen Moment zu ihm und fragte ihn, wie es ihm geht. Josi antwortete: „Nicht so gut.“ Darauf hin wollte sie wissen, wann es ihm denn gut gehe? Josi erwiderte: „Wenn meine Frau bei mir ist.“ Ich musste schlucken, als sie mir den Wortwechsel schilderte, andererseits freute ich mich, dass sie es mir überhaupt erzählt hatte. So war ich auch ein wenig vorbereitet, als er mich nachmittags fragte: „Wo wohnst Du?“
Ich: „Noch immer in unserem Haus.“
Er: „Und warum darf ich dort nicht wohnen?“
Ich: „Du bist hier besser aufgehoben.“
Er: „Aha!“
Für den Moment war das Thema erledigt, aber schon am nächsten Tag fragte er wieder, wie lange er noch bleiben müsste? Josis Stimmungen waren nach wie vor sehr wechselhaft, an einem Vormittag herrschte er die Schwester, die ihn aus dem Bett holen wollte mit „hau ab, Du Sau!“ an, am nächsten Nachmittag kam er aus seinem Zimmer, sah die Mitbewohner am Esstisch sitzen, breitete die Arme aus und rief fröhlich: „Da seid ihr ja alle.“
(Tipp Nr. 67: Immer am Ball bleiben.)

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