68. Josi freut sich

Jetzt war Josi schon drei Monate im Heim und im Großen und Ganzen gab es mehr gute Tage, als schlechte. Mein eigenes Wohlbefinden war sehr abhängig von seiner Tagesform und wenn ich nicht bei ihm war, konnte ich trotzdem nicht abschalten und die freie Zeit genießen. Es war ein Teufelskreis und ich hoffte auch für mich, dass sich die Situation in den nächsten Wochen und Monaten mehr entspannen würde, denn es durfte nicht zum Dauerzustand werden, ständig so unglücklich zu sein.
Die Heimleitung hatte mich zu einem Integrationsgespräch gebeten. Außer der Stationsschwester nahm noch eine Dame vom Sozialdienst sowie eine Dame aus der Geschäftsleitung teil. Meine Gesprächspartnerinnen berichteten mir aus ihrer Sicht, wie sich Josi eingelebt hat und ich musste ein wenig aus dem Nähkästchen plaudern und erzählen, wie ich ihn kennengelernt hatte und wie er früher so drauf war. An einigen Stellen meiner Erzählungen lachten sie, weil sie nun besser nachvollziehen konnten, warum Josi in ganz bestimmten Situationen so speziell reagierte. Das Gespräch war tatsächlich für das gegenseitige Verständnis sehr hilfreich. Mir wurde geraten, jetzt doch einige Familienbilder in sein Zimmer zu stellen und Notizen über seine Hobbys, Vorlieben und besonderen Vorkommnissen in seinem Leben zu machen. Das Pflegepersonal hätte dann für den Notfall einige Anknüpfungspunkte für ein Ablenkungsmanöver parat. Am Ende der Stunde wurde ich darauf vorbereitet, dass es noch ein Gespräch über das Sterben geben würde.

Josi sagt: „Langweilig hier.“

Noch am Abend war ich ganz aufgewühlt vom Nachmittag und den Erzählungen aus der Vergangenheit. Mich nahm es enorm mit, an all die schönen Dinge von früher erinnert zu werden, weil mich dann das Elend der Gegenwart einholte und ich noch mehr Angst vor der Zukunft bekam. Da kam keine Freude auf, im Gegenteil, nur Trauer und Traurigkeit und ich musste mich arg zusammennehmen, um nicht in Selbstmitleid oder eine Depression zu versinken. Immerhin wusste ich jetzt, dass ich ein Gespräch über das Sterben ablehnen würde. Wenn es soweit wäre, hätte ich immer noch genügend Zeit, mich darüber aufzuregen und damit auseinanderzusetzen, das musste ich mir ja nicht schon vorher antun und so schob ich das ganze Thema erst einmal energisch beiseite und ging zur Tagesordnung über. Für mich der einzig gangbare Weg, nicht groß lamentieren, sondern aufstehen, Krönchen richten und weitermachen.
Einen Rat befolgte ich denn noch und stellte Josi am nächsten Tag drei gerahmte Bilder von mir und seinen drei Kindern auf sein Regal. Er war begeistert und freute sich wahnsinnig darüber und zeigte sie stolz jedem, der sein Zimmer betrat. Mit den Notizen tat ich mir dagegen sehr schwer. Ich starrte auf ein weißes Blatt Papier, aber mir fiel nur banales Zeug ein. Josi war mit Leib und Seele Arzt gewesen und sein Beruf hatte den größten Teil seines Lebens eingenommen und ausgefüllt. Daneben blieb wenig Zeit für großartige Hobbys, wenn man mal von seiner ausgeprägten Reiselust absah. Dafür hatte er sich jedes Jahr einige Wochen Zeit genommen, aber die letzte gemeinsame Reise nach Sylt lag auch schon eine Ewigkeit zurück und sie war so schrecklich gewesen, dass ich gar nicht mehr daran denken mochte.
(Tipp Nr. 68: Alles mit ein wenig Abstand betrachten.)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.