69. Duschmuffel

69_GegensatzEs war mal wieder Zeit für ein Angehörigen-Treffen bei Kaffee und Kuchen. Den Austausch mit anderen Betroffen wusste ich immer mehr zu schätzen und es tat gut zu wissen, dass man mit seinem Kummer und seinen Nöten nicht alleine war. Später schaute ich bei Josi vorbei und er erzählte mir, dass er seit Tagen nicht mehr geduscht hatte. Als ich bei den Schwestern nachfragte erfuhr ich, dass es tatsächlich stimmte und sie vermuteten, dass er sich wahrscheinlich vor den teilweise doch recht jungen weiblichen Pflegekräften schämte. Wir konnten ihn alle gut verstehen und mir tat es in der Seele weh, ihn in solchen Nöten zu wissen und gleichzeitig war ich erleichtert, dass man auf seine Befindlichkeiten Rücksicht nahm. Intimpflege ist wirklich ein sehr delikates Thema und muss äußerst sensibel und behutsam angegangen werden und es gehört viel Fingerspitzengefühl dazu, die Schamgrenze nicht zu überschreiten. Als wir uns gerade beeiden, was zu tun sein, kam eine Schwester dazu, die sehr gut mit meinem Mann zu Recht kam und sie versprach mir, ihn am Abend zu duschen, was ihr später auch tatsächlich gelang. Ansonsten wurde mir versprochen, dass morgens auch schon einmal ein Pfleger von einer anderen Station aushelfen würde. In der Folgezeit wurde Josi zu allen möglichen und unmöglichen Tageszeiten geduscht oder gewaschen, wie es unserem Liebling eben gerade passte oder es in das Zeitfenster einer seiner Favoriten gepackt werden konnte. Diese für meinen Mann wunderbare Flexibilität ist natürlich nur in einem Haus mit wenigen Bewohnern möglich.
Josi sagt: „ich habe gebetet.“

Am nächsten Tag erzählte mir Josi, dass er bei einem Gottesdienst gewesen sei und ich dachte mir: „Wenn du meinst mein Liebling, dann träume ruhig weiter von so angenehmen Dingen.“ Durch Zufall erzählte ich einer Schwester davon und sie sagte: „ Ja, heute Vormittag war eine evangelische Pastorin hier und hat einen Gottesdienst gehalten.“ Ich schämte mich eine Runde und gelobte mir insgeheim Besserung. Am Nachmittag kamen zwei Clowns, ein junger Mann in Lederhosen und eine hübsche junge Frau in einem bunten Kleid, um die Truppe ein wenig aufzuheitern und abzulenken. Ich fand sie nicht besonders lustig, aber die Bewohner lachten sich kaputt über die albernen Witzchen und als sie ein Lied anstimmten, sangen alle mit. Mein Mann, der alte Charmeur, himmelte die junge Frau an, zeigte ständig mit dem Finger auf sie und sagte laut: „Ist die hübsch.“
Mich fasziniert es immer wieder, wie extrem Josi immer noch auf gut aussehende Frauen reagierte, er flirtete mit ihnen, machte ihnen Komplimente und war augenscheinlich entzückt, wenn sie in seiner Nähe waren und sich um ihn kümmerten. Dann war ich auch schon einmal vergessen, aber im Gegensatz zu früher, war ich nicht eifersüchtig, sondern freute mich, dass er glücklich war. Ich kam ja nicht zu kurz, denn mich schaute er auch oft sehr direkt an und sagte dann zu mir: „Du bist aber hübsch oder Du siehst gut aus.“
Leider sagte er jetzt ständig sehr laut, was er gerade dachte und das war dann immer mehr als peinlich. Entdeckte er übergewichtige Person, rief er ungeniert: „Die ist aber fett,“ und wenn er einen Pfleger oder Mitbewohner nicht mochte und der lief gerade an uns vorbei, konnte es vorkommen, dass Josi sagte: „Das ist so ein Arsch.“ Ich wünschte mir dann immer einen Abgrund, der sich vor uns öffnet. Natürlich zankte ich meinen Mann nach solchen Peinlichkeiten aus, aber meist grinste er dann einfach nur frech zurück nach Motto, ich darf jetzt endlich einmal sagen, was ich möchte.
(Tipp Nr. 69: Mitgefangen, mitgehangen.)

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