70. Josi will nach Moskau

Die Tage war ein Tanztee im großen Festsaal des Heimes angesagt und ich drückte mich und dachte mir, dass Josi auch ohne mich genügend Entertainment hätte und mich nicht vermissen würde. Als ich am darauffolgenden Nachmittag nachfragte, wie es gewesen sei, konnte er sich nicht mehr daran erinnern. Die Schwestern erzählten mir aber, dass er kräftig das Tanzbein geschwungen habe, zwischendurch in sein Zimmer gegangen sei, aber wieder zurückgekommen wäre. Ich freute mich, na also, ging doch auch einmal ohne mich.
Als Frau B. kürzlich Josi besuchte, erzählte sie ihm sehr viel von ihrer bevorstehenden Reise nach Moskau. Zur Abwechslung vergass er das nicht, im Gegenteil hatten ihn die detaillierten Erzählungen wahnsinnig aufgeregt und beschäftigt. Er wollte nun immerzu wissen, ob wir denn jetzt alle Papiere beisammen hätten, ob alles in Ordnung sei, wer alles mitkäme und wann denn endlich der Flieger ging. Frau B. habe ich daraufhin gebeten, ihm nicht mehr so spannende Geschichten zu erzählen, sie würden Josi nur Albträume und Angstzustände bescheren. Für jetzt und die Zukunft waren leichte Kost und seichte Unterhaltungen angesagt, die sich beruhigend auf die Nerven auswirkten.

Josi sagt: „Jetzt geht es los.“

An einem Montagmittag war ich im Heim, um den Arzt abzufangen und mit ihm über das Gewicht meines Mannes zu sprechen. Er war höchst erstaunt, dass Josi in sehr kurzer Zeit zehn Kilogramm zugenommen hatte und fand das natürlich auch nicht in Ordnung. Für die nächste Zeit war erst einmal fettreduzierte Kost angesagt und ich hoffte, dass die Belegschaft das jetzt endlich verinnerlichen und vor allen Dingen umsetzen würde. Zuvor hatte ich bei meinen Beschwerden immer nur gehört, dass die Gewichtszunahme von der mangelnden Bewegung käme. Aber wenig Bewegung macht nicht automatisch dick, außer man futtert dabei wie ein Scheunendrescher die falschen Sachen. Jeden Nachmittag ein großes Stück Kuchen mit Sahne bleibt auf den Hüften nicht unbemerkt. Es kommt auf die richtige Dosierung an und ein kleineres Stück machte Josi genauso glücklich, wie ein großes. Trotzdem ist das Thema Essen die reinste Gradwanderung, denn da an Demenz erkrankten Menschen wenige Vergnügungen bleiben, kann man sie natürlich nicht auf eine brutale Diät setzen und ihnen alle lieb gewordenen Dinge plötzlich vorenthalten, da gehören schon viel Fingerspitzengefühl und hinreichende Kenntnisse über gesunde Ernährung dazu, das war mir schon klar.
Für den Anfang war ich erst einmal erleichtert, dass alle Bescheid wussten und es mir hoffentlich erspart bleiben würde, mich weiter wie eine Giftnudel zu benehmen, die ihrem Mann das Essen nicht gönnt. Ich machte mir einfach Sorgen, denn wie ich schon zuvor erwähnte, schnaufte er beim Laufen wie eine kleine Dampflock und konnte sich im Liegen kaum von einer Seite auf die andere drehen, weil ihm sein dicker Bauch im Wege war und für sein krankes Herz war das starke Übergewicht ganz sicherlich auch nicht optimal. Ich machte alle seine Hosen weiter und kaufte zwei neue in einer Nummer größer dazu. Ein Pfleger machte mir den Vorschlag, Hosen mit Gummizug zu kaufen, die hätten die anderen Mitbewohner auch und wären sehr praktisch. Das war ganz sicherlich keine Option für uns, mein Mann sollte sein äußeres Erscheinungsbild behalten und auch die letzten Jahre seines Lebens in schicken Stoffhosen, Hemd und Jackett herumlaufen können, dafür zu sorgen war ich ihm schuldig.
(Tipp Nr. 70: Auch mal stur sein und nachhaken.)

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