71. Oktoberfest

Mittwochs wurde in der Wohngemeinschaft immer selber und frisch gekocht und die Bewohner, die noch halbwegs fit waren, schälten Kartoffeln und putzten das Gemüse, was allen viel Spaß machte. Da in München gerade Oktoberfest war, fragte ich die Schwestern ob es okay wäre, wenn ich für die Woche drauf für alle Weißwürstchen, Krautsalat, Brezel und süßen Senf mitbringen würde. Mein Vorschlag wurde mit Begeisterung aufgenommen und nachdem ich noch blau-weiße Servietten besorgt hatte, rückte ich beizeiten mit den Leckereien im Heim an. Eine Betreuerin hatte noch einen köstlichen Kartoffelsalat gemacht und der bayerische Schmaus war perfekt.
Josi war allerdings komplett irritiert, dass ich schon am Vormittag da war und den Tisch mit eindeckte – sollte ja eigentlich das Personal machen. Außerdem fand er die Servietten hässlich und er hatte schlechte Laune. An diesem Tag lief eben einiges anders und das war es wohl, was ihn störte. Seine Reaktion machte mich nachdenklich und mir wurde sehr deutlich bewusst, dass nicht immer das, was wir als Angehörige abwechslungsreich und schön finden, unsere Lieblinge automatisch auch so empfinden. Wir sind im guten Glauben, ihnen einen Gefallen zu tun, in Wirklichkeit stören wir ihren Rhythmus und bringen sie mit unserem Aktionismus durcheinander.

Josi sagt: „Bring!“

Jetzt mussten wir allerdings alle da durch und so befreiten wir die Würstchen von ihren Pellen und dann ging es auch schon los. Viele hatten noch nie eine Weißwurst gegessen, aber es schmeckte allen und ich war froh, dass ich zur Vorsicht ein halbes Dutzend mehr besorgt hatte, denn es sprach sich sehr schnell im ganzen Haus herum, dass es bei uns heute etwas Besonderes gab. Plötzlich hatten wir viele Besucher auf unserer Station, die ein wenig probieren und naschen wollten. Auch Josi hatte sich wieder eingekriegt und auf meine Frage, ob es ihm schmecken würde, antwortete er: „Wie früher.“ Nach dem Essen gab es noch einen Becher Pudding mit Sahne für jeden Bewohner und als der Becher nicht schnell genug bei meinem Mann landete, krähte er plötzlich wie ein kleines Kind: „Will auch haben, bring!“ Für ihn gab es ein Magermilchjoghurt, was er glücklicherweise nicht bemerkte.
Am Sonntag war Josi nicht zu bewegen, sich anzuziehen, trotzdem wollte er mit mir und seinen Mitbewohnern gerne Kaffee trinken. Als ich ihn fragte, ob ihm sein Aufzug nicht peinlich sei, antwortete er: „Nö, die Leute stören mich nicht!“ Am nächsten Tag empfing er mich mit den Worten: „Ach, da bist du ja endlich, um mich abzuholen. Was mache ich hier und wer hatte meine Hosen an?“ Zum Glück hatte er mehrere Fragen gleichzeitig gestellt und ich konnte ihn mit der Erklärung, dass das hier alles seine eigenen Hosen seien, vom brisanten Thema ablenken. Auch ich war lernfähig und bekam nicht mehr gleich einen Herzinfarkt, wenn er mal wieder nach Hause wollte, sondern konnte ihn mittlerweile geschickt ablenken. Den Trick hatte ich vom Pflegepersonal abgeschaut, die wahre Meister im Taktieren und Ablenken sind. Oft erwischte ich einen grinsenden Josi, der auf der Bettkante saß und eine Banane aß, die er sich in der Küche stibitzt hatte. Da brauchte ich mich nicht zu wundern, dass er immer noch kein Gramm abgenommen hatte. Ich stupste dann seinen dicken Bauch an und schimpfte ein wenig, aber sehr ernsthaft war das natürlich nicht gemeint und er merkte das ganz genau, denn sein Grinsen wurde immer breiter.
(Tipp Nr. 71: Immer wieder großzügig sein.)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.