72. Abwechslung

Glücklicherweise gab es rund um das Heim eine große Baustelle, die Fundamente des Gebäudes mussten trockengelegt werden. Da wuselten dann plötzlich Arbeiter mit Schaufeln und Baggern herum und Josi musste sie natürlich ständig kontrollieren und schauen, wie weit sie waren und ob sie auch alles richtig machten. Für ihn eine hochwillkommene Abwechslung und ich wurde jeden Nachmittag auf den neuesten Stand gebracht. Eines Morgens wollte sich Josi die Baustelle mal von vorne anschauen und marschierte durch die Haustür. Dank seines Alarmgerätes konnte er nicht unbemerkt das Haus verlassen und Schwester Sonja eilte gleich hinter ihm her. Aber auch die Handwerker hatten ein wachsames Auge und fragten ihn, wo er denn hin wolle? „Nach Hause,“ antwortete mein Mann, aber da war ihm auch schon die Schwester auf den Fersen und als er sie sah, freute er sich und rief: „Ach, da bist Du ja.“ „Ja, ich bin da,“ erwiderte sie lachend, „aber Sie können nicht alleine nach Hause, das ist doch viel zu weit weg, wir gehen jetzt lieber gemütlich einen Kaffee trinken.“ Gesagt, getan und alles war gut.

Josi sagt: „Alles richtig hier.“

Die Tage sagte eine Besucherin, die zu Josi wollte, kurzfristig ab und da ich schon verplant war, ging ich auch nicht zu ihm. Die Schwestern erzählten mir später, dass er an diesem Nachmittag sehr traurig gewesen wäre und wohl sehr deutlich wahrgenommen hatte, dass ich nicht da war. Von wegen, dass an Demenz erkrankte Menschen immer alles vergessen. Mich quälte das schlechte Gewissen, denn ich konnte es nicht ertragen, wenn mein Liebling traurig war. Wenigstens erfuhr ich noch, dass Josi bei einem Musikspiel mitgemacht hatte und ein sehr gutes Taktgefühl gezeigt hätte. Kein Wunder, in seiner Jugend hatte er lange und sehr gut Geige gespielt und demnach war seine Musikalität nicht ganz verschütt gegangen, ein kleiner Trost.
Der neue Mitbewohner Herr S. war reichlich verwirrt und er hielt sich gerne in fremden Zimmern auf. Während mein Mann seelenruhig in seinem Bett schlief, hatte Herr S. Josis Ohrensessel als Toilette missbraucht und auch im gesamten Zimmer und im Bad seine sichtbaren, übel duftenden Spuren hinterlassen. Zum Glück hatte der Sessel einen Hussen, den ich abziehen konnte und nachdem die Reinigung sich geweigert hatte, ihn zu säubern, stopfte ich ihn kurz entschlossen mit spitzen Fingern in meine eigene Waschmaschine. Sheet happens! Danach sah er wider Erwarten aus, wie neu, war keinen Millimeter eingelaufen und ließ sich problemlos über den Sessel stülpen.
Es war beim Kauf des Sessel eine kluge Entscheidung von mir gewesen, eine Sitzgelegenheit mit einem abnehmbaren Bezug zu kaufen und ich kann nur jedem wärmstens empfehlen, bei einem Neuanschaffung ebenfalls darauf zu achten. Alternativ empfiehlt es sich, eine Schutzdecke auf die Sitzfläche zu legen, denn ein Malheur ist schnell geschehen und dann hat man zwar eine Bescherung, muss sich aber nicht auch noch über umständliche Reinigungsaktionen ärgern.
Die Baustelle auf dem Heimgelände brachte uns weiterhin genügend interessanten Gesprächsstoff und Abwechslung. Mit dieser realen Situation konnte Josi eine Menge anfangen. Er sah die Veränderungen und liebte es, den Arbeitern zuzuschauen, wenn sie mit dem kleinen Schaufelbagger die Erde aushoben und die Wände des Hauses verkleideten. Jeden Tag ging er freiwillig mit nach draußen, wenn ich das Zauberwort „Baustelle“ sagte und er zeigte mir detailliert die gemachten Fortschritte und ich hatte den Eindruck, dass er sehr glücklich war, auch mir mal etwas erzählen zu können.
( Tipp Nr. 72: Experimentierfreudig bleiben.)

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