73. Schlechte Nachrichten

Ende Oktober musste ich mit Josi zum Röntgen seiner Zähne. Der Termin war für 10.30 Uhr angesetzt und ich war beizeiten im Heim, weil ich Sorge hatte, dass es Schwierigkeiten geben könnte, meinen Mann so früh aus dem Bett zu bekommen. Bei meinem Eintreffen saß er jedoch schon adrett gekleidet beim Frühstück und putzte sich anschließend sogar bereitwillig die Zähne und spülte den Mund aus und mir fiel ein Stein vom Herzen. Um diese Uhrzeit hätte es ja auch Stress ohne Ende geben können. Eine Schwester half mir, meinen Liebling zum Auto zu bringen und los ging es. Das Institut war nicht weit entfernt, wir fanden auf Anhieb einen Parkplatz und mussten nur wenige Schritte zum Aufzug laufen. Josi guckte sich interessiert im Wartezimmer um, bestaunte die bunten Kindermöbel und die hutaussehenden jungen Frauen, die ihn mit zum Röntgen nahmen. Es klappte alles wunderbar und ich war kolossal erleichtert. Auf dem Rückweg zum Heim sagte er ganz erstaunt: „Ach, hier fahren wir wieder hin.“

Josi sagt: „Ich habe keine Schuhe mehr.“

Am nächsten Tag hatte ich einen Besprechungstermin bei der Zahnärztin. Man konnte nicht direkt vor der Praxis parken und einen Aufzug gab es auch nicht, sondern nur zwei schmale Treppen und ich fragte mich besorgt, wie Josi das schaffen sollte. Die Zahnärztin beruhigte mich jedoch, als ich meine Bedenken äußerte und meinte, das würde schon klappen, sie würden uns alle behilflich sein. Ihr Wort in Gottes Ohr! Noch furchteinflössender war die Nachricht, dass meinem Mann acht Backenzähne und eine Wurzel im Frontbereich gezogen werden müssten. Sie wollte danach mit Brücken und Klammern arbeiten und mir wurde immer elender zumute, weil mir sofort klar wurde, dass Josi mit solchen Dingen im Mund niemals klarkommen würde. Die Zahnärztin schien sich nicht so große Sorgen zu machen und erklärte mir, dass sie als erstes die Wurzel ziehen würde und dann könnten wir weitersehen. Eine Sanierung des Gebisses sei allerdings unumgänglich, weil eine befürchtete Entzündung unbedingt verhindert werden müsste. Sie schien sich ihrer Sache sehr sicher zu sein und da sie schon seit längerer Zeit Patienten in Pflegeheimen betreute, sollte sie eigentlich wissen, was alten und kranken Menschen noch zugemutet werden kann. Ich war trotzdem regelrecht geschockt und nahm mir insgeheim vor, mich an anderer Stelle schlau zu machen, ob es nicht doch noch eine erträglichere Lösung für Josi geben könnte. Die Zahnärztin wollte sich mit dem Hausarzt in Verbindung setzen, denn der Blutverdünner, den mein Mann bekam, müsste reduziert werden und sie würde auch organisieren, dass uns ein Begleiter aus dem Heim beim nächsten Termin unterstützen würde. Schon in der übernächsten Woche sollte es losgehen.
Mit bangem Herzen fuhr ich anschließend zu meinem Liebling. Er lag noch im Bett und schlief und obwohl das Mittagessen anstand, hatte er keine Lust aufzustehen. Kein Problem, erfuhr ich von den Schwester, man würde ihm das Essen eben später noch einmal aufwärmen. Während ich plaudernd in der Küche stand, schlurfte Herr S. vorbei und ich staunte nicht schlecht, als ich an seinen Füßen die Schuhe von Josi entdeckte. Wir hatten sie schon seit Tagen verzweifelt gesucht und ich war ziemlich sauer geworden, weil sie das einzige Paar waren, das ihm noch gut passte. Es passierte immer wieder, dass Bewohner in fremde Zimmer gingen und irgendwelche Sachen mitgehen ließen. Das war sehr ärgerlich, aber sie machten das ja nicht mit Absicht und glücklicherweise tauchten die Gegenstände nach einer gewissen Zeit meist wieder auf.
(Tipp Nr. 73: Niemals auf Anhieb einen ersten Lösungsvorschlag akzeptieren.)

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